Geflüchtete Familien aus der Ukraine sitzen im Aufnahmezentrum in HalleSaale. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Hendrik Schmidt)

Bildungsverband rechnet mit 40.000 Schülern

Ukrainische Flüchtlingskinder: Schulsystem in BW steht vor großer Herausforderung

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Tausende ukrainischer Kinder sollen die Schulen in Baden-Württemberg besuchen. Verbände fordern deshalb mehr Lehrerstellen. Kulturministerin Schopper aber bremst die Erwartungen.

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine treibt Millionen Menschen in die Flucht, bisher vor allem Frauen und Kinder. Auch in Baden-Württemberg kommen immer mehr Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine an, was die Politik vor neue Herausforderungen stellt. Neben der Flüchtlingsunterbringung geht es auch darum, wie Kinder aus der Ukraine hier möglichst schnell in die Schule gehen können.

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Bildungsverband fordert bis zu 4.000 Lehrerstellen

Doch darauf sei das Schulsystem mangels Lehrern nicht vorbereitet, kritisieren Bildungsverbände. Sie fordern deshalb zusätzliche Lehrerstellen. Angesichts des Krieges in der Ukraine und der vielen geflüchteten Kinder, die ins Land kommen werden, ist diese Forderung aktueller denn je, sagt Ralf Scholl vom Philologenverband. "Wir sind davon ausgegangen, dass 40.000 Kinder dann im schulpflichtigen Alter sind - für diese brauche ich in der Größenordnung 3.500 bis 4.000 Lehrer", so Scholl.

Schopper fordert einheitliches Vorgehen der Länder

Die baden-württembergische Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) hält die Hochrechnung des Verbands für verfrüht:

"Das ist ein bisschen Politik mit dem Rechenschieber, die der momentanen Realität nicht angemessen ist. Weil wir natürlich wissen, dass es von der Haltung her ganz viele Ukrainerinnen und Ukrainer gibt, die sagen: Wir sind hier nur sehr kurz."

Im Übrigen sei die Integration ukrainischer Kinder in die deutschen Schulen nicht allein ein Thema in Baden-Württemberg. Damit befasse sich auch die Kultusministerkonferenz von Bund und Ländern (KMK). "Es gibt eine Task Force bei der KMK, weil es natürlich egal ist, ob das Kind im Saarland, in Bremen oder in Baden-Württemberg ankommt", sagte Schopper zum SWR. Man müsse daher einheitlich handeln.

Im SWR-Gespräch berichten Lehrerinnen, dass sie sich auf die Arbeit mit möglicherweise traumatisierten Kindern nicht ausreichend vorbereitet sehen. Sie kritisieren, dass es aktuell an Personal und Ressourcen fehle:

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GEW: "Wir kriegen in eine mehr als belastete Situation eine neue Krise rein"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg (GEW) sieht in der aktuellen Situation die Verschärfung von alten Problemen: "Wir haben die ganze Zeit schon einen Fachkräftemangel an den Schulen", so Monika Stein, die Landesvorsitzende der GEW. Gerade bekomme man in einer mehr als belasteten Situation eine neue Krise rein. Aktuell würde im Landeskultusministerium viel getan, um diesen Problemen entgegenzuwirken: "Ich bin mir sicher, dass das Kultusministerium nächste Woche eine Seite online stellt, auf der sich hilfsbereite Menschen eintragen können, dass sie unterstützungsbereit sind", so Stein im Gespräch mit dem SWR. "Dort werden sie auch Meldungen von Pädagoginnen uns Pädagogen erhalten, die bereit sind sich im Schuldienst einsetzen zu lassen." Ausreichen würden diese Bemühungen des Kultusministeriums nach neuen pädagogischen Kräften aber nicht. Laut Stein müssten weitere Maßnahmen wie zusätzliche Klassen geschaffen werden. Man könne die Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine nicht in bereits volle Klassen stecken.

Philologenverbandschef: Fünf bis zehn Prozent der Kinder sprechen Deutsch

Philologenverbandschef Scholl äußert sich ähnlich zur aktuellen Lage. Weil die wenigsten Kinder aus der Ukraine deutsch sprechen, könne man sie auch nicht einfach in Schulklassen setzen. "Sicher wäre es für eine ganze Reihe von ihnen eine Überforderung, sie in ganz normale Klassen zu setzen, wo sie kein Wort Deutsch können." Man gehe davon aus, dass fünf bis zehn Prozent der Kinder Deutsch sprechen könnten. Aber das betreffe nur die älteren Schülerinnen und Schüler.

VBE will Pensionärinnen und Pensionäre einsetzen

Wichtig seien erst mal Deutschkurse in Vorbereitungsklassen. Weil es aber auch dafür zu wenig Lehrkräfte gibt, schlägt der Verband Bildung und Erziehung (VBE) vor, Lehrerinnen und Lehrer im Ruhestand und Studierende einzusetzen. "Wir haben von unseren Pensionären gehört, dass sie sehr gerne mithelfen würden bei der Unterrichtung, wenn die Flüchtlingskinder aus der Ukraine ankommen", so VBE-Landeschef Gerhard Brand. Zudem hätten Studentinnen und Studenten, die jetzt das Staatsexamen im Wintersemester abgeschlossen haben, eine Wartezeit, bis sie das Referendariat beginnen könnten.

Baden-Württemberg sucht ukrainische Lehrkräfte

Kultusministerin Schopper will sich erst ein klareres Bild verschaffen. Kurzfristig sollen die Schulen pragmatisch vorgehen und ukrainischen Kindern und Jugendlichen einen Schulbesuch ermöglichen. Zudem setzt sie darauf, dass bald auch geflüchtete Lehrkräfte aus der Ukraine helfen können. Dafür wolle man eine Online-Plattform erstellen, auf der sich ukrainische Lehrerinnen und Lehrer melden könnten, um den Kindern auch muttersprachlichen Unterricht anbieten zu können.

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