Obst- und Gemüsekisten in der Tafel in Stuttgart. (Foto: SWR)

Weniger Waren, mehr Kunden

Inflation und Ukraine-Krieg: Tafeln in Baden-Württemberg am Limit

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Luisa Bleich
SWR-Redakteurin Luisa Bleich Autorin Bild  (Foto: Privat)

Hohe Preise, weniger Spenden und mehr Kunden: Die Inflation und die Folgen des Ukraine-Kriegs machen den Tafeln in Baden-Württemberg zu schaffen. Eine Entlastung ist nicht in Sicht.

9:15 Uhr in Stuttgart. In 45 Minuten wird die Tafel geöffnet. Die Schlange davor ist jetzt schon mehrere Meter lang, man sieht sie schon von weitem. Einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geben an der Tür bereits kostenlosen Keksteig und Hundeknochen aus. "Davon haben wir so viel, das gibt’s umsonst", sagt Hilli Pressel, eine der Koordinatorinnen der Stuttgarter Tafel. Dafür fehle es an anderer Stelle, vor allem an frischem Obst und Gemüse. Denn: Die Warenlieferungen aus den Supermärkten fallen immer kleiner aus.

Weniger Waren, mehr Kunden

Die Gründe dafür sind vielfältig. Durch den Krieg in der Ukraine stehen den Supermärkten teilweise selbst weniger Lebensmittel zur Verfügung. Dazu kommen Hilfstransporte in die Ukraine. Ware, die sonst die Tafel bekommen hätte, wird dann dorthin geschickt, sagt Pressel. Diese Erfahrung hat auch Udo Engelhardt, Vorsitzender der Tafel in Singen und Vorstandsmitglied der Tafel Baden-Württemberg, gemacht:

"Die Spendenströme, die sonst traditionell zur Tafel gegangen sind, ändern sich teilweise. Das macht uns Schwierigkeiten".

Mit diesem Problem haben aktuell nicht nur die Tafeln in Stuttgart und Singen zu kämpfen, sondern die Tafeln in ganz Baden-Württemberg. Zwischen 80 und 90 Prozent aller Tafeln würden melden, dass sie weniger Lebensmittel geliefert bekommen, so Engelhardt. Während bei den Tafeln im Land immer weniger Ware ankommt, werden es gleichzeitig immer mehr Kundinnen und Kunden: Engelhardt spricht hier von 30 bis 40 Prozent. Diesen Anstieg merkt auch die Tafel in Stuttgart. Und auch die Tafelläden in Tübingen, Ulm und dem Alb-Donau-Kreis berichten von einem höheren Kundenaufkommen. "Letztes Jahr hatten wir durchschnittlich 140 Kunden pro Öffnungstag. Die letzten zwei Wochen haben wir täglich über 200", so Claudia Steinhauer. Sie ist als stellvertretende Kreisgeschäftsführerin zuständig für die sechs Tafelläden in Ulm und dem Alb-Donau-Kreis.

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Geflüchtete aus der Ukraine großer Teil der neuen Kundschaft

Auch an der Kundschaft macht sich der Ukraine-Krieg bemerkbar. Die Geflüchteten kaufen vermehrt in den Tafelläden im Land ein. In der Tübinger Tafel sind mittlerweile über 20 Familien angemeldet, sagt der Vorsitzende Reinhardt Seibert. In Stuttgart kommen derweil täglich 20 bis 30 neue Familien dazu, so Hilli Pressel von der Stuttgarter Tafel. Auch am Donnerstagmorgen liegen bereits einige blaue ukrainische Pässe auf dem runden Tisch im Büro der Tafel. Eine Ukrainerin hört zu, während ihr ein russischer Mitarbeiter das Verfahren erklärt und ihr schließlich die Karte aushändigt, mit der sie künftig in der Tafel einkaufen darf.

Ukrainische Pässe und Berechtigungskarten für die Stuttgarter Tafel auf einem Tisch. (Foto: SWR)
Die Berechtigungskarten für die ukrainischen Flüchtlinge werden im Büro der Stuttgarter Tafel erstellt. Dafür müssen die Geflüchteten nur ihren Pass vorzeigen.

Mehr Kunden durch höhere Preise

Aber nicht nur ukrainische Flüchtlinge zählen zu den neuen Kundinnen und Kunden der Tafel. "Das sind auch Einheimische", sagt Engelhardt von der Tafel in Singen. Durch die gestiegenen Kosten seien mehr Menschen bedürftig. Auch Seibert von der Tübinger Tafel vermutet, dass in den kommenden Wochen noch mehr einheimische Menschen kommen würden. Menschen aus Baden-Württemberg müssen bei den Tafeln allerdings erst einmal nachweisen, dass sie bedürftig sind, bevor sie einkaufen dürfen. Diese Überprüfung fällt bei ukrainischen Familien weg.

"Jeder, der einen ukrainischen Pass vorlegt, ist automatisch einkaufsberechtigt bei der Tafel."

Denn: Zu überprüfen, wie viel Geld Geflüchtete aus der Ukraine haben, ist aktuell gar nicht möglich.

"Die Tafel ist kein Vollversorger"

Für die Kundinnen und Kunden der Tafel im Land ändert sich derweil nicht viel. "Es gibt weniger Obst und Gemüse", sagt Bernd Müller, Kunde und Mitarbeiter im Stuttgarter Tafelladen. "Das ist man aber gewohnt. Die Tafel ist kein Vollversorger." Das sieht auch Rentnerin Sieglinde so. Sie kauft seit über 20 Jahren bei der Tafel ein. "Es gibt halt gerade wenig Obst und Gemüse. Aber das ist allgemein so. Auch beim Lidl und beim Aldi gibt’s wenig." Die Tafel habe schon immer nur das anbieten können, was gespendet wurde, sagt auch Pressel von der Stuttgarter Tafel. Mehl und Öl, das vor allem gerade in den Supermärkten fehlt, gebe es in den Tafeln ohnehin nur sehr selten. "Die einzige Zeit, wo sich mal ein Kilo Mehl oder eine Ölflasche in die Tafel verirrt, ist zu Erntedankzeiten, wenn die Kirchengemeinden spenden", meint Pressel. Durch die langen Mindesthaltbarkeitsdaten würden diese Lebensmittel generell kaum von den Supermärkten gespendet. Diese Lebensmittel werden in den Tafeln dann auch meistens nicht extra dazugekauft. Denn: Die Tafeln im Land verstehen sich als Lebensmittelretter. "Die Tafeln arbeiten unter dem Motto: 'Lebensmittel retten, Menschen helfen' und zwar in der Reihenfolge", sagt Steinhauer von den Tafeln in Ulm und dem Alb-Donau-Kreis.

Tafelkunden sind Rationierung gewohnt

Dass Lebensmittel rationiert werden müssen, ist für die Kundinnen und Kunden der Tafeln im Land ebenfalls nichts Neues. Auf die Frage, wie mit der Lebensmittelknappheit umgegangen wird, antwortet Steinhauer: "So, wie wir schon immer damit umgegangen sind."

"Tafelkunden haben schon lange die Erfahrung gemacht, die wir jetzt mittlerweile im Supermarkt machen, wenn wir zwei Flaschen Öl kaufen wollen. Das war schon vorher im Tafelladen nicht möglich."

Engelhardt von den baden-württembergischen Tafeln bestätigt, dass es eine gewisse Rationierung schon immer gegeben habe. "Bei uns kommen am Tag knapp 150 Kunden. Dann können die ersten zehn nicht nach Belieben große Mengen einkaufen." An der Tafel in Tübingen wird laut dem Vorsitzenden Seibert ebenfalls darauf geachtet, dass die Ware gerecht auf alle Kundinnen und Kunden verteilt wird. Und auch in Stuttgart werden am Donnerstag einige Lebensmittel nur in begrenzter Stückzahl ausgegeben. Eine Mitarbeiterin verteilt Zitronen an die Menschen im Tafelladen. An jeden nur eine. Und über den Mandarinen hängt ein Schild: Jeder darf nur ein Netz mitnehmen.  

Obstkisten mit Mandarinen. Darüber ein Schild, dass verdeutlicht, dass jeder nur einen Sack bekommt. (Foto: SWR)
In der Tafel in Stuttgart werden manche Lebensmittel rationiert. So auch diese Mandarinen.

Leer ausgehen muss bei der Tafel trotzdem niemand. In der Tübinger Tafel bekommt man beispielsweise von den länger haltbaren Lebensmitteln noch ein bisschen mehr dazu, wenn nicht mehr so viel frische Ware da ist, meint ihr Vorsitzender Seibert. Auch Steinhauer und Pressel sagen: Brot ist immer da. In Tübingen, Ulm und dem Alb-Donau-Kreis wird zudem mit einem rollierenden System gearbeitet. So wird sichergestellt, dass alle Menschen einmal früh einkaufen können, wenn es tendenziell mehr frische Ware gibt, und einmal später. In Stuttgart ist ein solches System laut Pressel nicht denkbar. "Das geht in der Dimension, wie wir hier in Stuttgart arbeiten, überhaupt nicht." Die insgesamt vier Tafelläden in Stuttgart und der Region haben jeden Tag insgesamt 2.000 Kundinnen und Kunden. In Stuttgart scheint ein solches System aber auch nicht nötig zu sein. Hier werden den ganzen Tag über immer wieder Waren angeliefert. Als gegen 10:30 Uhr eine Kiste mit frischem Basilikum in den Laden getragen wird, sind die ersten Kundinnen und Kunden schon wieder weg.

Preise im Supermarkt steigen, Preise im Tafelladen bleiben gleich

Auch wenn die Lebensmittel im Supermarkt teurer werden, die Preise in den Tafelläden in Baden-Württemberg bleiben gleich. Die Preise zu erhöhen, wäre völlig kontraproduktiv, meint Pressel: "Die Bedürftigen haben keinen Cent mehr in der Tasche". Die Tafeln stellt das natürlich vor eine neuerliche Herausforderung, denn die Energie- und Spritpreise steigen trotzdem. "Da hoffen wir auf die Solidarität, dass wir aus der Bevölkerung Unterstützung bekommen", so Engelhardt von den baden-württembergischen Tafeln. Auch die Tafeln in Tübingen, Stuttgart, Ulm und dem Alb-Donau-Kreis hoffen auf Geld- und Sachspenden. "Wenn wir gute Unterstützung kriegen von Menschen, denen es finanziell besser geht, dann können wir das auch gut schaffen", so Steinhauer von den Tafeln in Ulm und dem Alb-Donau-Kreis.

Für längerfristige Lösungen ist die Politik gefragt

Höhere Kosten, weniger Ware und mehr Kundinnen und Kunden - eine Entspannung für die Tafeln im Land ist derzeit nicht absehbar. "Unsere Mitarbeiter sind am Limit", sagt Pressel von der Stuttgarter Tafel. Und auch für die Kundinnen und Kunden der Tafel ist keine Entlastung in Sicht. "Da muss die Politik nachsteuern", meint Engelhardt, Vorstandsmitglied der baden-württembergischen Tafeln. "Das kann nicht durch Einmalzahlungen abgedeckt werden."

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der befragten Tafeln rechnen außerdem damit, dass in den kommenden Wochen stetig mehr neue Kundinnen und Kunden dazukommen werden. Um dem großen Ansturm gerecht zu werden, helfen letztendlich nur noch Spenden.

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