ein kleiner Junge eingesperrt in einer Wohnung (Foto: dpa Bildfunk, imageBROKER)

Aktuelle Zahlen aus dem Ministerium

Corona-Folgen in BW: Hohe Zahl von Kindesmissbrauch - doppelt so viele Fälle von Kinderpornografie

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SWR-Recherchen zeigen, das die Zahl von Kindesmissbrauch in BW deutlich gestiegen ist. Das liegt auch an Corona. Beratungsstellen sprechen von einer "riesigen Dunkelziffer".

Im zweiten Jahr der Corona-Pandemie sind in Baden-Württemberg wieder mehr Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch gemeldet worden. Offiziell hat die Polizei 1.485 Fälle für das Jahr 2021 erfasst, was einer Steigerung um 3,3 Prozent zu 2020 (1.437) entspricht. Nur 2019 wurden mit 1.520 noch mehr Fälle gemeldet. Doch dürfte die Dunkelziffer aktuell noch höher sein als vor der Pandemie.

"Wir sprechen über eine riesige Dunkelziffer. Daher ist es positiv, dass das sogenannte Hellfeld etwas größer geworden ist", sagt Anja Rehm, Leiterin der Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Stuttgart (KOBRA) gegenüber dem SWR. Da sexualisierte Gewalt fast immer "im Dunkeln" stattfinde, sei es wichtig, dass das Thema öffentlich gemacht werde. Mehr gemeldete Fälle könnten dabei helfen. "Immer wenn etwas in der Öffentlichkeit auftaucht, arbeitet das gegen die Täter", sagt Rehm.

70 Prozent mehr Beratungen in 2021

Dabei deuten auch die Erfahrungen in ihrer Beratungsstelle auf eine Steigerung des sexuellen Missbrauchs von Kindern hin. Im vergangenen Jahr 2021 führte Rehms Team 70 Prozent mehr Beratungen durch als 2020. Und das, obwohl KOBRA während der Pandemie nicht geschlossen hatte und mittlerweile auch digitale Beratungsgespräche anbietet. Gerade nach den mehrmonatigen Lockdowns habe es richtige "Peaks" gegeben. "Davor hatten Kinder und Jugendliche keine Möglichkeit, sich an jemanden zu wenden", sagt Rehm. Zudem seien die Fachkräfte nach den Lockdowns besonders sensibilisiert gewesen.

Auch in der Beratungsstelle Wirbelwind gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend in Reutlingen stieg der Beratungsbedarf nach den Lockdowns enorm an, berichtet Mitgeschäftsführerin Dorothee Himpele dem SWR. Viele innerfamiliäre Fälle seien wegen der beengten Situation zu Hause mit Homeoffice und Lockdowns wohl nicht gemeldet worden, meint sie.

"Die Kinder waren den Geschehnissen in diesen Momenten schutzlos ausgeliefert."

Soziale Kontrollinstanzen fielen weg

Denn normalerweise fungieren vor allem Lehrerinnen und Lehrer sowie Erzieherinnen und Erzieher als soziale Kontrollinstanzen, wenn etwas mit den Betroffenen nicht stimmen könnte. "Kinder rufen nicht in der Beratungsstelle an. Das läuft über die Fachkräfte", sagt Himpele. Doch weil die Schulen lange Zeit geschlossen waren, erreichten die Pädagoginnen und Pädagogen die Jugendlichen oft nicht mehr oder erlebten sie nur am Monitor.

Und auch für die Eltern brachte die Pandemie neue Herausforderungen. Schließlich findet der Großteil des sexuellen Kindesmissbrauchs innerhalb oder im nahen Umfeld der Familie statt. Doch selbst wenn ein Elternteil einen Verdacht gegenüber dem eigenen Partner oder der eigenen Partnerin zuließ, brauchte es noch den Mut, sich externe Hilfe zu suchen - und einen geschützten Raum für ein Telefonat mit der Beratungsstelle.

Kontakt zur Beratungsstelle war erschwert

Doch weil Familien in den vergangenen zwei Jahren oftmals rund um die Uhr in derselben Wohnung verbracht haben, seien diese Schutzräume weggefallen, erklärt Himpele und erzählt von einer Mutter, die sie vom Balkon aus anrief. Da es besonders wichtig ist, dass der oder die mutmaßliche Täter oder Täterin nichts von dem Telefonat mitbekommt, war der Kontakt zur Beratungsstelle erschwert.

"Bei manchen kommt jetzt erst raus, dass sie Kontakt mit Tätern oder Täterinnen hatten", sagt Himpele, die darauf hinweist, dass derzeit auch wieder viele Erwachsene Probleme bekommen, bei denen der sexuelle Missbrauch in der Kindheit schon lange zurückliegt. Die Unsicherheit durch Corona und ganz aktuell der Krieg in der Ukraine mache einigen schwer zu schaffen. "Obwohl sie das eigentlich gut verarbeitet hatten, geraten sie jetzt wieder ins Wanken", sagt Himpele. "In solch unsicheren Zeiten kommen traumatische Ereignisse wieder hoch."

Bis zu einer Millionen Kinder in Deutschland haben sexualisierte Gewalt erlebt

Wie groß das Problem der Dunkelziffern grundsätzlich ist, verdeutlichen Zahlen aus dem Jahr 2020. Deutschlandweit wurden gerade einmal rund 14.500 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch gemeldet. Laut der unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauches in Deutschland sollen aber in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder sitzen, die bereits sexualisierte Gewalt erlebt haben. Mit dem Verweis auf die Weltgesundheitsorganisation bedeutet das: Bis zu einer Million Kinder und Jugendliche in Deutschland haben bereits sexualisierte Gewalt durch Erwachsene erfahren. Daher sagt auch Rehm:

"Sexualisierte Gewalt ist Alltag für Kinder und Jugendliche."

Im Jahr 2023 will die Polizei die Dunkelziffern erheben

Das baden-württembergische Innenministerium kann zu den Dunkelziffern derzeit keine konkreten Angaben machen. Die Polizei im Land betreibe aktuell keine Dunkelfeldforschung. Es müsse aber davon ausgegangen werden, dass es dieses gäbe, teilt ein Sprecher auf SWR-Anfrage mit. Allerdings: "Eine erste landesweit repräsentative Erhebung ist für das Jahr 2023 vorgesehen. Ziel ist es, Erkenntnisse zu gewinnen und ein genaueres Bild des tatsächlichen Kriminalitätsgeschehens zu erhalten."

Ob die gestiegenen Fallzahlen mit der Pandemie und vor allem den Lockdowns zusammenhängen, will der Sprecher nicht bewerten. Man arbeite mit einer Jahresstatistik, weswegen "valide Aussagen zu einer möglichen Korrelation zwischen zeitlich begrenzten Lockdownphasen und der Entwicklung des Kriminalitätsgeschehen" nicht möglich seien.

Klar ist aber, dass die gemeldeten Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch seit 2017 mit 1.127 Fällen auf 1.485 in 2021 gestiegen sind. Zwar wurde die höchste Gesamtzahl mit 1.520 im Jahr 2019 erreicht. Doch beinhalten diese gemeldeten Fälle auch exhibitionistische und sexuelle Handlungen vor Kindern, die während der Pandemie weniger geworden sind. Im Jahr 2019 wurden hiervon 220 erfasst, in 2020 waren es 153 und in 2021 dann 160 Fälle.

Weniger Exhibitionismus, mehr andere Delikte

Im Umkehrschluss bedeutet das mit Blick auf die Gesamtzahlen: Die anderen Delikte in diesem Bereich haben zugenommen. Dabei geht es beispielsweise um "sexuelle Handlungen am oder durch das Kind", das "Einwirken auf Kinder ohne Körperkontakt" oder der Anweisung, dass Kinder an sich selbst sexuelle Handlungen vornehmen sollen. Der schwere körperliche sexuelle Missbrauch nahm im Vergleich zu 2019 dagegen minimal ab (286 Fälle zu 276 Fällen). In den Jahren 2017 und 2018 lag dieser Wert bei 191 beziehungsweise 214.

Fälle von Kinderpornografie in BW schnellen nach oben

Noch extremer ist die Entwicklung aber im Bereich der Kinderpornografie. Erfasste die Polizei in Baden-Württemberg im Jahr 2019 noch 1.434 Fälle, waren es 2020 bereits 2.416. Im vergangenen Jahr verdoppelte sich der Wert auf 4.873 Fälle.

Knapp 3.000 Hinweise von Internet-Providern

Das Innenministerium in Baden-Württemberg nennt vor allem zwei Gründe für den enormen Anstieg. Einerseits müssen amerikanische Internet-Provider, die ihre Datenbestände permament nach Kinderpornografie scannen, die Daten weiterleiten. Diese gelangen dann über eine amerikanische Nichtregierungsorganisation an das Bundeskriminalamt, welches die Ermittlungsverfahren in den jeweiligen Bundesländern initiiert. Im Jahr 2021 gingen so alleine in Baden-Württemberg 2.825 Verfahrenshinweise ein.

Darüber hinaus ist das Verschicken von Kinderpornografie in Chatgruppen und über die Sozialen Medien mittlerweile ein großes Problem. "Die derartige Verbreitung führt dazu, dass oftmals gegen alle Mitglieder einer Chatgruppe Ermittlungen geführt werden. Dies kann innerhalb kürzester Zeit zu einer immens hohen Anzahl von Tatverdächtigen führen", erklärt der Sprecher des Innenministeriums.

"Peer-to-Peer-Gewalt": Immer mehr minderjährige Tatverdächtige

Doch teilweise verschicken Kinder und Jugendliche die pornografischen Inhalte, wie beispielsweise Penis-Bilder, sogar selbst. Auch die Beratungsstellen kennen diese sogenannte "Peer-to-Peer-Gewalt". Ein Problem dabei: Die Jugendlichen sind sich der strafrechtlichen Relevanz dabei oftmals nicht bewusst, weswegen es auch immer mehr minderjährige Tatverdächtige gäbe, so das Innenministerium.

Schließlich ist zum 1. Juli 2021 das Gesetz zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt gegen Kinder in Kraft getreten. Darin ist unter anderem die Anhebung des Strafmaßes verankert. Außerdem gelte bereits der Besitz von Kinderpornografie als Verbrechen, was ein Mindeststrafmaß von einem Jahr Haft bedeute, erklärt der Sprecher des Innenministeriums. Zwar helfe das Gesetz der Polizei mit der hohen Abschreckung und bei der besseren Strafverfolgung. "Die Strafverschärfung führt jedoch auch dazu, dass nunmehr auch bei weniger schwerwiegenden Fallkonstellationen – etwa bei minderjährigen Tatverdächtigen – umfangreiche polizeiliche Ermittlungen erforderlich sind", sagt er.

Aufklärungsquote liegt bei knapp 97 Prozent

Auch KOBRA-Leiterin Anja Rehm hat einen höheren Beratungsbedarf von Eltern und Betroffenen in diesem Bereich registriert. Zudem ist die Beweislage deutlich besser, weswegen die Polizei hier eine Aufklärungsquote von fast 97 Prozent aufweist. Rehm spricht bei der Kinderpornografie allerdings von Missbrauchsabbildungen, da es keine Form von Pornografie, sondern eine Form von Kindesmissbrauch sei. Beide Expertinnen sehen die Pandemie mitverantwortlich für den massiven Anstieg in diesem Bereich.

Gerade Jugendliche zwischen elf und 16 Jahren, die in ihrer Lebensphase die eigene Sexualität entdecken, seien neugierig und damit auch etwas anfälliger, erklärt Dorothee Himpele von Wirbelwind. Normalerweise könnten sie ihre eigenen Erfahrungen machen. Doch nun seien sie isoliert gewesen, hätten sich in ihre Zimmer und ins Internet zurückgezogen.

"Viele Jugendliche haben in der Zeit den Kontakt zur Welt verloren."

Isolation in der Pandemie erleichterte es den Täterinnen und Tätern

Eben diese Isolation habe es den Tätern und Täterinnen enorm erleichtert, da diese eine Strategie sei, um das Vertrauen der Jugendlichen zu gewinnen. "Sie mussten ihre Strategie gar nicht anwenden. Das war schon gegeben", sagt Himpele und auch Rehm konstatiert: "Das hat Tätern und Täterinnen Tür und Tor geöffnet."

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Das Problem ist dabei vielschichtig. Einerseits begreifen die Betroffenen im Laufe der Zeit, dass die Bilder im Netz stehen oder bei dem Täter oder der Täterin liegen. Diese können die Kinder und Jugendlichen damit wiederum erpressen, neue Bilder zu schicken und vor allem: zu schweigen. Das macht es besonders schwer, die Betroffenen zu erreichen. "Das ist ein unglaubliches Ohnmachtserleben", sagt Rehm und Himpele ergänzt: "Da entsteht ein Schamgefühl, sich nicht anzuvertrauen."

Auch ein Schuldgefühl, dass man etwas falsch gemacht haben könnte, stelle sich bei den Betroffenen sehr häufig ein, erklären die Expertinnen. Dem begegnen sie in ihren Beratungen dann aber entschieden:

"Eine unserer wichtigsten Botschaften ist: Kinder oder Jugendliche haben gar nie Schuld an sexueller Gewalt."

Ohnehin müsse es das Ziel sein, dass die Betroffenen wieder die Kontrolle erlangen und das Erlebte verarbeiten. Dann könnten es manche Kinder und Jugendliche auch schaffen, wieder nach vorne zu schauen.

Zuvor müssen die Betroffenen, die Familie oder die Freunde aber den ersten Schritt gehen. Sie können sich jederzeit bei den Beratungsstellen melden, die einer Schweigepflicht unterliegen. Zudem können die Beratungen auch anonym stattfinden. Wie dringend die Hilfe benötigt wird, sieht Dorothee Himpele jeden Tag. "Viele Jugendliche finden den Weg nicht zurück. Sie stecken noch unter dem Netz der Täter", sagt sie.

Umso bedeutender ist es, dass Angehörige, Freunde und das soziale Umfeld sehr aufmerksam sind. Am wichtigsten sei, dass man mit den Kindern und Jugendlichen spreche und ihnen vor allem Glauben schenke. "Kinder müssen bis zu sieben Erwachsene ansprechen bis ihnen geglaubt wird. Das wird bagatellisiert", sagt Himpele.


Um die bereits vorhandenen Beratungsstellen besser miteinander zu vernetzen und noch stärker präventiv zu arbeiten, hat das Sozialministerium unlängst eine zentrale Beratungsstelle eingerichtet, die sich derzeit allerdings noch im Aufbau befindet.

Bedarf an Beratungen wird wegen Ukraine-Krieg noch weiter steigen

Dass das aber nur ein weiterer Schritt sein kann, sieht auch Himpele. Gemeinsam mit ihrem Team bereiten sie sich bereits auf durch den Krieg und auch durch Missbrauch traumatisierte Kinder und Frauen aus der Ukraine vor. Daher seien schon jetzt Projekte geplant, dass die Geflüchteten - und auch die freiwilligen Helfer in Baden-Württemberg, die teilweise überfordert sein könnten - auch den Weg in die Beratungsstellen finden. Und doch will Himpele trotz dieser düsteren Aussichten die Hoffnung, die stets Teil ihrer Arbeit sei, nicht verlieren: "Ich denke, man kriegt die Kinder schon wieder nach und nach raus."

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