Eine Lehrerin schreibt in einer Grundschule Wörter mit "Sp" am Anfang an eine Tafel. (Archivbild) (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow (Archivbild))

"Wie ein Ziegelstein im Schwimmen"

Streit um Lehrerstellen: Bildungsverbände attackieren Kretschmann

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Mehr Lehrer machen den Unterricht nicht unbedingt besser, findet Ministerpräsident Kretschmann. Die Verbände sind verärgert - Unterstützung bekommen sie von der SPD.

Bedeuten weniger Schülerinnen und Schüler auf mehr Lehrkräfte auch einen besseren Unterricht? Über die Beantwortung dieser Fragen ist in Baden-Württemberg ein Streit zwischen Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und den Bildungsverbänden entbrannt.

Mehr Lehrkräfte und weniger Schüler in BW

Kretschmann hatte in einem Interview mit Bezug auf Lehrerinnen und Lehrer betont, dass es immer auf die Qualität ankomme. "Viel hilft eben nicht viel", so der Grünen-Politiker. Die Qualitätsinstitutionen, die die ehemalige Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) in der vergangenen Legislaturperiode geschaffen hat, müssten in Gang kommen. "Was ist mit der Lehrerfortbildung? Was ist mit der Qualitätssicherung? Wie etablieren wir ein Bildungsmonitoring?", fragte Kretschmann.

Die Zahl der sogenannten Vollzeitlehrereinheiten an allgemeinbildenden Schulen in Baden-Württemberg stieg nach Angaben des Statistischen Landesamts in den letzten 30 Jahren um rund 11.500 auf derzeit 82.961. Die Schülerzahl an allgemeinbildenden Schulen sinkt hingegen seit 16 Jahren in Baden-Württemberg kontinuierlich.

Kretschmann: Heute mehr Betreuung notwendig

Niemand könne heute noch so unterrichten wie vor 40 Jahren, die Welt habe sich verändert, räumte Kretschmann ein, der nach seinem zweiten Staatsexamen 1977 selbst als Lehrer in Baden-Württemberg unterrichtete. "Das ist alles aufwendiger und komplizierter geworden - die Heterogenität, also die Notwendigkeit für individuelle Förderung, hat stark zugenommen." Kretschmann sprach unter anderem von einem riesigen Migrantenanteil. Das erfordere alles mehr Lehrerinnen und Lehrer, ohne dass es dadurch gleich besser werde.

Auch die Klassengröße sagt nach Meinung des grünen Regierungschefs nichts über die Qualität des Unterrichts aus. "Bei kleinen Klassen wissen wir aus der Wissenschaft, dass es kein belastbares Kriterium für Erfolg ist." Es müsse stets auf die Qualität geachtet werden, betonte er.

VBE: Kretschmann bei Bedarfsplanung "wie ein Ziegelstein im Schwimmen"

Die Bildungsverbände in Baden-Württemberg reagierten mit Unverständnis auf Kretschmanns Äußerungen und kritisierten stattdessen einen Mangel an Lehrkräften. "Herr Kretschmann ist in der Lehrerbedarfsplanung so gut wie ein Ziegelstein im Schwimmen", sagte der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Gerhard Brand. Er wundere sich angesichts der Äußerungen, warum das Land dann nicht in der Lage sei, den Pflichtbereich im Grundschulunterricht sicherzustellen.

Auch im Sekundarbereich fehlten je nach Fach Lehrerinnen und Lehrer, etwa bei den sogenannten MINT-Fächern, also Fächern aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Freiburg müsse sich zwar keine Sorgen machen, sagte Brand. "Aber nach Waldshut-Tiengen will keiner." Ohne ausreichend Lehrkräfte könne man zudem den Ganztag nicht ausbauen wie geplant, betonte Brand. Und man sei bei der Inklusion in den letzten Jahren "keinen Meter vorangekommen." Es brauche dringend Sonderpädagoginnen und -pädagogen, die für die Kinder da seien.

Der VBE-Vorsitzende Brand stimmte Kretschmann zwar zu, dass sich Unterricht verändert habe. Die Erziehungsarbeit an Schulen nehme zu. Aber er macht eine andere Gleichung auf als der grüne Regierungschef: "Mehr Lehrer bedeutet weniger Unterrichtsausfall, mehr Förderunterricht, mehr Sicherheit."

GEW kritisiert Kretschmanns "unterkomplexe Ansicht"

"Wenn auf die wachsenden Aufgaben nicht mit genügend Personal reagiert wird, können die Lehrer die Aufgaben nicht erfüllen, weil sie schlicht überlastet sind", so Michael Hirn, der stellvertretende Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Er sprach von einer "unterkomplexen Ansicht von Herrn Kretschmann". Quantität sei die Voraussetzung, dass Qualität in der Bildung umgesetzt werden könne.

Baden-Württemberg sei im Landesvergleich zudem immer noch auf Platz 16, was das Lehrer-Schüler-Verhältnis an Grundschulen angehe, kritisierte Hirn. Mit der Qualitätsdebatte wolle die Landesregierung von Problemen ablenken, die sie nicht löse - etwa die nötigen Stellen zu schaffen.

SPD: Kretschmann hat Bezug zum Schul-Alltag verloren

"Wer im Sommer 2021 mit solchen Aussagen auffällt wie der Ministerpräsident, hat den Bezug zum Alltag in unseren Schulen gänzlich verloren", sagte SPD-Fraktionschef Andreas Stoch, selbst einst Kultusminister. Baden-Württemberg stehe vor einem Schuljahr mit einem Rekordmangel in der Versorgung mit Lehrerinnen und Lehrern. Das bedeute Unterrichtsausfall: "Da geht es nicht um mehr oder weniger Lehrer, sondern um gar keine Lehrer." Dass es heute mehr Lehrer pro Schulkind gebe, sei gut und richtig, sagte Stoch. "Wir wollen keine Klassen mit 50 Kindern mehr."

Institute für besseren Unterricht an Schulen

Das Institut für Bildungsanalysen (IBBW) und das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL), auf die Kretschmann verwies, sollen den Schulunterricht verbessern. Die Institute gingen im Frühjahr 2019 an den Start. Das IBBW soll untersuchen, wie es um die Bildungsqualität bestellt ist - bis runter auf die einzelne Schule. Eine der Kernaufgaben soll die Erstellung von zentralen Prüfungen für die allgemeinbildenden und beruflichen Schulen sein. Das ZSL soll unter anderem die Lehrerfortbildung verbessern, sich um die Erarbeitung von Bildungsplänen und die Zulassung von Schulbüchern kümmern.

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