Eine Spritze, die eine Corona-Impfung enthält.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/dpa Pool | Thomas Frey; Montage: SWR)

Folgen der Pandemie

Führt die Corona-"Warnstufe" zu einer Spaltung der Gesellschaft?

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Wenn die "Warnstufe" in Kraft tritt, gelten für Ungeimpfte in Baden-Württemberg härtere Regeln. Ob dies die Gesellschaft spaltet? Sozialforscher Kai Unzicker im SWR-Interview.

Seit Freitag sind mehr als 250 Intensivbetten in Baden-Württemberg mit Covid-19-Patientinnen und -Patienten belegt - Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) rechnet ab Mittwoch mit der sogenannten Warnstufe. Diese tritt in Kraft, wenn an zwei aufeinanderfolgenden Werktagen mehr als 250 Corona-Erkrankte auf den Intensivstationen des Landes liegen. Dann dürfen Geimpfte und Genesene alles - Ungeimpfte deutlich weniger, außer sie lassen sich kostenpflichtig testen. Wird die Gesellschaft dadurch gespaltet? SWR Aktuell BW hat bei Kai Unzicker nachgefragt. Er ist Sozialforscher und Experte für gesellschaftlichen Zusammenhalt bei der Bertelsmann Stiftung.

Sozialforscher Kai Unzicker von der Bertelsmann Stiftung (Foto: Privat / Kai Unzicker)
Sozialforscher Kai Unzicker von der Bertelsmann Stiftung Privat / Kai Unzicker

SWR: Bald könnte die Corona-"Warnstufe" in Baden-Württemberg in Kraft treten. Diese birgt ein hohes Spannungspotenzial für die Gesellschaft. Wie ordnen Sie diese Dynamik für die Gesellschaft ein?

Kai Unzicker: Zunächst müssen wir festhalten, auch wenn sich das in den letzten Monaten vielleicht anders angefühlt hat, wir befinden uns immer noch in einer weltweiten Pandemie, also in einer Ausnahmesituation. Es ging dabei von Anfang an darum, wieder Herr der Lage zu werden. Die Option, mit der das am einfachsten gelingt und wir alle zu einem normalen Leben zurückkommen, lautet: Impfen. Wer geimpft ist, kann auch bei einer Verschlimmerung der Infektionslage, einen höheren Grad an Normalität in seinem Alltag haben. Ich sehe nicht, dass sich hier aktuell etwas ganz grundlegend geändert hat. Sondern es ist ja die Situation, mit der wir seit eineinhalb Jahren zu tun haben. Dass wir heute eine Impfung haben, ist ein großer Fortschritt, der denjenigen, die geimpft sind, gesundheitliche Sicherheit und Normalität gibt. Darauf haben wir doch monatelang hingearbeitet. Es gab schon von Beginn an auf der einen Seite eine große Mehrheit der Menschen, die zum Beispiel bei den Kontaktbeschränkungen mitgegangen sind, und auf der anderen Seite gab es eine kleine Gruppe, die gesagt hat, "da machen wir nicht mit, das finden wir nicht richtig". Und diese Konstellation setzt sich jetzt weiter fort.

Welche Auswirkungen hat denn das Geimpftsein / Nicht-Geimpftsein auf die Gesellschaft? Entsteht eine Art Zweiklassengesellschaft oder wird sie dadurch gespalten?

So weit würde ich nicht gehen. Ich glaube nicht, dass wir hier eine Zweiklassengesellschaft haben, die sich in irgendeiner Form verfestigt, zumal auch diese Warnstufe zeitlich befristet ist. Sie ist daran gekoppelt, wie sich die Infektionslage in Zukunft weiterentwickelt. Wer jetzt darauf drängt, mehr Möglichkeiten zu haben, dem steht es auch frei, sich impfen zu lassen. Somit ist das keine verfestigte Klassengesellschaft, bei der eine dauerhafte Ungleichheit zementiert würde. Hierbei handelt es sich um Einschränkungen, die für eine bestimmte Zeit gelten und dann hoffentlich irgendwann wieder gänzlich vorbei sind sowie - und das ist entscheidend - die durch eigene Entscheidungen verändert werden könnten. Wo ich ein gewisses Problem sehe, ist, dass erst vor Kurzem die kostenlosen Tests abgeschafft wurden. Das war bislang diese eine Option, die es ermöglichte, sich nicht impfen zu lassen und trotzdem von der Normalisierung zu profitieren. Diese Tests kosten jetzt Geld. Es ist offen, wie die Menschen reagieren, die wenig Geld haben, für die dann auch die Ausgaben für so einen freiwilligen Test zu teuer sind oder die sich das dann nur selten leisten können. Da könnte es aus meiner Sicht zu einer Benachteiligung kommen. Die Zeit wird zeigen, ob das eine gute Idee war, bereits frühzeitig die kostenlosen Tests abzuschaffen.

Es ist auf eine Art und Weise auch sehr deprimierend, wenn man sich vorstellt, man hat kein Geld für Tests. Man kann ab dieser "Warnstufe" nichts mehr unternehmen.

Na ja, man könnte sich eben impfen lassen. Das ist kostenlos. Deshalb sage ich ja, es könnte hier eine Benachteiligung entstehen, weil einige sich weiterhin Tests leisten können und andere nicht. Für alle gäbe es aber immer die Option der Impfung. Durch den Wegfall der kostenlosen Tests entsteht so womöglich ein zusätzliches Spannungsfeld, das man hätte vermeiden können.

Welche Auswirkungen hat diese Aufspaltung auf die Psyche und die Gesundheit, wenn man sich dann nicht mehr dazugehörig fühlt?

Ich glaube nicht, dass man diese Unterscheidung mit anderen Formen der Zurückstellung vergleichen kann. Wenn es um Merkmale geht, die Menschen selber nicht verändern können, wie die Hautfarbe oder das Geschlecht, wirken sich Benachteiligungen und unterschiedliche Behandlungen, die sich darauf beziehen, ganz anders aus. Hier geht es um eine Unterscheidung zwischen zwei Gruppen in der Bevölkerung, aufgrund unterschiedlicher Entscheidungen, die diese freiwillig getroffen haben. Das ist wie bei fast allen politischen Fragen, die wir diskutieren. Da gibt es Menschen, die sind dafür und welche, die sind dagegen. Und alle Entscheidungen haben Konsequenzen. In diesem konkreten Fall sind die Konsequenzen ganz offensichtlich, weil es klare Regeln gibt. Deswegen glaube ich auch nicht, dass diese Unterscheidung jetzt zu Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit der Nicht-Geimpften beiträgt, weil sie sich in besonderem Maße diskriminiert fühlen. Es handelt sich hierbei ganz eindeutig um etwas anderes als die Diskriminierungserfahrungen, die beispielsweise jemand macht, der aufgrund von Hautfarbe, Herkunft oder Religion diskriminiert wird. Bei der Impfung geht es um Konsequenzen des eigenen Handelns, das auch revidiert werden könnte.

Was macht das mit Familien und Freundschaften - mit dem Zusammenleben allgemein?

In unserem privaten Umgang miteinander könnten tatsächlich gesellschaftliche Probleme entstehen. Es wurden Konflikte und Differenzen in die Familien, Freundeskreise und Unternehmen hineingetragen. Plötzlich hat man Seiten an anderen Menschen kennengelernt, die man so vorher nicht kannte. Bei den Diskussionen über Corona steht plötzlich ein Thema im Raum, an dem sich alles reibt und man ist entweder auf der einen oder der anderen Seite. Da mag es sein, dass daran Freundschaften zerbrechen oder Vertrauen verloren geht. Die Zeit wird zeigen, ob wir aus diesen Konflikten einfach wieder herauswachsen, wenn wir die Pandemie hinter uns gelassen haben, oder ob davon etwas übrig bleibt.

Wie kann so einer Spaltung entgegengewirkt werden? Was kann die Politik tun, um das besser zu gestalten?

Die kürzlich veröffentliche Forsa-Umfrage zeigt deutlich, dass eine Mehrheit der Menschen, die sich bislang nicht hat impfen lassen, auch kaum bereit ist, diese Entscheidung in der Zukunft zu revidieren, egal was passiert. Das heißt, es gibt hier einen grundsätzlichen Vertrauensverlust in die Politik, Medien und auch in die Wissenschaft. Es fehlt das Verständnis dafür, wie Wissenschaft und medizinische Forschung funktionieren. Deshalb ist es wichtig, dass die Politik klar und einheitlich kommuniziert. Die Tatsache, dass in unterschiedlichen Bundesländern unterschiedliche Regelungen existierten und diese Regelungen sich auch häufig geändert haben, war dabei nicht unbedingt hilfreich. Das Handeln in der Pandemie war ein Lernprozess. Man musste sich notwendigerweise immer wieder den sich verändernden Umständen anpassen. Umso wichtiger ist es aber, in die öffentliche Kommunikation eine gewisse Verlässlichkeit und Kontinuität sowie Transparenz hineinzubekommen und zu erklären, wie die Dinge funktionieren. Langfristig gehört aber auch dazu, ein grundsätzliches Verständnis von Naturwissenschaft und von medizinischen Zusammenhängen zu vermitteln, damit die Menschen auch bei so komplexen Themen besser nachvollziehen können, worüber da diskutiert und entschieden wird.

Gibt es noch etwas, was Sie hinzufügen möchten?

Wir sollten ein Stück weit gelassener werden. Die Frage danach, ob die Gesellschaft gespalten ist, ob es tiefe Gräben gibt, die sich nie wieder schließen lassen, sollten wir mit etwas mehr Optimismus beantworten. Dafür, dass wir uns in so einer schwierigen Ausnahmesituation befinden, immer noch mit großen wirtschaftlichen Verwerfungen konfrontiert sind und ein Großteil der Menschen in unserem Land anstrengende und belastende Zeiten hinter sich hat, finde ich, befinden wir uns als Gesellschaft in einem recht guten Zustand. Wir haben eine große Mehrheit der Menschen, die sich sehr konstruktiv, solidarisch und respektvoll verhält, trotz aller Widrigkeiten. Die gemeinsam daran mitarbeiten, dass wir gut durch die Pandemie kommen. Natürlich gibt es Menschen, die sehr verunsichert sind. Manche von ihnen aus gutem Grund, weil sie sich in schwierigen Lebenslagen befinden oder weil ihnen auch Informationen fehlen. Aber, da bin ich zuversichtlich, das sind alles Dinge, mit denen wir als Gesellschaft langfristig gut umgehen können.

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