Schüler einer fünften Klasse eines Gymnasiums benutzen im Unterricht einen Laptop (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Daniel Reinhardt)

Lernplattformen und technische Ausrüstung

Digitaler Schulunterricht in Baden-Württemberg: Viele Besserungen, aber auch noch Defizite

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Corona hat der Digitalisierung der Schulen in Baden-Württemberg einen enormen Schub verliehen. Doch immer noch geht vieles zu langsam. Das bestätigen Schulleiterinnen und Schulleiter.

Nach wie vor gibt es an den Schulen in Baden-Württemberg eine große Diskussion über die Digitalisierung. Zwar gab es einige Verbesserungen, aber Defizite sind immer noch erkennbar.

"Es hat sich durch die Corona-Pandemie im letzten Schuljahr viel verbessert, was die Digitalisierung angeht," erklärte beispielweise Mareike Demand, die stellvertretende Schulleiterin der Johannes-Kepler-Gemeinschaftsschule in Magstadt (Kreis Böblingen). "Endlich haben wir durch das Förderprogramm des Landes das W-Lan im Schulgebäude ausbauen können". Aber immer noch gebe es ein Gebäude der Schule, das noch komplett ohne W-Lan-Versorgung ist. Und es fehlten laut Demand noch viele Endgeräte für die gut 500 Schülerinnen und Schüler. "65 Laptops können wir derzeit ausleihen." Das reiche noch lange nicht, meinte die Mathe- und Chemielehrerin am Mittwoch - dem letzten Schultag vor den Sommerferien - gegenüber dem SWR.

"Die Pandemie hat endlich das Thema Digitalisierung an den Schulen ins Bewusstsein gerückt. Jetzt müssen wir dranbleiben und alles zügig umsetzen."

Ihr Kollege vom Sindelfinger Gymnasium in den Pfarrwiesen (Kreis Böblingen) , Ulrich Mayer, sieht es ähnlich. Die Pandemie habe vieles beschleunigt. Der Rektor des Gymnasiums freut sich zum Beispiel, dass seine 54 Lehrerinnen und Lehrer endlich Endgeräte bekommen. "Das ist wirklich toll. Es gibt die digitale Schultasche für die Lehrerinnen und Lehrer mit einem einheitlichen Tablet. Außerdem wird unsere Schule jetzt an den Glasfaserring der Stadt angeschlossen." Mayer zeigt sich begeistert, dass durch die vielen Förderprogramme des Landes jetzt alles an Fahrt aufnimmt. Trotzdem geht es ihm immer noch nicht schnell genug. Die Schule in Sindelfingen hat rund 520 Schülerinnen und Schüler. Bis alle Gebäude W-Lan haben, werde noch ein weiteres Jahr vergehen, bedauert Mayer.

Nicht alle Schüler verfügen über Tablets wie dieses, um digital von zu Hause aus zu lernen (Foto: dpa Bildfunk, Marijan Murat (picture-alliance/dpa))
Nicht alle Schüler verfügen über Tablets wie dieses, um digital von zu Hause aus zu lernen Marijan Murat (picture-alliance/dpa)

Traum von Tablets für alle Schülerinnen und Schüler

Der Schulleiter aus Sindelfingen wünscht sich Tablets für alle Schülerinnen und Schüler. "Die Eltern geben zwar viel für die Smartphones ihrer Kinder aus, aber für ein vernünftiges Tablet ist häufig das Geld nicht da." Bei der ganzen Diskussion um teure Luftreinigungsgeräte für Schulen würde er viel lieber Tablets für alle Schülerinnen und Schüler anschaffen.

"Gut vorbereitet für den Herbst"

Für ein möglichen erneuten Distanzunterricht im Herbst sieht Ulrich Mayer seine Schule gut vorbereitet. Im ersten Lockdown habe seine Schule als einzige Schule in Sindelfingen die vom Land bereitgestellte Lern-Plattform Moodle verwendet. Das habe im Großen und Ganzen gut funktioniert, erzählt Mayer. "Ein Vorteil von Moodle war auch, dass wir damit Elternabende digital machen konnten. Mit Microsoft Teams war das ja immer aus datenschutzrechtichen Gründen ein Problem."

Die Plattform Moodle galt allerdings immer wieder als instabil. Nach den Weihnachtsferien konnten 200 Schulen in Baden-Württemberg ihren Online-Unterricht zeitweise nicht durchführen, weil die Plattform überlastet war. Schätzungsweise 1.200 Schulen im Land verwenden für den Onlineunterricht die Lern-und Kommunikationsplattform MS Teams des US-amerikanischen Softwarekonzerns Microsoft. Seit Monaten ist der Einsatz dieser Plattform an Schulen aber heftig umstritten. Bildungsverbände sowie Lehrer-und Schülerorganisationen kritisieren den Einsatz von Teams an Schulen, da sie massive datenschutzrechtliche Bedenken haben.

MS Teams an Schulen vorübergehend noch erlaubt

In Zukunft soll auf MS Teams an Schulen in Baden-Württemberg verzichtet werden. Für Schulen, die es bereits verwenden, wie die Magstadter Johannes-Kepler-Gemeinschaftsschule, gibt es eine Übergangsfrist.

Das baden-württembergische Kultusministerium gab vergangenen Donnerstag bekannt, dass der Einsatz des Softwarepakets Microsoft Office 365 mit dem Kommunikations-Tool MS Teams an Schulen nicht generell untersagt wird. Er sei weiterhin erlaubt, bis eine adäquate andere digitale Plattform zur Verfügung steht. Für diese alternative Plattform laufe gerade eine Ausschreibung. Das Kultusministerium und die Landesdatenschutzbehörde waren sich einig, dass dem Datenschutz gerade im Zusammenhang mit den sehr sensiblen Daten von Schülerinnen und Schülern eine besondere Bedeutung zukommt. Das sei bei Microsoft Teams nicht gegeben.

Verein hilft Schulen mit Kursangebot

Daniel Nübling arbeitet in der IT-Branche und hat als Vater gemeinsam mit anderen Eltern vor drei Jahren den Verein "Medienkompetenz-Team e.V." in Karlsruhe gegründet. Sein Verein bietet Kurse für digitale Kompetenz an Schulen an: Vom Workshop "Kommunikation im Netz" bis hin zu einem Kurs "Klassenchat-Regeln". Nübling weiß, dass die Schulen beim Datenschutz häufig überfordert sind.

"Die Schulen haben keine IT-Spezialisten und sind häufig schlicht überfordert bei dem Thema."

Der Geschäftsführer des Karlsruher Vereins Medienkompetenz-Team e.V. betont gegenüber dem SWR: "Es fehlt da an IT- Leuten. Lehrerinnen und Lehrer arbeiten sich in die Materie ein, aber haben einfach ein Zeitproblem, weil sie noch unterrichten müssen. Schulen bräuchten eigentlich eigene IT-Spezialisten"

Vorzeigeschulen aus Durmersheim und Wutöschingen

Es gibt aber auch Schulen in Baden-Württemberg, die bei der Digitalisierung seit Jahren die Nase vorne haben und als Vorreiter besonders innovativ waren. Neben der Hardtschule in Durmersheim (Kreis Rastatt) ist das vor allem die Alemannenschule in Wutöschingen (Kreis Waldshut). Die Hardtschule erhielt 2020 den Deutschen Schulpreis für ihre innovativen Unterrichtsformen, die Alemannenschule bekam den Preis ein Jahr zuvor, 2019. Die Alemannenschule hat sich von der kleinen Dorfschule im Südbadischen zur Vorzeigeschule entwickelt.

Jeder der rund 850 Schülerinnen und Schüler hat ein eigenes Tablet. Möglich wird das durch ein Leasingverfahren der Gemeinde Wutöschingen. Seit zehn Jahren schon arbeitet die Gemeinschaftsschule mit einer digitalen Lernplattform.

"Unsere Plattform heißt DiLer und läuft sehr gut. Auch die Kultusministerkonferenz hat sie weiterempfohlen und sie kommt auch in anderen Bundesländern zum Einsatz," erzählt Schulleiter Stefan Ruppaner. Er verstehe nicht, warum das Land Baden-Württemberg nicht die erprobte Plattform seiner Schule übernimmt. Die sei datenschutzrechlich konform und sofort verfügbar. Durch die Corona-Zeit sei seine Schule gut gekommen.

"Seit Jahren sind wir ja schon digital unterwegs - es gibt sogar keine Schulbücher mehr an der Allemannenschule. Das digitale Lernen in der Corona-Zeit war also kein Problem." Darauf habe man sich quasi fast zehn Jahre vorbereitet, so Ruppaner. Aber eines will er doch nicht missen: Das erlebte Lernen.

"Schmetterlingspädagogik" an der Alemannenschule

"Wir verfolgen die "Schmetterlingspädagogik", sagt Ruppaner. "Das heißt: der eine Flügel - das sind die Lernpakete, die häufig digital sind. Der andere Flügel ist das Lernen durch Erleben. Zum Erleben zählen eigene Musicalaufführungen, Wanderungen, der Besuch beim Imker - das konnte so lange nicht stattfinden." Der Schulleiter aus Wutöschingen ist jetzt froh, dass einiges davon für seine Schülerinnen und Schüler wieder möglich ist. "Mit einem Flügel alleine kann kein Schmetterling fliegen."

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