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Konzentrationsprobleme, fehlende Motivation und Überforderung - Fernunterricht stellt Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg vor Herausforderungen, denen nicht alle gewachsen sind. Bleiben die Schwächsten auf der Strecke?

Baden-Württembergs Schulpsychologen drängen darauf, bei Lockerungen der Corona-Maßnahmen zuerst an Schulöffnungen zu denken. Kinder bräuchten Schulen nicht nur als Lernort, sondern auch für soziale Begegnungen und ihre psychische Entwicklung, so der Landesverband Schulpsychologie Baden-Württemberg. Schülerinnen und Schüler würden sich in der Pandemie verstärkt wegen Problemen beim Fernlernen an die Schulpsychologen wenden. Es gehe etwa um fehlende Motivation und Konzentration sowie Schwierigkeiten bei der Selbstorganisation, berichtet der Verband am Montag.

Diese Einschätzung teilen auch einige Lehrkräfte. Ein Lehrer, der an einer weiterführenden Schule nördlich von Freiburg unterrichtet und anonym bleiben möchte, erzählt etwa, dass alle seine Schüler im Online-Unterricht die Kameras ausließen. Wenn er in den schwarzen Bildschirm hineinspreche, frage er sich, wer ihm eigentlich zuhöre. "Viele loggen sich erst ein und schalten dann ab", sagte er. Vor kurzem habe er eine Stunde lang mit einem Schüler telefoniert, um den er sich besondere Sorgen mache: "Der hat totale Motivationsprobleme und liegt nur im Bett und kommt nicht mehr raus."

Hilfsangebote in der Pandemie nur eingeschränkt verfügbar

Immer mehr Schüler verweigerten sich dem Unterricht komplett, tauchten ab und seien nicht mehr erreichbar, so der Landesverband Schulpsychologie. Manche würden sogar die Schule abrechen, viele Hilfsangebote griffen derzeit nicht. "Wir schieben eine Bugwelle an Beratungen und Testungen vor uns her", so der Verband weiter. Zwar gebe es telefonische und digitale Beratungen, doch interaktive Methoden zur Konfliktlösung, Hilfe bei Prüfungsangst, Tests bei Rechenschwäche oder Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben seien beispielsweise nur in Präsenz möglich.

Ein zentrales Problem im Fernunterricht sei es nach Expertensicht, sich immer wieder selbstständig zu motivieren. "Für eine hohe Motivation ist es nämlich wichtig, dass sich Schülerinnen und Schüler sozial eingebunden fühlen", bestätigt auch Jörg Wittwer, Professor für Empirische Lehr- und Lern-Forschung an der Universität Freiburg. Diese Eingebundenheit sei wegen der Corona-Einschränkungen stark beeinträchtigt.

Schüler wegen Corona weniger in Unterricht eingebunden

Damit Lernen im Lockdown dennoch gelingt, sei es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler im Unterricht eine aktive Rolle übernehmen - zum Beispiel, indem sie Erklärvideos für ihre Mitschüler aufnehmen, erklärte Wittwer. Lernmaterialien müssten unmittelbar verständlich sein. Zudem sollte das Lehrpersonal den Nutzen des Lernstoffs für die eigene Lebenswelt verdeutlichen. Gerade bei den Jüngsten sei dies eine besonders große Herausforderung.

"Ich sehe großes Leid in den Familien."

Grundschullehrerin aus dem Ortenaukreis

Eine Grundschullehrerin aus dem Ortenaukreis berichtet, dass ausgerechnet ihre schwächeren Schüler weiter abgehängt würden. Zuhause fehle oft die Unterstützung, der Platz zum Lernen oder schlicht passende Geräte. Manche Erstklässler könnten nach ihren wenigen Monaten Präsenzunterricht noch nicht den Stift korrekt halten und wüssten nicht, wo man im Schulheft schreibt und wo nicht. Lesenlernen sei aus der Distanz quasi unmöglich.

Kinderschutz-Verein: Kinder werden wie Erwachsene behandelt

Bei älteren Schülerinnen und Schülern sieht der Kinderschutz-Verein "Initiative Familien" ebenfalls Probleme: Kinder der höheren Klassenstufen haben keinen Anspruch auf Notbetreuung. Viele von ihnen seien deshalb seit Wochen stundenlang täglich allein zuhause. "Da passiert vielleicht nichts Schlimmes, aber das ist eine Wahnsinnsüberforderung", so Zarah Abendschön-Sawall, Landessprecherin der Initiative. Die Kinder im Alter von 12 bis 14 Jahren müssten selbst ihren Alltag strukturieren, sich Essen zubereiten oder Technikprobleme lösen, damit der Online-Unterricht funktioniere. "Man behandelt diese Kinder als wären sie Erwachsene", meint sie.

Weltärztebund: "Kultusminister haben völlig versagt"

Gerade beim Thema Fernunterricht sieht auch der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes, Frank Montgomery, erheblichen Verbesserungsbedarf. Gegenüber dem SWR sagte er: "Da lachen sich manche Entwicklungsstaaten tot, was wir an Digitalisierung an den Schulen hingekriegt haben."

"Ich glaube, dass die Kultusminister völlig versagt haben bei der Digitalisierung der Schulen. Das ist ein Witz."

Frank Montgomery, Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes

Neben der Digitalisierung sei es auch wichtig, Hygienepläne zu erstellen. "Mein Wunsch wäre, sie bundesweit relativ gleich umzusetzen", so Montgomery. Auch bei den vielen Stufenplänen, die vor dem Bund-Länder-Treffen am Mittwoch erstellt wurden, wünscht sich der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes Einheitlichkeit: "Es ist gut, dass wir Pläne entwickeln, wann wir was, wie, wo öffnen können. Aber was ich schon wieder schrecklich finde, ist, dass jedes Land und jeder Ministerpräsident seinen eigenen Stufenplan machen muss."

BW-Trend: Mehr als 50 Prozent für schrittweise Schulöffnungen

Wie es mit den Schulen weitergeht, ist vor dem Treffen am Mittwoch noch unklar. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) drängt seit Wochen auf eine stufenweise Öffnung, Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hält dagegen. Doch der aktuelle, am vergangenen Donnerstag veröffentlichte BW-Trend zeigt: Eine Mehrheit der Baden-Württemberger kann sich vorstellen, dass Schülerinnen und Schüler wieder im Klassenzimmer unterrichtet werden.

53 Prozent sprechen sich dafür aus, die Schulen schrittweise wieder zu öffnen, 15 Prozent sind dafür, den Schulbetrieb vollständig wieder aufzunehmen. 30 Prozent der Befragten hielten es dagegen für besser, die Schulen geschlossen zu lassen.

Das sieht der Lehrer aus der Nähe von Freiburg, der häufig vor einem schwarzen Bildschirm unterrichtet, anders. Er fürchtet wegen des Fernunterrichts Langzeitfolgen. "Dieses Lernen von sozialem Umgang, das hat man jetzt lang nicht gehabt. Ich könnte mir vorstellen, dass uns das noch jahrelang beschäftigt", sagte er.

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