Ukrainische Flüchtlinge besteigen am Bahnhof von Przemysl, Polen, einen Zug, der sie weiter nach Westen bringen soll. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/ZUMA Press Wire | Hector Adolfo Quintanar Perez)

Europol warnt vor Menschenhändlern

Schutzzonen für ukrainische Geflüchtete in BW-Bahnhöfen gefordert

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Berkan Cakir

Behörden warnen vor Kriminellen, die die Notlage von ankommenden Geflüchteten aus der Ukraine ausnutzen. An Bahnhöfen in Baden-Württemberg sollen deshalb Schutzzonen entstehen.

Immer mehr Geflüchtete aus der Ukraine kommen in Baden-Württemberg an. Mittlerweile sind es laut Justizministerium 7.800 registrierte Personen, viele kommen mit dem Zug an den Bahnhöfen an. Gerade hier scheint es für viele Ukrainerinnen und Ukrainer allerdings nicht ganz sicher zu sein.

Europol warnt vor Menschenhändlern

Nach Angaben von Europol wollen Kriminelle die Not der ankommenden Geflüchteten ausnutzen. Meist würden sich die Kriminellen als hilfsbereite Bürger ausgeben und die Geflüchteten an Bahnhöfen und Massenunterkünften ansprechen. Laut der europäischen Polizeibehörde sind insbesondere Frauen und Minderjährige betroffen, die von den Menschenhändlern als Arbeitskräfte oder sexuell ausgebeutet werden sollen.

GdP in BW: Sichere Räume für ukrainische Geflüchtete schaffen

Als Reaktion darauf schlug Bundesfamilienministerin Anne Spiegel (Grüne) sogenannte Schutzzonen an den Bahnhöfen vor. Auch in Baden-Württemberg werden solche sicheren Bereiche diskutiert. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) im Land sieht Schutzzonen in den Bahnhöfen als dringend notwendig an. "Die Flüchtlinge brauchen Räumlichkeiten, wo sie sicher unterkommen, essen und trinken können", sagte der Landesvorsitzende Gundram Lottmann dem SWR. In den Schutzzonen sollen außerdem die Personalien der Geflüchteten aufgenommen werden, um Hilfestellungen besser leisten zu können.

Konkrete Fälle in Baden-Württemberg, bei denen geflüchtete Frauen oder Minderjährige von Kriminellen angesprochen wurden, seien der Polizei bisher nicht bekannt. Dennoch müssten insbesondere minderjährige Flüchtlinge, die ohne ihre Eltern in Baden-Württemberg ankommen, vorsorglich in Obhut genommen werden, betont der GdP-Landesvorsitzende. Auch die Polizei in Stuttgart warnte auf Twitter in diesem Zusammenhang vor Zwangsprostitution und Menschenhandel.

Bislang sind der #PolizeiBW in #BaWü noch keine Fälle von Zwangsprostitution oder Menschenhandel im Zusammenhang mit der Fluchtsituation in der Ukraine bekannt, dennoch möchten wir davor warnen. ⚠️ Weitere Informationen und konkrete Verhaltenshinweise ▶️ https://t.co/MNXLtKVAlw https://t.co/e22k9lz6RT

Bahnhofsmission sieht Gefahr für ukrainische Geflüchtete

Hilfsorganisationen berichten von unterschiedlichen Beobachtungen. Laut der Bahnhofsmission ist den ehrenamtlichen Helfer am Stuttgarter Hauptbahnhof bisher "nichts in dieser Richtung" aufgefallen, so Jürgen Herrmann, der stellvertretende Vorsitzende. Eine Besonderheit sei die Wartehalle der Deutschen Bahn am Gleis 1. Diese Räumlichkeiten seien umfunktioniert worden. Nur ukrainische Geflüchtete und Helfer, die sich ausweisen können, hätten hier Zutritt. "Von daher haben wir praktisch schon eine Schutzzone", so Herrmann. Allerdings bestehe durchaus eine Gefahr, betont er. Bei den Bahnhofsmissionen in München und Berlin seien Übergriffe auf ukrainische Geflüchtete bekannt geworden.

Bundespolizei zum Schutz von ukrainischen Frauen auf dem Hauptbahnhof Stuttgart. (Foto: SWR, Philipp Pfäfflin)
Beamtinnen und Beamte der Bundespolizei zeigen auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof Präsenz vor der Wartehalle am Gleis 1 - auch um allein reisende Frauen aus der Ukraine zu schützen. Philipp Pfäfflin

Hilfsgruppe "Wolja" meldet verdächtige Fälle

Die Hilfsgruppe "Wolja" hat am Stuttgarter Hauptbahnhof dagegen laut eigenen Angaben durchaus verdächtige Vorgänge beobachtet. "Wir haben natürlich Auffälligkeiten gesehen, die wir auch der Polizei gemeldet haben", so die ehrenamtliche Helferin, Maria Azzarone, zum SWR. Demnach hätten vereinzelt Männer ukrainische Frauen direkt angesprochen, um ihnen eine Unterkunft zu vermitteln. Angezeigt worden sei nur ein Fall aus dem Internet: Dabei habe ein Mann einer Geflüchteten eine Wohnung gegen sexuelle Dienste angeboten. Auch Azzarone befürwortet daher Schutzzonen an den Bahnhöfen in Baden-Württemberg.

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Bundespolizei in BW sieht noch keinen Anlass für Schutzzonen

Zuständig für solche sicheren Bereiche in den Bahnhöfen wäre die Bundespolizei. Die Direktion in Baden-Württemberg aber sieht derzeit keine Notwendigkeit für Schutzzonen. Bisher gebe es im Land keinen einzigen von Europol beschriebenen Fall, bestätigt die Bundespolizei. Die Beamten vor Ort seien jedoch "sensibilisiert", so ein Sprecher.

Auch auf Nachfrage beim baden-württembergischen Innenministerium heißt es: Von Übergriffen sei bisher nichts bekannt. Aktiv könne man daher derzeit nichts beitragen. Schutzzonen seien nicht in Planung, so ein Sprecher des Ministeriums.

Land erwartet mehr Geflüchtete - Lage könnte sich ändern

Die Situation könnte sich mit steigenden Flüchtlingszahlen allerdings ändern. Bisher sind 12.000 Plätze in den Erstaufnahmestellen des Landes für Geflüchtete aus der Ukraine geplant. Laut Justizministerin Marion Gentges (CDU) reicht das auf Dauer aber nicht aus. Baden-Württemberg müsse sich auf eine größere Zahl an Geflüchteten einstellen.

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