Ein Jugendlicher liegt auf einem Sofa und schaut auf sein Smartphone.

Handy-Verbot für Grundschüler

Kinder und Smartphones: Was ist das richtige Alter?

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Oliver Linsenmaier
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Bernhard Hentschel
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Ab welchem Alter sollten Kinder ein Smartphone bekommen? Diese Frage drängt sich aktuell stärker auf denn je. Im Kreis Sigmaringen gehen einige Eltern nun einen ganz eigenen Weg.

Es ist eine gefährliche Symbiose: Die digitale Welt mit TikTok, WhatsApp und Co. in einer Zeit von Krieg, Mobbing und Pornografie. Doch während Erwachsene darauf vorbereitet sind oder zumindest über den jeweiligen Konsum entscheiden können, sind Kinder und Jugendliche den Inhalten im Internet oft schutzlos ausgesetzt.

Umso drängender stellt sich die Frage: Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein eigenes Handy? An einer Grundschule in Hohentengen (Kreis Sigmaringen) sagen zahlreiche Eltern nun ganz klar: kein Smartphone vor der fünften Klasse.

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Freiwillige Erklärung bei der Schul-Anmeldung

Dazu wollen sie sich mit Hilfe einer freiwilligen Erklärung bei der Anmeldung ihrer Vorschulkinder für das kommende Schuljahr selbst verpflichten. Das selbst gesetzte "Handy-Verbot" soll also schriftlich festgehalten werden.

Maßgeblichen Anteil daran hat der Hohentengener Bürgermeister Peter Rainer (CDU). Er hatte die Eltern bei einem Infoabend auf das Thema aufmerksam gemacht. "Gewaltdarstellungen, Horrordarstellungen, Pornografie: Schlimmste Dinge, die für Kinderaugen völlig ungeeignet sind, strömen auf Kinder ein", sagt Rainer.

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Eltern kaufen ihren Kindern immer früher ein Handy

Mit genau dieser Problematik sieht sich auch das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg (LMZ) häufig konfrontiert. Laut Michael Wanninger, der in der medienpädagogischen Beratungsstelle des LMZ arbeitet, statten die Eltern ihre Kinder immer früher mit Smartphones aus. Das sei gerade im Grundschul-Alter problematisch, erklärt er. Es brauche Schreibkompetenz und Erfahrungen, die Kinder in diesem Alter noch nicht hätten, so Wanninger. Ein generelles Handy-Verbot hält er aber für den falschen Ansatz.

Daher bietet das Landesmedienzentrum Workshops oder aber einen "Surf-Führerschein" für Kinder an. Auch mit den Eltern arbeitet das LMZ eng zusammen. Schließlich fällt diesen eine Schlüsselrolle zu. Eltern müssten ihre Kinder darüber aufklären, was wichtig und legal sei. Dazu gehöre auch, zu schauen, auf welchen Seiten und in welchen Chats sich der Nachwuchs bewegt.

Ich glaube, wir müssen unsere Kinder fit machen, so dass sie souverän und sicher mit den Themen umgehen.

Landeselternbeirat: Rolle der Eltern enorm wichtig

Welch zentrale Bedeutung den Erziehungsberechtigten zufällt, unterstreicht auch Sebastian Kölsch, Vorsitzender des Landeselternbeirats Baden-Württemberg. Schon jetzt gebe es zahlreiche Angebote für Medienkompetenz, die Eltern und ihre Kinder außerhalb der Schule wahrnehmen könnten. Doch viele Familien würden nicht erreicht, so Kölsch. Er spricht von einer "Herkules-Aufgabe". Aber: "Man kann die Eltern nicht verpflichten, daran teilzunehmen."

Im Gegensatz zu Smartphones an weiterführenden Schulen seien Handys bei Grundschulkindern ein recht neues Phänomen, erklärt Kölsch: "Das Eintrittsalter in die Handy-Welt sinkt."

Meist noch keine Regelungen zu Handys an Grundschulen

Weil die Entwicklung erst in den vergangenen Jahren aufgekommen sei, gebe es an vielen Grundschulen bisher auch noch keine Regelung - im Gegensatz zu weiterführenden Schulen. Ein generelles Verbot sei rechtlich ohnehin nicht möglich, so Kölsch. Schulen könnten allerdings regeln, wann Handys auf dem Schulgelände genutzt werden dürfen.

Denn nicht nur die gefährlichen Inhalte sind ein Problem. Auch im Klassenzimmer macht sich die frühe Handy-Nutzung bemerkbar. "Wir stellen immer wieder fest, dass die Kinder sehr oft an diesen digitalen Geräten hängen", sagt Andrea Wetzel, Schulleiterin der Göge-Schule in Hohentengen.

Wir haben die Erfahrung gemacht: Je früher die Kinder diese Geräte haben, umso größer sind die Auswirkungen im Klassenzimmer zu spüren.

Ganz konkret zeige sich das in der Konzentrationsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler, so Wetzel. Doch das ist für viele Eltern in Hohentengen nur ein Aspekt. Viele von ihnen wollen ihre Kinder auch einfach Kinder sein lassen. "Die Kinder sollen miteinander spielen, miteinander interagieren, sich miteinander beschäftigen. Ich denke, das ist das Entscheidende", sagt Gabriel Fürst, der sich als Vater für das Handy-Verbot entschieden hat.

Ähnlich sieht das Martin Reck, dessen Sohn ohne Smartphone durch die Grundschule kommen soll: "Ich denke, in diesem Alter haben andere Sachen Vorrang, zum Beispiel Persönlichkeitsentwicklung."

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Experte: Erstes Handy in der fünften Klasse

Doch wann ist der richtige Zeitpunkt für das erste eigene Smartphone? Pauschal könne man das nicht beantworten, meint Michael Wanninger vom Landesmedienzentrum. Manche Kinder seien früher bereit, andere später. Doch hält er die fünfte Klasse für einen guten Orientierungspunkt.

Zwar weiß auch der Experte, dass der Druck immer größer wird, wenn Mitschülerinnen und Mitschüler bereits Handys bekommen haben. Dennoch sollten Eltern eine eigene Haltung bewahren und ganz individuell entscheiden. Wichtig sei, mit den Kindern zu sprechen. Helfen könne, ihnen einen konkreten Termin für das erste eigene Handy zu nennen.

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