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Acht Jahre - oder doch neun Jahre Gymnasium? Geht es nach dem baden-württembergischen Philologenverband, haben sich die Eltern der Schüler eindeutig positioniert. Das Kultusministerium reagierte prompt.

Der Philologenverband Baden-Württemberg hat eine sofortige Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G9) gefordert. Knapp 90 Prozent der Eltern von Gymnasiasten wünschten sich mittlerweile ein G9, hieß es in einer Mitteilung des Verbandes vom Montag. "Dies ist ein Schlag ins Gesicht von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU), die seit Jahren behauptet, dass die Eltern mit dem derzeitigen achtjährigen Gymnasium zufrieden seien", sagte der Landesvorsitzende Ralf Scholl.

Hohe Anmeldezahlen für G9-Gymnasien

Die Anmeldezahlen an den G9-Gymnasien seien so hoch, dass häufig Schülerinnen und Schüler abgewiesen werden oder Plätze verlost werden müssten. Das sei eine unhaltbare Situation. Der Corona-Lockdown mit teilweise erheblichem Ausfall von Unterricht habe die Lage weiter verschärft. In G8 seien die so entstandenen Defizite erst recht nicht aufzuholen.

Der Verband bezog sich unter anderem auf eine aktuelle Umfrage der Arbeitsgemeinschaften der gymnasialen Elternbeiräte (ARGE) in Baden-Württemberg. Dafür waren alle Eltern mit Kind an einem Gymnasium angeschrieben worden. Von den fast 18.000 antwortenden Eltern haben demzufolge mehr als 89 Prozent "einen klaren bis sehr deutlichen Wunsch" nach G9. Unentschieden in dieser Frage seien 1,5 Prozent und 9 Prozent bevorzugten G8. Die hohe Anzahl der teilnehmenden Personen erlaube den Schluss, dass das Meinungsbild fast vollständig sei, hieß es dazu von der ARGE.

Kultusministerium favorisiert weiterhin G8

Das Kultusministerium sieht das nicht so. Ob die Befragung von 18.000 Eltern angesichts von knapp 300.000 Schülerinnen und Schülern am allgemein bildenden Gymnasium in Baden-Württemberg hinreichend aussagekräftig ist, sei dahingestellt, heißt es in einer Stellungnahme. Dass in Baden-Württemberg seit der Einführung des achtjährigen Bildungsgangs 2004 immer mehr Schülerinnen und Schüler an das allgemein bildende Gymnasium wechseln würden, sei ein Hinweis darauf, dass sie mit der Dauer des Bildungsgangs insgesamt gut zurechtkommen würden.

"Eine sofortige Umstellung auf G9, wie es der Philologenverband fordert, ist unrealistisch", so eine Ministeriumssprecherin. Eine solche Reform würde vielmehr sicherlich neue Unruhe im Schulsystem und neue Probleme an anderer Stelle schaffen. "Schulstrukturdiskussionen zum jetzigen Zeitpunkt zu führen, hilft konkret niemandem weiter." Im November hatte Kultusministerin Eisenmann eine Rückkehr zu G9 ebenfalls ausgeschlossen.

Bereits im Juni 2020 wurde über die Folgen der Corona-Krise auf das Schulsystem in Baden-Württemberg diskutiert. Damals hatte der Bildungs- und Wissenschaftsexperte Armin Himmelrath im SWR zur Diskussion um die Einführung von G9 Stellung bezogen:

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Es sei jetzt wichtiger, die Schülerinnen und Schüler dabei zu unterstützen, Versäumtes aufgrund der Corona-Krise nachzuholen. Insofern sei eine baldige Rückkehr in der Präsenzunterricht begrüßenswert. "In diesem Kontext ist es verwunderlich, dass der Philologenverband vorschlägt, den Fernunterricht fortzusetzen, da dies im Widerspruch dazu steht, Schülerinnen und Schüler bestmöglich zu fördern und zu unterstützen", so die Sprecherin des Kultusministeriums weiter.

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