Jasmina Hostert (Foto: SWR, Pressestelle (Jasmina Hostert))

Interview mit der SPD-Bundestagsabgeordneten Jasmina Hostert

"Bleib stark" - Ehemals Geflüchtete über Krieg und das Ankommen in Deutschland

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Senada Sokollu

Jasmina Hostert (SPD) hat mit neun Jahren ihren rechten Arm durch eine Granate verloren. Mit ihrem Vater flüchtete sie aus Bosnien nach Deutschland. Die SPD-Bundestagsabgeordnete spricht im SWR-Interview darüber, wie sehr sie der Krieg in der Ukraine an den Bosnienkrieg erinnert.

SWR: Wie erleben Sie als früheres "Flüchtlingsmädchen" den Krieg in der Ukraine und die momentane Flüchtlingswelle?

Jasmina Hostert: Mich erinnert das sehr stark an meine Erlebnisse und auch an die Bilder aus dem Bosnienkrieg. Ich sehe da ganz große Parallelen. Vor allem wenn ich an die Zeit des Kriegsausbruchs denke - dieser Moment. So habe ich das als Kind damals auch empfunden. Das ging von heute auf morgen los. So war das im Ukrainekrieg auch. Wir sind am Donnerstagmorgen alle aufgewacht und dann hieß es: der Krieg ist ausgebrochen. Die Tage darauf hat man die Bilder gezeigt, wie die Menschen in den Kellern sitzen oder sich irgendwo unterirdisch verstecken, weil man Angst vor Bomben und Granaten hat. So habe ich das in Sarajevo auch erlebt. Wir sind dann auch als Kinder mit den Frauen und Großeltern in die Keller der Hochhäuser und saßen im Kerzenschein. Wir haben dann dort die Nächte verbracht.

Die Männer, die Väter waren dann auf einmal nicht mehr zu sehen. Die waren woanders. Die haben sich dann vorbereitet auf den Krieg oder sind schon direkt an die Front gezogen. Als diese Nachricht aus der Ukraine kam, dass alle Männer zwischen 18 und 60 in den Krieg ziehen mussten. Das hat mich auch stark daran erinnert als mein Vater in Sarajevo an der Front gekämpft hat und auch die Väter von meinen anderen Freundinnen. Das war eine sehr beängstigende Situation. Diese schrecklichen Ereignisse haben sich alle überschlagen. Dann hatte man keine Stromversorgung mehr, kein Wasser, das sind alles Dinge, die auch in der Ukraine passieren. Dann auch die vielen Bilder von Menschen, die Sarajevo verlassen haben. Ich weiß noch als ich mich von meiner damaligen besten Freundin verabschiedet habe, die dann zu mir sagte: "Wir ziehen kurz in ein anderes Land und kommen dann bald wieder, wenn sich die Situation beruhigt hat." Diese Bilder der Menschen, die jetzt aus der Ukraine auf der Flucht sind - dadurch durchlebe ich nochmal meine eigene Kriegszeit.

"So habe ich das in Sarajevo auch erlebt. Wir sind dann auch als Kinder mit den Frauen und Großeltern in die Keller der Hochhäuser und saßen im Kerzenschein. Wir haben dann dort die Nächte verbracht. Die Männer, die Väter waren dann auf einmal nicht mehr zu sehen."

SWR: War klar, dass Sie nach Deutschland gehen werden?

Jasmina Hostert: Nein überhaupt nicht. Das war ein Zufall. Das Ziel war: Raus aus Sarajevo und irgendwo in Sicherheit unterzukommen. Ich weiß noch, als ich im Krankenhaus in Sarajevo lag, nachdem ich meinen Arm verloren habe, hieß es zuerst, dass wir nach Frankreich kommen. Dann war aber das Flugzeug voll. Viele Länder waren dann plötzlich im Spiel. Solche Entscheidungen gehen ja sehr schnell. Zufällig war im Krankenhaus ein deutsches Ärzteteam von der Organisation "Cap Anamur" und die sagten uns: "Wenn Sie es irgendwie nach Deutschland schaffen sollten, werden wir Sie dort aufnehmen und weiter medizinisch behandeln." Wir haben dann Dokumente bekommen, dass wir nach Deutschland einreisen dürfen. Aber wir mussten die Flucht dann selbst organisieren, um nach Deutschland zu kommen. Daher war es zufällig Deutschland, weil das Ärzteteam aus Deutschland war.

Jasmina Hostert, Sarajevo 1992 (Foto: Privat)
Jasmina Hostert mit ihrem Vater in einem Krankenhaus in Sarajevo 1992. Sie verlor durch eine Bombe ihren rechten Arm. Privat

SWR: Was empfinden Sie, wenn Sie die Solidarität und Hilfsbereitschaft der Deutschen für die ukrainischen Geflüchteten mit der Zeit damals vergleichen?

Ich kann nur meine persönliche Sicht schildern und sagen, dass ich mich sehr willkommen gefühlt habe, als wir in Bonn ankamen. Es hat uns eine Frau abgeholt, die hatte einen kroatischen Hintergrund, sie konnte also unsere Sprache. Dann sind wir bei einer Familie untergekommen, die auch sehr nett zu uns war. Auch die zweite Familie bei der wir untergekommen sind, war nett. Ich hatte da sehr positive Erfahrungen gemacht mit den Pflegefamilien. Dieses Thema haben wir jetzt auch aktuell bei den ukrainischen Flüchtlingen. Für viele wird erst mal eine Unterkunft gesucht. Dann schaut man, wo die Menschen für die ersten paar Wochen unterkommen können. Die Pflegefamilie bei der ich dann geblieben bin, das war Maria Hostert - das war die Frau, die mich und meinen Vater damals aufgenommen hatte. Sie wurde dann auch meine Adoptivmutter. Ich kann aus meiner Erfahrung nur von einer sehr freundlichen und herzlichen Aufnahme berichten.

Aber ich weiß, dass es da auch andere Erfahrungen gibt. Einige Menschen, die in den Flüchtlings-Containern untergekommen waren, haben das anders als ich. Es waren ja nicht alle bei netten Pflegefamilien. Was ich als ganz schlimm empfunden habe, waren die Gänge zum Ausländeramt. Da habe ich mich überhaupt nicht willkommen, sondern eher schikaniert gefühlt. Vor allem als der Krieg zu Ende war, musste ich immer begründen warum ich denn noch da war und nicht in die alte Heimat zurückkehre. Das war ein Kampf. Eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen hat bei mir über zehn Jahre gedauert. Ich finde es wichtig, dass heute die Solidarität so stark ist. Es gibt mir das Gefühl, dass wir für die Demokratie, die auch für Solidarität und Menschlichkeit steht, kämpfen. Dass die Menschen auf die Straße gehen und für Frieden demonstrieren. Das ist genau das richtige Zeichen.

"Ich finde es wichtig, dass heute die Solidarität so stark ist. Es gibt mir das Gefühl, dass wir für die Demokratie, die auch für Solidarität und Menschlichkeit steht, kämpfen."

SWR: Die EU-Massenzustromrichtlinie wurde als Folge des Bosnienkriegs aufs Papier gesetzt und traf jetzt zum ersten Mal in Kraft. Was denken Sie darüber?

Jasmina Hostert: Das ist eine gute Entwicklung und Entscheidung, dass die Aufnahme von Flüchtlingen so unbürokratisch wie möglich erfolgt. Wir wissen nicht, wie lange der Krieg andauern wird, aber ich bin bei Kriegen leider nicht so optimistisch. Wenn der erste Schuss gefallen ist, wenn es auch Straßenkämpfe, Nachschub an Waffen gibt, dann zieht sich ein Krieg von einer Region in die nächste und dauert an. Ich hoffe nicht viele Jahre, aber die Menschen, die hier ankommen und länger hier bleiben, die werden sich dann auch hier integrieren, die Kinder werden hier zur Schule gehen und viele werden sicherlich auch bleiben wollen. Deswegen finde ich das richtig, dass man sie jetzt nicht nur in Flüchtlingsheimen unterbringt, wo sie dann von morgens bis abends nichts zu tun haben und nur warten, bis der Krieg vorbei ist. Für ein Kind sind zwei oder drei Jahre eine sehr lange Zeit und es ist auch unsere Aufgabe da zu investieren. Egal ob die Menschen dann wieder zurückkehren oder nicht - eine Investition in Kinder und Bildung ist immer eine gute Investition. Daher ist es ein Fortschritt.

"Egal ob die Menschen dann wieder zurückkehren oder nicht - eine Investition in Kinder und Bildung ist immer eine gute Investition."

SWR: Was würden Sie einem Flüchtlingskind aus der Ukraine mit auf den Weg geben, das eben erst in Deutschland angekommen ist?

Jasmina Hostert: Dass es stark bleiben soll und zuversichtlich und dass es hier in Deutschland ganz viel Unterstützung bekommen wird.

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