Ein Schild weist auf Hochwasser am Rhein hin. | Aktuell (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Sebastian Gollnow)

Nach der Katastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz

Wie gut ist Baden-Württemberg vor Hochwasser geschützt?

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Hochwasser-Katastrophen wie in Ahrweiler und der Eifel könnte es künftig häufiger geben. Was tut das Land Baden-Württemberg, um seine Bevölkerung zu schützen? Und ist das genug?

Die aktuellen Bilder rufen Erinnerungen wach - etwa an die verheerende Überflutung im kleinen Ort Braunsbach (Kreis Schwäbisch Hall) als sich vor fünf Jahren eine reißende Welle aus Wasser und Geröll durch die Gemeinde fräste und alles zerstörte: Autos, Häuser, Bäume. Oder an die Überschwemmungen im Killertal (Zollernalbkreis), bei denen 2008 drei Frauen ertranken.

Hochwasser möglichst gut vorhersehen und Katastrophen verhindern

Um Hochwasser rechtzeitig zu erkennen, misst die Landesanstalt für Umwelt (LUBW) ständig die aktuellen Pegel, digital abrufbar auf der Internetseite der Behörde.

Die Messungen sind auch die Grundlage für Modell- und Risikoberechnungen, aus denen spezielle Karten entstehen: Hochwassergefahren- und Hochwasserrisikokarten - und zwar entlang von rund 11.300 Gewässerkilometern in ganz Baden-Württemberg. Daraus wiederum erstellen die Regierungspräsidien Maßnahmenberichte für die Kommunen - also individuelle Hausaufgaben zum Hochwasserschutz.

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Land koordiniert grenzübergreifenden Hochwasserschutz

Weil Hochwasser aber nicht vor Landesgrenzen halt macht, übernimmt das Land auch die Koordination von grenzübergreifenden Schutzmaßnahmen mit anderen Ländern und Bundesländern, wie etwa das Integrierte Rheinprogramm (IRP), das beispielsweise Großstädte entlang des Rheins, wie Karlsruhe, Mannheim oder Ludwigshafen vor Überflutungen schützen soll. Dort wird das materielle Schadensrisiko bei einer Hochwasserkatastrophe laut Umweltministerium auf bis zu zehn Milliarden Euro geschätzt. Zum IRP gehören auch das Kulturwehr Kehl-Straßburg und der Polder Altenheim (Ortenau), die beim jüngsten Hochwasser geflutet wurden und so den Druck von den Deichen genommen haben. 

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Auf baden-württembergischer Seite will man bis 2028 fertig sein mit dem Integrierten Rheinprogramm. Insgesamt soll der Bau der 13 Rückhalteräume gut 1,7 Milliarden Euro kosten. Allerdings zieht sich die Umsetzung des Programms in die Länge, weil es Widerstand von Bürgerinitiativen gibt.

70 Prozent Zuschuss vom Land

Das Land stellt für den Hochwasserschutz in diesem Jahr 83,5 Millionen Euro zur Verfügung, so das Umweltministerium - die Mittel wurden in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Für die Kommunen stehen außerdem 51 Millionen Euro bereit. Wenn sich eine Gemeinde zu Hochwasserschutzmaßnahmen, etwa einem Rückhaltebecken entschließt, bekommt sie bis zu 70 Prozent der Kosten vom Land. Allerdings: Den Bedarf müssen die Kommunen selbst erkennen und anmelden.

Zunehmend kleinere Flüsse im Fokus

Die neuralgischen Punkte im Land sind - so ein Sprecher des Umweltministeriums - überall dort, wo Flüsse über die Ufer treten können. Jedoch: Zunehmend kommen auch die kleinen Gewässer und Bäche in den Fokus. Die sind nämlich besonders für lokal auftretenden Starkregen "empfänglich" - siehe Braunsbach. Das Problem bei Starkregen liegt auf der Hand: Er kann nahezu jeden treffen, denn er kommt an unvorhersehbaren Stellen herunter. Insofern ist jeder kleine Bach inzwischen ein neuralgischer Punkt. Hier sind die Kommunen in der Pflicht. Sie müssen zum Beispiel das Hochwasserrisiko in ihren Bebauungsplänen berücksichtigen. Bauen in Überschwemmungsgebieten ist ohnehin verboten.

Außerdem bietet das Land Informationen und Leitlinien zum Schutz gegen Starkregen. 200 Gemeinden im Land sind hier inzwischen aktiv geworden, so Landesumweltministerin Thekla Walker (Grüne). "Da muss auf jeden Fall noch mehr passieren in den nächsten Jahren", so die Ministerin. In der Region Stuttgart sind es beispielsweise weniger als ein Drittel der Kommunen, die ein Starkregenrisiko-Konzept nach der Strategie des Landes Baden-Württemberg erstellt haben. 

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Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) erklärte am Dienstag in der Regierungs-Pressekonferenz: "Ich glaube schon, dass jetzt auch bei vielen Kommunen angekommen ist - auch jetzt durch Juni- und Juli-Ereignisse überall im Land - dass hier Handlungsbedarf besteht." Schließlich gebe es durch den Klimawandel bedingt diese Extremwetter-Ereignisse in einem anderen Rhythmus als in den letzten Jahren oder sogar Jahrhunderten.

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Freiburg baut Staudamm im Bohrertal

Den Handlungsbedarf erkannt hat zum Beispiel Freiburg. Durch die Stadt fließt der Bohrerbach - ein idyllischer Gebirgsbach, der vom Schauinsland herabfließt und einmal die Stadt durchquert. Damit sich dieser Bach bei Starkregen nicht wie in Braunsbach in ein reißendes Gewässer verwandelt, baut die Stadt im höher gelegenen Bohrertal derzeit einen Staudamm und ein Rückhaltebecken mit einem Fassungsvermögen von 200.000 Kubikmetern. Dieser Damm soll dann auch verhindern, dass das neu geplante Wohnviertel auf der anderen Seite Freiburgs in unmittelbarer Nähe des Baches gefährdet ist.

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47 Millionen für den Wiederaufbau in Braunsbach

Dass Hochwasserschutz Not tut, haben die Ereignisse in Braunsbach gezeigt. Die Förderung allein für den Wiederaufbau von Straßen, Infrastruktur sowie den Hochwasserschutz beziffert die Gemeindeverwaltung auf 47 Millionen Euro. Der kleine Bach Orlach, der damals nach heftigen Regengüssen als reißende Sturzflut durch den Ortskern preschte, wurde ebenso wie seine Nebenbäche, die sogenannten "Klingen", durch Geröllfänge und ein neues Bachbett gebändigt.

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Warnung der Bevölkerung ein Problem

Wenn trotz der Schutzmaßnahmen das Hochwasser anrollt, ist es wichtig die Bevölkerung rechtzeitig zu warnen. Zwar gibt es inzwischen Warn-Apps wie Katwarn oder Nina, die die Bevölkerung durch Push-Nachrichten auf drohende Gefahren hinweisen sollen. Aber wenn die Menschen schlafen, oder das Mobilnetz wegen Stromausfalls innerhalb kürzester Zeit ausfällt, bringen diese Apps nichts. Die Sirenen auf Schulgebäuden und Rathausdächern, die in solchen Fällen früher Alarm schlugen, sind vielerorts abgeschaltet oder funktionieren nicht - wie der bundesweite Sirenenwarntag im vergangenen Herbst gezeigt hat.

Andreas Kling, Katastrophenschutzexperte aus Weingarten (Kreis Karlsruhe), bemängelt darüber hinaus, dass die Menschen beim Bevölkerungsschutz nicht mitgenommen werden. Er fordert unter anderem eine bessere Risikokommunikation im Vorfeld der Ereignisse. Dem SWR sagte er, die Menschen müssten verinnerlichen, dass man bei Hochwasser nicht noch eben schnell in den Keller gehen oder mit dem Auto in eine Unterführung fahren dürfe. Den Leuten müsse außerdem klar sein: "Ihr müsst Euch drum kümmern, dass Eure Dachziegel fest sitzen und die Rückschlagventile dicht sind", so Kling. Außerdem sei es wichtig, dass die Menschen für zehn Tage Lebensmittelvorräte und Wasser zu Hause hätten - und ein Evakuierungs-Rucksack mit dem Nötigsten immer griffbereit sei. Kling mahnt, das Land müsse sich dringend Kommunikationsstrategien überlegen, um all diese Informationen an die Bürger zu bekommen. Broschüren seien da nicht genug.

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Das hat offensichtlich auch die Landesregierung erkannt. In der Regierungspressekonferenz am Dienstag sagte Ministerpräsident Kretschmann, es müsse mehr Katastrophenübungen geben. "Da brauchen wir eine ganz andere Haltung - die ist bei uns viel zu wenig drin", so Kretschmann.

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