Die grüne Fassade der neuen Calwer Passage in Stuttgart.  (Foto: SWR)

Konzept "Schwammstadt"

Gegen Hitze und Überschwemmung: So könnten Städte in BW in Zukunft aussehen

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AUTOR/IN
Anne Jethon

Wie gehen Kommunen in Baden-Württemberg künftig mit Trockenheit und Starkregen um? Das Konzept "Schwammstädte" ist für viele eine Antwort darauf. Damit könnte das Leben in der Stadt grüner werden.

Brütende Hitze oder starke Überschwemmungen - in baden-württembergischen Städten spüren die Menschen den Klimawandel teils deutlicher als die Menschen auf dem Land. Denn die vielen versiegelten Flächen heizen die Umgebung auf - oder aber sie sorgen dafür, dass Wasser bei Starkregen nicht abfließen kann. Viele Städte und Kommunen im Land wollen etwas dagegen tun - und richten sich nach dem Konzept "Schwammstadt".

Demnach soll eine Stadt Regen wie ein Schwamm aufnehmen - und damit Überschwemmungen bei Starkregen verhindern. Bei Trockenheit und Hitze gibt sie das gespeicherte Wasser wieder durch Verdunstung ab und die Stadt bleibt kühler. Ein Konzept, mit dem man auch auf die Stadtgestaltung aus dem Mittelalter zurückgreift, wo es noch kein Beton gab, weiß Susanne Knospe, Projektleiterin für das Klimaanpassungskonzept der Stadt Freiburg.

In Basel soll momentan ein neues Viertel zum Wohnen und Arbeiten entstehen. Es richtet sich nach dem Konzept "Schwammstadt". Wie das genau aussehen kann, sehen Sie im Video vom 20.06.2022:

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Freiburg will zur "Schwammstadt" werden

Das Klimaanpassungskonzept der Stadt Freiburg gibt unter anderem Empfehlungen, wie die Stadt so umgebaut werden kann, dass sie sich weniger aufheizt. Wer zum Beispiel neu bauen will, muss sich an die Vorgaben aus dem Konzept halten - damit kann Freiburg unter anderem schneller zur "Schwammstadt" werden.

"Den besten Schwamm, den wir haben, ist der Wald und der Waldboden", so Knospe. Denn Wälder speicherten Wasser besonders gut. Ein Grund, warum es in Freiburg in Zukunft noch mehr Begrünung geben soll. "Pflanzen sind das wichtigste Mittel, um unsere heißen Städte zu kühlen", sagt sie im Gespräch mit dem SWR. Oder aber, um Wasser wie eine Schwammpore aufzunehmen.

Das Problem: In Deutschland habe man das Land seit Jahren entwässert. "Wir haben Flüsse begradigt, wir haben jeden Regentropfen in die Kanalisation geschickt - und jetzt zwingt die Trockenheit uns, einen U-Turn zu machen."

Pflanzen helfen gegen Trockenheit und Überschwemmungen

Ganz konkret heißt das: Freiburg brauche mehr offene Böden, mehr Grünflächen, mehr Pflanzen in der Innenstadt. Dächer oder sogar Hausfassaden sollen begrünt werden. Der Regen soll möglichst nicht in der Kanalisation landen, sondern in der Stadt bleiben. Beim Neubau sei das alles schon Pflicht: Regenwasser solle größtenteils auf dem eigenen Grundstück versickern, erklärt Knospe. Hilfreich seien da auch Mulden oder Krater, in die das Wasser ablaufen kann. Damit Wasser bei Starkregen ablaufen kann, brauche es außerdem mehr Pflastersteine statt Betonboden - und damit weniger Versiegelung. So wie im Mittelalter, sagt Knospe.

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"Wir haben Flüsse begradigt, wir haben jeden Regentropfen in die Kanalisation geschickt - und jetzt zwingt die Trockenheit uns, einen U-Turn zu machen."

Dass viele Städte bei dem Thema hinterherhinken, zeigt eine Untersuchung der VdS Schadenverhütung GmbH. Sie hat die 50 einwohnerstärksten Kommunen in Deutschland unter die Lupe genommen, um herauszufinden, wie stark sie bebaut, betoniert oder asphaltiert sind. In Baden-Württemberg ist Stuttgart auf Platz eins mit rund 31,5 Prozent Versiegelung. Danach kommt Karlsruhe mit 27,1 Prozent, Heidelberg mit 18,8 Prozent und Freiburg mit 17,6 Prozent Versieglungsgrad. Ideale Voraussetzungen für Hochwasser.

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Um dem Problem und den Folgen des Klimawandels entgegenzusteuern, will das Land Baden-Württemberg ein Konzept erarbeiten. Im Juli hatte das Kabinett laut einer Pressemitteilung die Weiterentwicklung der Landes-Hochwasserstrategie und eine Wassermangelstrategie beschlossen. Demnach sollen Verantwortliche bei akuten Lagen besser miteinander kommunizieren, Informationen sollen einfacher beschafft und weitergegeben werden. Unter anderem will das Land ein Niedrigwasser-Informations-Zentrum einrichten. Konkrete Ideen zum Thema "Schwammstädte" werden in der Pressemitteilung allerdings nicht beschrieben.

Viele Städte orientieren sich am Prinzip Schwamm

Viele Städte in Baden-Württemberg nehmen das Thema mittlerweile selbst in die Hand. In Winnenden (Rems-Murr-Kreis) entstand zum Beispiel eine Siedlung samt Bach und Rückhaltebecken, in das Regenwasser abfließen soll. Esslingen und Mannheim wollen zur "Schwammstadt" werden. In Schwäbisch Gmünd entsteht laut der Stadt ein Park für 4,7 Millionen Euro, der sich nach dem "Schwammstadt"-Prinzip richtet. Auch in Stuttgart, Konstanz, Karlsruhe und Heilbronn gibt es Projekte.

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Umbau kann unbestimmt lange dauern

Das Problem: Mit den Projekten sind hohe Kosten und viel Zeit verbunden. Vom einen auf den anderen Tag lässt sich eine "Schwammstadt" nicht umsetzen. Das weiß auch Susanne Knospe: "Unsere Stadt ist eben schon gebaut." Um vollständig zur "Schwammstadt" zu werden, habe Freiburg momentan nicht genug Fläche. Wie lange so eine komplette Umgestaltung dauern kann, kann Knospe nicht voraussagen.

Klar ist aber für Knospe: "Schwammstädte" machen ein Leben in der Stadt schöner. Jeder Schritt, den Städte, das Land oder Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer selbst tun, trägt dazu bei.

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Anne Jethon