Viele Badegäste in einem Schwimmbad. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa)

Polizei und Bäderbetreiber sprechen von Einzelfällen

BW: Sexuelle Belästigung im Freibad nimmt leicht zu

STAND

Sexualstraftaten im Freibad sind laut Polizei im Jahr 2021 auf ein Zehn-Jahres-Tief gesunken. Der Anstieg 2022 sei bisher gering. Ein Reutlinger Kinderschutzverein warnt trotzdem.

Die Meldungen über sexuelle Belästigung im Freibad aus den vergangenen Wochen sprechen für sich:

"Ein 22-Jähriger soll am Wochenende im Freibad drei Mädchen belästigt und den 13-Jährigen an den Hintern gefasst haben."

"Ein 31 Jahre alter Mann hat in einem Freibad eine 33-jährige Frau sexuell belästigt. Sie stand im FKK-Bereich, als er sie am Bauch und, trotz Aufforderung, es zu lassen, an der Brust berührte."

"Ein unbekannter Mann hat ein 15-jähriges Mädchen in einem Freibad sexuell belästigt. In der Rutsche soll er gezielt abgebremst und auf die 15-Jährige gewartet haben, wo er sie schließlich begrabschte und mit ihr gemeinsam weiterrutschte."

Sexuelle Belästigung: Geringer Anstieg der Fallzahlen in BW

Vorfälle wie diese sorgen regelmäßig für Aufregung und Aufmerksamkeit. Ihre Zahlen insgesamt allerdings scheinen laut Polizei im laufenden Jahr im Vergleich zu 2021 zwar anzusteigen, aber auf einem sehr niedrigen Niveau. 15 "Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung" in Freibädern hat die Polizei landesweit im vergangenen Jahr registriert - ein Zehnjahrestiefstwert.

Festgestellte Straftaten ganz unterschiedlich

Bei zehn dieser Fälle handelte es sich um sexuellen Missbrauch, in vier Fällen davon waren Kinder betroffen. Sechsmal habe es Fälle von "Exhibitionismus" und "Erregung öffentlichen Ärgernisses" gegeben, so die Zusammenstellung des Landesinnenministeriums. Einmal seien pornografische Inhalte verbreitet worden. Der Ministeriumssprecher Renato Gigliotti erklärt gegenüber dem SWR allerdings, beim Blick auf die Anzahl von Taten und Tatversuchen müssten auch immer die Einflüsse des Wetters auf Öffnungs- und Schließzeiten der Freibäder beachtet werden - und in den vergangenen beiden Jahren außerdem die Maßnahmen im Kampf gegen Corona.

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Sexualstraftaten: Jeder Vorfall kann Opfer gravierend belasten

Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich bei den Opferzahlen ab. Auch hier gab es im vergangenen Jahr mit insgesamt 17 Fällen in baden-württembergischen Freibädern ein Zehnjahrestief, bei elf davon waren die Opfer Kinder und Jugendliche. Und auch hier deutet sich laut Landesinnenministerium von Januar bis Mai dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg auf sehr niedrigem Niveau an. Renato Gigliotti betont aber ausdrücklich, im besonders sensiblen Bereich der Sexualstraftaten könne jeder Einzelfall "gravierende Folgen oder Belastungen für das Opfer haben."

Polizeigewerkschaft in BW sieht aktuell kein größeres Problem

Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in Baden-Württemberg (GdP BW), Gundram Lottmann, bekräftigt gegenüber dem SWR, aufgrund der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Einschränkungen gebe es im Vergleich zu den Vorjahren deutlich weniger sexuelle Übergriffe und Vorfälle in den Freibädern.

"Ich habe mich bei meinen Kolleginnen und Kollegen umgehört und aktuell stellt dieses Kriminalitätsphänomen kein größeres Problem dar."

Lottmann ist vor allem eines wichtig: Die Polizei ist ausreichend ausgestattet und geschult. Es gelte eine Null-Toleranz-Grenze für nicht gewünschtes Verhalten in den Freibädern, die Polizei greife konsequent durch, wenn sie gerufen werde. "Jede Besucherin und Besucher eines Freibades kann sich sicher fühlen - es gibt keine rechtsfreien Räume." betont der GdP-Landeschef.

In Freibädern in Baden-Württemberg kommt es zu vereinzelten Fällen von sexueller Belästigung (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Jens Büttner)
In den Freibädern im Land gab es in diesem Jahr einzelne Verdachtsfälle von sexueller Belästigung. picture alliance/dpa | Jens Büttner

Sexuelle Nötigung: Öffentliche Bäder sehen sich gut gerüstet

Unterstützt wird diese Einschätzung vom Sprecher der Arbeitsgemeinschaft öffentliche Bäder Baden-Württemberg und Leiter der Reutlinger Bäder, Necdet Mantar. Die Beschäftigten der Bäder seien gut geschult im Umgang mit Vorwürfen und Verdachtsfällen sexueller Nötigung. Nach einer ruhigen Lage in den Corona-Jahren mit weniger Besuchern und mehr Sicherheitspersonal seien in den Freibädern im Land in diesem Jahr leider wieder vereinzelte Verdachtsfälle aufgetaucht. Jeder einzelne werde sofort schriftlich aufgenommen und polizeilich recherchiert und geprüft. Wo nötig, würden Personalien festgestellt und von Seiten der Bäder schriftliche Hausverbote erteilt, erklärt Mantar.

"Die Zusammenarbeit mit der örtlichen Polizei ist hervorragend, schnell und unkompliziert."

Eines hebt der Bädersprecher besonders hervor: Die Kolleginnen und Kollegen in den Bädern hätten keine besonders gravierenden Fälle (zum Beispiel gegenüber Minderjährigen oder in Gruppen ausgeführt) wahrgenommen - "zum Glück", betont Mantar.

Kinderschützer warnen vor Dunkelziffer

Der Verein "Wirbelwind" aus Reutlingen betont, sexualisierte Übergriffe in Schwimmbädern habe es schon immer gegeben. Der eingetragene Verein ist nach eigenen Angaben die Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend im Landkreis Reutlingen. Sprecherin Dorothee Himpele betont gegenüber dem SWR, dass es bei sexualisierter Gewalt ein hohes Dunkelfeld gebe. "Das bedeutet, dass sich viele von sexualisierter Gewalt betroffene Kinder und Jugendliche keine Hilfe holen (können) oder sich Dritten anvertrauen. Diese Fälle werden dann weder bei der Polizei, noch bei den Bäderbetreibern erfasst."

Hilfe bei "Fremdtätern" öfter eingefordert

Sexuelle Übergriffe im Schwimmbad könnten ganz unterschiedlicher Art sein, erklärt Himpele, und unterschiedliche Dauer und Dynamiken haben. Es komme darauf an, wer die übergriffige Person sei: eine fremde erwachsene Person, Schwimmtrainer oder -trainerin, Tauchlehrer oder -lehrerin oder Jugendliche untereinander. Bei "Fremdtätern" falle das Hilfe holen etwas leichter, weil kein Vertrauensverhältnis bestehe und die Bezugspersonen den Kindern in der Regel glaubten.

"Zuallererst muss man den von sexualisierter Gewalt betroffenen Kindern und Jugendlichen glauben, ihnen zuhören und sie loben, dass sie sich Hilfe geholt haben." 

Wie Kinder und Jugendliche sexuelle Übergriffe und Gewalt verarbeiten, sei ganz unterschiedlich, erklärt die Sprecherin von "Wirbelwind". Hierbei komme es auch darauf an, wie das Umfeld reagiere. Statistisch müsse ein Kind bis zu sieben Mal einen Erwachsenen ansprechen, bis ihm geglaubt und geholfen werde.

Bäderbeschäftigte müssen Opfer unterstützen und informieren

Vor allem gilt für die Vertreterin von "Wirbelwind": Die Beschäftigten in den Bädern sollten geschult sein, um Betroffene in solchen Momenten unterstützen zu können. Es sollte interne Ablaufpläne zum Umgang mit sexualisierter Gewalt geben. Und neben dem Einschalten der Polizei und Platzverweis sollten sich Handlungsleitfäden auf die Versorgung der Betroffenen beziehen. Und ein weiterer Punkt ist Dorothee Himpele wichtig: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bäder sollten Betroffene darüber informieren, dass es Fachberatungsstellen gegen sexualisierte Gewalt gibt. Diese könnten für Hilfe und Unterstützung von den Betroffenen selbst, aber auch von Bezugspersonen wie beispielsweise den Eltern aufgesucht werden.

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SWR