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Auch im Corona-Lockdown melden die Beratungsstellen für Opfer rechter Gewalt anhaltend viele rassistische Taten. Betroffene fühlen sich offenbar von der Polizei im Stich gelassen.

Pöbeleien, Beschimpfungen, Rempeln und brutale Angriffe. Rassistische Gewalt begegne ihm häufig, sagt Husein. Wir nennen ihn so, denn er möchte anonym bleiben. Vor einiger Zeit wurden ein Freund und er angegriffen. "Es waren schon Rechte. Ich meine, der eine hat 'Heil Hitler' geschrien. Das war einfach so, dass ich vorbeigelaufen bin. Dann ist das erste Mal das N-Wort gefallen und dann ging's halt dahingehend weiter, dass die dann, als ich mich verteidigt hab, sich das Recht rausgenommen haben mich zu attackieren. Dann mussten wir schon ins Krankenhaus." Die Wunden sind verheilt - "äußerlich", sagt er.

Angriffe vermeintlicher Neonazis häufen sich

Die Beratungsstellen für Opfer rechter Gewalt in acht Bundesländern haben im vergangenen Jahr - trotz des Lockdowns in der Corona-Pandemie - ein anhaltend hohes Niveau an rechter Gewalt registriert. Insgesamt gab es dort demnach 1.322 solcher Angriffe, wie der Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt am Dienstag mitteilte. Unter den Bundesländern auch: Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg.

Zum Beispiel meldete die Beratungsstelle Leuchtlinie in Stuttgart im vergangenen Jahr 110 Beratungsprozesse. Damit ist die Zahl der dort durchgeführten Beratungen von Opfern rechter Gewalt im Vergleich zum bisherigen Höchststand von 2019 um zwölf gestiegen.

Kein Vertrauen in die Polizei

Husein ist schwarzer Deutscher, Mitte 20 und lebt in der Stuttgarter Region. "Anzeige gegen Unbekannt" erstatte er nie, denn er habe kein Vertrauen in die Polizei, sage er offen und ehrlich: "Das liegt vor allem daran, dass man halt sowieso schon weiß, dass man halt auf der Straße ja schon einfach schlecht behandelt wird."

"Es ist grundsätzlich erstmal so, dass wenn man eine Migrationsbiografie hat, man erklären muss, dass man unschuldig ist.“

Husein, ein Opfer rassistischer Gewalt

Viele Opfer machen verletzende Erfahrungen mit rassistischen Taten. So auch Rasims Familie in Stuttgart. Sie sind Muslime. Auch Rasim ist ein Pseudonym, das wir aus Sicherheitsgründen gewählt haben. Seine Schwägerin und ihre Kinder wurden auf offener Straße bedroht. Sie waren mit seinen Neffen draußen, erzählt er. "Dann kamen einige Rechtsradikale - also die haben sich auch so zu erkennen gegeben. Die haben eine Waffe auf sie gerichtet und gesagt, sie sollen sich von hier verpissen". Dann seien noch mehrere Beleidigungen geäußert worden. Rasims Schwägerin sei dann mit den Kindern nach drinnen gerannt, sagt er. "Auf jeden Fall waren die Rechtsradikalen noch in der Gegend, mein Bruder rief dann gleich die Polizei an. Das Problem war: Dann kam ein Streifenwagen und der Polizeibeamte ist nicht einmal ausgestiegen."

Mutmaßliche Täter gestellt - Waffe nicht gefunden

Rasims Familie fühlte sich nicht ernst genommen und allein gelassen. Erst nachdem sie ihren Anwalt eingeschaltet hatten, wurde die Polizei aktiv. Einige mutmaßliche Täter wurden gestellt - die Waffe wurde nicht gefunden. "Die haben mit denen ein bisschen gesprochen." Die mutmaßlichen Täter haben dann wiederum gesagt, "sie waren es nicht. Damit war die Sache für die Polizei gegessen. War erledigt", erzählt Rasim. Es ist nicht einfach, Vertrauen in die Polizei zu haben, wenn man solche Erfahrungen macht.

Doch gerade aufgrund der Morde von Hanau oder Halle - oder die des NSU - ist es wichtig die Betroffenen zu unterstützen. In der Koblenzer Beratungsstelle M-Power werden jedes Jahr etwa 100 Opfer rassistisch und rechtsextremistisch motivierter Taten psychosozial beraten und juristisch begleitet. Leiter Rolf Knieper fordert, "die Opfer ernst zu nehmen, sich des Problems, des gesellschaftlich verorteten Rassismus nochmal genauer anzunehmen."

Dazu gehören laut Knieper auch Studien, "die gewisse Strukturen unter die Lupe nehmen. Und bezogen auf unseren Arbeitsbereich, würde ich mir eindeutig wünschen, dass es sowas wie ein 'Demokratiefördergesetz' gibt. Dass unsere Strukturen auch mal mit einer finanziellen Perspektive, die über drei, vier Jahre hinausgeht, gefördert werden," so Knieper.

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