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Wenige Tage vor den Weichenstellungen für den Schulbetrieb nach dem Lockdown dringen Psychologen mit Blick auf die wachsende Zahl von "Schulverweigerern" auf eine rasche Öffnung der Bildungseinrichtungen.

Viele Schülerinnen und Schüler gewöhnten sich an das Nichtstun, vernachlässigten ihre Aufgaben, so die Vorsitzende des Verbandes der Schulpsychologinnen und Schulpsychologen Baden-Württemberg (LSBW), Nina Großmann. Manche Kinder tauchten in virtuelle Welten ab oder sähen fern: Schule scheint im Lockdown oft weit weg. Wenn der Unterricht wieder startet, koste das viele Überwindung.

"Wir haben schon nach dem ersten Shutdown eine dramatische Zunahme der Fälle von Schulverweigerung bemerkt", so Großmann. Auch während des Lockdowns stünden die Telefone der Beratungsstellen nicht still, sagte die Expertin der Deutschen Presse-Agentur.

Schulöffnung auch Thema der Bund-Länder-Beratungen am 5. Januar

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Länderchefinnen und -chefs beraten am kommenden Dienstag über das weitere Vorgehen in der Pandemie nach dem zunächst bis 10. Januar befristeten Shutdown. Einen Tag vor dem Gespräch wollen sich die Kultusministerinnen und -minister der Bundesländer in der Schulfrage abstimmen. Baden-Württembergs Ressortchefin Susanne Eisenmann (CDU) will Kitas und Grundschulen auf jeden Fall schon ab dem 11. Januar wieder öffnen und hat sich für diesen Vorstoß massive Kritik aus Infektionsschutzgründen eingehandelt.

"Den Kurs von Ministerin Eisenmann, die Schüler schnell wieder an die Schulen zu holen, finde ich absolut richtig und mutig."

Nina Großmann, Vorsitzende des Verbandes der Schulpsychologinnen und Schulpsychologen Baden-Württemberg

Großmann hingegen befürwortet den Plan. Gerade bei Grundschülern seien deutliche Leistungsdefizite und Wissenslücken zu beobachten. Ein Viertel der Fälle in den 28 Beratungsstellen im Land sei derzeit auf das Phänomen der Schulverweigerung zurückzuführen, erläuterte die Diplom-Psychologin aus Gerlingen (Kreis Ludwigsburg). Vor der Corona-Krise lag dieser Anteil bei etwa fünf Prozent.

BW-Kultusministerium sieht sich bestätigt

Ein Sprecher Eisenmanns sagte: "Wir sehen uns durch die Aussagen des Verbands bestätigt." Die Einschätzung der Schulpsychologen decke sich mit der Sicht von Kinderärzten und Kinderpsychologen, dass junge Menschen die durch den Schulbesuch vorgegebene Struktur und Stabilität sowie den sozialen Kontakt zu Gleichaltrigen und ihren Lehrkräften dringend benötigten. "Gerade kleinere Kinder aus nicht so stabilen sozialen Verhältnissen dürfen wir in diesen schwierigen Zeiten nicht aus dem Blick verlieren", betonte der Sprecher. Dieser Aspekt müsse bei dem Spitzengespräch am kommenden Dienstag eine wichtige Rolle spielen.

Zudem seien Schulen auch keine Infektionstreiber. Stand 14. Dezember seien 7 von rund 4.500 Schulen coronabedingt komplett geschlossen und 813 von ungefähr 67.500 Klassen vorübergehend in Quarantäne gewesen.

CDU-Bundeskandidat Merz unterstützt BW-Spitzenkandidatin Eisenmann

Die Öffnungsstrategie befürwortet auch Friedrich Merz, Kandidat für den CDU-Bundesvorsitz. Die Schulen müssten "so schnell wie möglich wieder geöffnet werden", sagte Merz den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Samstagsausgaben). Am meisten belaste ihn "nicht der ökonomische Schaden durch den Lockdown, sondern der massive Schaden in der Bildung unserer Kinder durch die geschlossenen Schulen. Darunter leiden vor allem die Kinder aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien." Es handele sich dabei um "die größte Herausforderung in und nach der Pandemie". Merz unterstützt in seinen Forderungen die Linie der baden-württembergischen Kultusministerin. Eisenmann habe "den Mut, etwas Richtiges zu sagen".

Versagensängste bis zum Suizid

Verbandschefin Großmann erklärte weiter, die Probleme der Kinder und Jugendlichen - zu zwei Dritteln männlichen Geschlechts - äußerten sich auch körperlich mit Bauch- und Kopfschmerzen sowie Erbrechen. In einem Fall hätten massive Versagensängste eines Mittelstufenschülers zum Suizid geführt. Die Hauptmotivation der Schüler zum Lernen seien die sozialen Beziehungen - sei es zu den Mitschülern, sei es zum Lehrer.

"Das ureigene Interesse an den Inhalten steht nicht im Vordergrund", betonte Großmann, die eine Beratungsstelle in Ludwigsburg leitet. Angesichts von Wartezeiten bei den Beratungsstellen von zwei bis drei Wochen halten sich die Schulpsychologen Extra-Termine für Schulverweigerer frei. Großmann: "Da kommt es auf jeden Tag an."

Auch Lehrkräfte in Corona-Krise überfordert

Eine weitere Belastung für den Verband mit seinen 200 Mitgliedern: Es kämen auch mehr Lehrkräfte, die sich wegen der Corona-Situation mit den neuen Unterrichtsformen und dem Wechsel von Präsenz- und Fernunterricht überfordert fühlten. "Das geht bis hin zum Burnout."

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