Junge Menschen stehen während eines mit Schnelltests abgesicherten Modellversuchs in Schlesweig-Holstein in einer Diskothek eng beieinander und tragen keinen Mundschutz. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Markus Scholz)

Folgen der Pandemie

Die Partyszene und Corona: Ein langsames Sterben?

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Lockdown, Lockerungen, Schließungen. Clubs und Diskotheken müssen weiterhin geschlossen bleiben. Die baden-württembergische Unterhaltungsszene leidet, engagiert sich aber auch im Kampf gegen Corona.

Ausgelassen feiern und tanzen? Fehlanzeige! Unterhaltungseinrichtungen wie Clubs und Diskotheken müssen weiterhin geschlossen bleiben. Bei der momentanen Hospitalisierungsinzidenz im Land hätten Nachtclubs eigentlich wieder öffnen können. Allerdings hat das Staatsministerium bereits am Freitagabend mitgeteilt, dass die in der Alarmstufe II geltenden Regeln wegen der hoch ansteckenden Omikron-Variante "bis auf Weiteres" verlängert werden sollen. "Leider muss zum aktuellen Zeitpunkt in Alarmstufe II geschlossen bleiben, ich gehe aber davon aus, dass die Alarmstufe I eine Cluböffnung ohne Masken ermöglicht. Dieses Hin und Her ist trotzdem natürlich ein sehr schwieriges Gefühl, weil man überhaupt gar keine planbare Situation hat", erklärt der Stuttgarter Nils Runge. Er ist der erste Nachtmanager in der Region Stuttgart und im Vorstand der IG Clubkultur Baden-Württemberg.

"Mit der Corona-Verordnung und dem Stufensystem verlässt man sich auf Perspektiven, auf eine Planbarkeit und die wird natürlich bei einer kurzfristigen Veränderung über den Haufen geworfen", kritisiert Runge im Gespräch mit dem SWR. Clubs und Diskotheken sollten aber erst wieder öffnen, wenn auch wieder eine langfristige Öffnung sinnvoll sei, sagt er. "Denn es macht wenig Sinn, Clubs und Diskotheken für eine Woche zu öffnen und dann müssen sie wieder zu machen." Dahinter stehe auch immer ein langer Rattenschwanz an Organisatorischem und auch eine Warenkette, so der Stuttgarter Nachtmanager.

Neue Corona-Beschlüsse: Discos und Clubs müssen geschlossen bleiben (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sven Hoppe)
Clubs und Diskos werden "bis auf Weiteres" geschlossen. Das sehen die Beschlüsse der Bund-Länder-Konferenz vor. (Symbolbild) picture alliance/dpa | Sven Hoppe

Finanzielle Hilfen nicht ausreichend

Ob die Clubszene aussterbe oder nicht, sei vor allem davon abhängig, ob die Überbrückungshilfe IV, die bis Ende März 2022 gelte, zeitnah ausgezahlt werde, so Runge. "Wenn die Clubs und Diskotheken die wirtschaftliche Unterstützung bekommen, dann kann auf jeden Fall einem Großteil geholfen werden, aber das ist nur ein monetärer Ausgleich", sagt er. Es gehe im Nachtleben nicht nur um das Finanzielle, sondern auch um den sozialen Ausgleich, fügt Runge hinzu. "Für Mitarbeitende und für die Gäste, stellt das Nachtleben einen Ort zum Ausleben, zum Experimentieren dar. Das fehlt natürlich. Und das ist eine gesellschaftliche, soziale Veränderung, die uns gerade sehr stark beeinflusst", sagt er.

Außerdem erhalte man nur noch 90 Prozent Zuschuss und nicht mehr 100 Prozent, wie bei den vergangenen Hilfen, so Runge. "Es ist ein enormer Aufwand. Viele Club-Besitzerinnen und Club-Besitzer haben die Überbrückungshilfe IV noch nicht beantragt, weil sie die Folgeanträge bei Änderungen vermeiden wollen. Auch wünschen sie sich, dass die Auszahlungen schneller erfolgen. Weil man doch sehr lange auf sein Geld wartet", so Runge. In der Wartezeit gehe man in Vorleistung und das dann meistens mit Hilfe von Krediten. Zudem könne man auch noch nicht sagen, wie gut die Hilfen greifen. "Die schwierige Situation wird sein, wenn Clubs und Diskotheken wieder öffnen können. Dann eventuell mit verminderten Kapazitäten bei gleichzeitig erhöhtem Personalaufwand und dann müssen die Kredite wieder zurückgezahlt werden." Das könne bei einigen zum finanziellen Ruin führen, so Runge.

Eine Maske liegt auf dem Mischpult im Club "Neko". (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Philipp von Ditfurth)
picture alliance/dpa | Philipp von Ditfurth

Verständnis für Maßnahmen der Landesregierung

Von diesem Hin und Her kann auch Michael Dang ein Lied singen. Seine Geschäfte seien im Sommer 2021 wieder gut angelaufen, die Menschen wollten feiern und Spaß haben, so Dang im Gespräch mit dem SWR. Der junge Pforzheimer ist Geschäftsführer und Gründer einer Eventagentur. "Ich habe von den ersten Corona-Wirtschaftshilfen profitiert. Im internationalen Vergleich sind wir hier in Deutschland ohnehin sehr privilegiert. Wir wurden gut aufgefangen", so der 30-Jährige. Seine Dankbarkeit sei größer als sein Frust.

Im Herbst 2021 hat er mit zwei Mitstreitern die Dang & Werkmann Medical GbR gegründet, die mittlerweile 16 Teststationen in Stuttgart und Umgebung betreibt. Weitere sind in Planung. "Ich begrüße die Maßnahmen der Landesregierung. Wir sehen es in unseren Testzentren: Seit letzter Woche haben wir einen Anstieg von bis zu 400 Prozent der positiven Fälle. Lockerungen wären jetzt sicher ein falsches Zeichen", so Dang.

BW: Unterhaltungsszene engagiert sich im Kampf gegen Corona

Doch auch Dang wurde es letztes Jahr zu viel. Erst Corona, dann der erste Lockdown, ein paar Lockerungen, nun wieder Einschränkungen. Ein normales Arbeiten sei einfach nicht mehr möglich gewesen. "Ständig diese Ungewissheit." Mit den Teststationen hat er aus der Not eine Tugend gemacht. Und er holte sich mit zwei Mitstreitern nach und nach noch mehr "Betroffene" ins Boot. Mittlerweile rund 100 Menschen. Darunter der Veranstalter von "Sindelfingen rockt", Gastronomen, Messebauer und andere, die aufgrund der Pandemie viel zu viel Zeit haben. Durch das Testen engagieren sie sich gemeinsam im Kampf gegen Corona und bestreiten damit auch ihren Lebensunterhalt.

Die Nachtclubszene habe sich stetig dafür eingesetzt, ihre Einrichtungen unter möglichst sicheren Bedingungen öffnen zu können. "Sie haben sich neue Belüftungsanlagen angeschafft, CO2-Filter eingebaut, haben immer eine Kontaktnachverfolgung durchgeführt", betont Nachtmanager Runge. Es habe wenige Negativbeispiele gegeben. "Wenn sich eine ganze Branche in einer Krise anpasst, dann sollte so etwas langfristig auch belohnt werden. Die Branche darf nicht einfach ignoriert werden. Man muss überlegen, unter welchen Bedingungen langfristig geöffnet werden kann", so Runge.

"Eines Tages lassen wir es wieder richtig krachen"

Der 30-jährige Eventmanager Dang bleibt weiterhin positiv: "Die Menschen wollen feiern und Spaß haben, das wird sich nie ändern." Momentan gehe das zwar nicht. "Es gibt leider inzwischen 20-Jährige, die noch nie in einem Club oder auf einem Festival waren. Aber ich bin mir sicher, eines Tages lassen wir es wieder richtig krachen."

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