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Stillen im Café, im Zug, im Einkaufszentrum. Für viele Mamas das Natürlichste der Welt. Andere fühlen sich vom Baby am Busen belästigt. Ein Pro und Contra - und was eine Hebamme dazu sagt.

Ein altehrwürdiges Café in Karlsruhe. Der Besitzer und seine Familie sind zwischen die Fronten der Stammkundschaft und stillenden Müttern geraten. Der Mann sieht sich in einem Interessenkonflikt und sagt, Mütter sollten "dezenter" stillen. Dieser Fall bildet ein Problem ab, das viele sehr beschäftigt. Das zeigt die rege Diskussion auf der Facebook-Seite von SWR Aktuell, nachdem wir dort von dem Protest stillender Mütter vor besagtem Café berichtet haben.

https://www.facebook.com/SWRAktuell/posts/2943786338993407:0

Contra: Stillen können die "Übermuttis" doch daheim

Viele Kritiker des Stillens in der Öffentlichkeit finden es wie Sonja Raiber "okay, wenn sich das Cafe wehrt. Es ist unternehmerische Freiheit zu entscheiden, was erlaubt ist und was nicht". Einige Kritiker vergleichen das Füttern des Babys an der Brust mit anderen menschlichen Bedürfnissen wie dem Toilettengang oder Sex. Stratn Sabine schreibt zum Beispiel: "Alles normal. Aber das machen wir auch nicht in der Öffentlichkeit aus Rücksicht auf anderer." Aus ihrer Sicht sind die ganzen "Übermuttis" ohnehin "Intolerant und lassen keine anderen Meinungen zu". In diese Richtung argumentiert auch Fritz Leisinger. Er schreibt, den Müttern gehe es nicht ums Stillen, "sondern um´szur Schau stellen".

Nico Rubner möchte beim Steakessen keine "Frau sehen die ihre Brüste rausholt zum stillen". Er findet, das könnte man "diskret machen wenn es unbedingt sein muss". Helen Maria Ray empfiehlt, die Milch abzupumpen. So müsse man nicht "in aller Öffentlichkeit ein Kind stillen". Viele, die Mütter kritisieren, die draußen ihren Kindern Muttermilch geben, sind der Meinung, dass das Stillen zuhause erledigt werden sollte. So auch Andrea Bayerl, die schreibt: "Früher hatten die Kinder auch Hunger. Da wurde diskret gestillt oder zu den Zeiten Zuhause geblieben. Heute meinen die Mütter immer und überall dabei zu sein um nichts zu verpassen." Ein anderer Facebooknutzer namens Tom Lestat hat Verständnis: "Gerade die ältere Generation hat einfach noch eher ein Problem mit einer derartigen Freizügigkeit, das muss man einfach akzeptieren." Hary Hund ist außerdem der Meinung, dass ein Kind nicht sterbe, wenn es mal warten müsse.

Pro: Raus für das normalste der Welt

"Stillen ist das normalste der Welt.Ich finde es traurig, dass unsere Gesellschaft mehr und mehr rauer und kälter wird", schreibt Kerstin Schleuder unter unserem Facebook-Post. Eberhard Bartens berichtet, dass er schon öfters stillende Mamas in der Öffentlichkeit gesehen hat. "Es hat mich nicht gestört die Mütter machen es doch Diskret, und wenn ich es nicht sehn will kann ich ja in meine Kaffeetasse schauen. eigendlich verbietet es der Abstand Mutter und Kind anzustarren." Jenn Chen berichtet, dass es nicht immer möglich ist dezent zu stillen: "Ab einem bestimmten Alter fangen die Kinder an ihren Hunger zu stillen und trotzdem was sehen zu wollen... und reißen eben Tücher usw. die man sich zum dezenten Stillen drüber legt, einfach runter."

Carola Schmidt hat den Eindruck, dass Ältere mit dem öffentlichen Stillen oft weniger ein Problem haben, als Junge: "Von den Älteren kamen oft Bemerkungen wie 'Haben Sie es jetzt gut. Wir haben uns das früher nicht getraut'. In der Generation meiner Mutter war das kein Thema, weil Mütter mit Babys gar nicht rausgehen sollten, sondern die ersten Wochen und Monate wenn möglich zuhause verbracht haben." Heutzutage ist das anders, viele Mütter gehen raus mit ihren Kindern. Annika Posella erklärt, "dass es Phasen gibt, in welchen ein Kind nahezu 24 Stunden am Tag gestillt werden will und das über viele Tage". Zum Beispiel während Wachstumsschüben. "Soll man sich da als Mutter begraben?", fragt die Facebook-Nutzerin. Auf den Hinweis vieler Kritiker, den Kindern doch vor dem Verlassen des Hauses die Brust zu geben, entgegnet Nadine Goreth: "Da hätte ich 9 Monate nicht mehr aus dem Haus können weil mein Kind eben nicht nach Zeitschaltuhr hunger hatte."

Abdecken als Kompromiss?

Einige Nutzer empfehlen als Kompromiss, die Brust beim Stillen zum Beispiel im Café etwas zu bedecken, auf die Toilette oder in spezielle Stillecken zu gehen. Vielleicht ist es aber Hans-Jürgen Vomfeys Kommentar, über den wir nachdenken sollten: "Mein Vater war im Krieg in Frankreich, er erzählte das im Park in Paris die Bürger die an einer stillenden Mutter auf der Bank vorbeigingen den Hut zogen!"

Was eine Hebamme zu der Diskussion sagt

Eine, die das Thema Stillen schon ewig begleitet, ist die Hebamme Gertrude Krewer aus Benningen im Kreis Ludwigsburg. Sie ist 72 Jahre alt, arbeitet seit fast 50 Jahren als Hebamme und denkt gar nicht ans Aufhören. Sie sagt, "es sollte etwas Selbstverständliches werden, dass in der Öffentlichkeit gestillt wird. Aber ich denke auch, Frauen können so dezent Stillen in der Öffentlichkeit, dass es für die anderen nicht störend ist." Die ältere Generation verstehe das nicht, so Krewer. "Weil sie aus einer Zeit kommen, in der das einfach tabu war. Das wurde zuhause in den eigenen vier Wänden gemacht und nicht außerhalb."

Die Hebamme ist froh, dass sich die Einstellung zum Stillen über die Jahre geändert hat. "Seit man weiß, dass das nicht nur Nahrungsaufnahme ist, sondern auch viel Körperkontakt bedeutet. Und seit man sich auch viel mehr Gedanken darüber macht, was die Muttermilch ist. Dass das nicht nur Milch ist, sondern das ist, was das Kind wirklich braucht. Stillen ist auch viel Zweisamkeit." Zu dem Argumet der Kritiker, Frauen könnten doch ihre Kinder zuhause stillen und danach raus gehen, entgegnet Krewer: "Das war die Zeit, in der die Kinder nur ihre fünf Mahlzeiten bekommen haben. Wenn sie dazwischen Hunger hatten, hatten sie Pech. Wir essen ja auch nicht immer, wenn es gerade an der Zeit ist." Die Hebamme erinnert sich noch gut, dass sich die Frauen früher sehr an die Uhr gehalten haben. Eine Zeit, in der Babys um 6, 10, 14, 18, 22 Uhr - und dann erst wieder um 6 Uhr etwas bekommen haben. "Dazwischen hat man die Kinder weinen lassen oder sie mit Tee abgefüttert. Aber meistens haben sie gar nichts gekriegt. Und irgendwann waren sie so frustriert, dass sie nicht mehr geschrieen haben."

Für viele Mütter heute unvorstellbar. Krewer erzählt, dass man nun mehr auf das Kind hört. "Man achtet wesentlich mehr auf seine Bedürfnisse." Während sie Müttern rät, die Brust beim Stillen einfach etwas zu bedecken, wünscht sich die Hebamme, dass die Kritiker "das als normale Nahrungsaufnahme sehen. Sie decken ja schließlich auch nicht den Teller zu beim Essen."

Anmerkung der Redaktion: Alle Facebook-Kommentare in Original-Schreibweise

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