Die Mitarbeiterin eines mobilen Impfteams impft auf einem Parkplatz eine Autofahrerin in ihrem Auto gegen das Coronavirus. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Robert Michael)

Diskussion um Impfzentren in Baden-Württemberg

Steigende Corona-Zahlen in BW: Land setzt auf mehr mobile Impfteams - Ärzte fordern Tempo

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Annette Schwenck

Sollen wegen der steigenden Corona-Infektionen die Impfzentren in Baden-Württemberg wieder öffnen? Das Land setzt auf mehr mobile Impfteams, Ärzte fordern vor allem mehr Tempo.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte vorgeschlagen, dass die kürzlich geschlossenen Impfzentren wieder öffnen. So solle der schnelle Anstieg der Corona-Infektionen gebremst werden. Außerdem sprach sich Spahn bereits dafür aus, allen Bürgerinnen und Bürgern Auffrischungsimpfungen anzubieten. Das hatte in der Ärzteschaft für Kritik gesorgt. Zumal die Ständige Impfkommission (STIKO) derzeit diese Booster-Impfungen nur für Menschen über 70 Jahre und besonders gefährdete Gruppen empfiehlt. Auch Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) befürwortet eine Auffrischung der Corona-Impfungen. Sie seien für alle Menschen wichtig, so Lucha. Zusätzliche Sorgen bereiten Impfdurchbrüche und zunehmend volle Intensivstationen. All das könnte die Nachfrage nach Impfungen in den nächsten Wochen wieder erheblich in die Höhe schnellen lassen.

"Impftempo reicht im Moment nicht aus"

"Prinzipiell müssen wir das Impfen wieder intensivieren", sagte Mark Dominik Alscher, Medizinischer Geschäftsführer am Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) in Stuttgart, dem SWR. Die Impfzentren wieder zu aktivieren, hält er allerdings kurzfristig nicht für möglich. Das Impfzentrum des RBK ist seit dem 1. Oktober geschlossen - so wie es in Baden-Württemberg beschlossen worden war. Dieses Impfzentrum könne nicht kurzfristig wieder eingerichtet werden, so Alscher. Zugleich reiche aber das Impftempo im Moment nicht aus. Deshalb müsse man sich innerhalb des Gesundheitswesens zusammensetzen und besprechen, wie man mit dem Impfen zügig vorankommen könne. Er meine damit die Kliniken und die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, sagte Alscher. Es brauche die Booster-Impfungen und es brauche generell mehr Impfungen bei denen, die noch nicht geimpft seien.

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Hoher Zeitdruck

"Wir müssen jetzt deutlich schneller ins Handeln kommen", betonte Alscher. Innerhalb der nächsten zwei bis vier Wochen müsse es signifikant mehr Corona-Impfungen geben. Die vierte Welle werde anders als im vergangenen Herbst. Derzeit sei es tatsächlich eine Pandemie der Ungeimpften. Deren Zahl reiche aus, um die Pandemie am Laufen zu halten, so Alscher weiter. Außerdem seien die Booster-Impfungen bei bereits geimpften Menschen nötig, damit Impfdurchbrüche möglichst vermieden werden können.

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Hausärzteverband BW für mehr mobile Impfteams

Beim Hausärzteverband Baden-Württemberg hieß es auf SWR-Anfrage, man halte nichts von einer erneuten Öffnung der Impfzentren. "Den Ausbau der mobilen Impfteams würden wir begrüßen. So könnte man die betroffenen Patientinnen und Patienten unterstützend zu den Hausärzten gerade in den Alten- und Pflegeheimen schneller impfen", teilte der Pressesprecher des Hausärzteverbandes mit.

Derzeit sei die Auslastung in den Praxen hoch, denn die Wetterumstellung mit nasskaltem Herbst- und Winterwetter zeige sich durch verstärkt auftretenden Erkältungskrankheiten. Zugleich entstünden viele Anfragen in den Praxen durch zum Teil missverständliche Äußerungen der Politik, so der Hausärzteverband weiter. Die Ständige Impfkommission habe klare Empfehlungen zur Booster-Impfung ausgesprochen. "Es ist nicht hilfreich, wenn dann Politiker sich mit ihren Meinungen über die wissenschaftlichen, fundierten Empfehlungen stellen und andere Dinge verkünden." Damit sind möglicherweise auch die Gesundheitsminister Spahn und Lucha mit ihren Empfehlungen zur Drittimpfung für alle gemeint.

KV: "Niemand muss sich Sorgen machen" 

Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KV) äußerte sich zurückhaltend, ob eine Wiedereröffnung der Impfzentren sinnvoll wäre. Das müsse das Gesundheitsministerium entscheiden. Zugleich seien die Arztpraxen im Land derzeit stark belastet - nicht nur durch mögliche Drittimpfungen gegen Corona, sondern vor allem durch die typischen herbstlichen Erkältungskrankheiten. Sie treten in diesem Jahr laut KV besonders häufig auf. "Dennoch muss sich niemand Sorgen machen, dass er die Impfung nicht erhält, wenn er sie  möchte", heißt es in einer Stellungnahme. Laut KV werden in rund 3.500 Arztpraxen im Land Corona-Impfungen durchgeführt. 

Aus Sicht der KV sollten ungeimpfte Menschen davon überzeugt werden, sich gegen Corona impfen zu lassen: "Dafür allerdings brauchen wir nicht wieder die Impfzentren sondern andere (mobile) Angebote - das zumindest haben die letzten Wochen gezeigt", so die Kassenärztliche Vereinigung.

Allerdings muss sich laut KV am Ablauf einiges ändern, damit die Impfungen im Herbst und Winter in den Arztpraxen wirklich gut und reibungslos durchgeführt werden können. Bürokratie müsse minimiert werden, die Arztpraxen sollten wieder in der Ein-Wochen-Frist Impfstoff bestellen können und drittens sollte die Impfvergütung angehoben werden, betonte die Kassenärztliche Vereinigung. 20 Euro pro Impfung seien zu wenig, so eine Sprecherin.

BW erhöht Zahl der mobilen Impfteams auf 80

Angesichts steigender Inzidenzzahlen und der erforderlichen Booster-Impfungen will das Land Baden-Württemberg die Zahl der mobilen Impfteams erhöhen. 50 weitere sollen dazu kommen. Einer Wiedereröffnung der Impfzentren, wie von Bundesgesundheitsminister Spahn gefordert, erteilte der baden-württembergische Gesundheitsminister Lucha eine Absage. Das Land wolle jetzt schnell reagieren, so das Gesundheitsministerium am Dienstag in Stuttgart. Deshalb sei der Wiederaufbau von Impfzentren momentan nicht das richtige Mittel.

Stattdessen will das Land nach eigenen Angaben die Zahl der mobilen Impfteams von 30 auf 80 erhöhen. Gemeinsam mit Krankenhäusern und Kommunen solle das ab sofort in die Wege geleitet werden. Ziel seien mehr Impfbusse und mehr kommunale Angebote - wie zum Beispiel Impftermine in Gemeindehallen. Laut Gesundheitsministerium sollen damit die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte entlastet werden. Allerdings betonte eine Ministeriumssprecherin: "Die Hausärzte haben bei der Booster-Impfung eine Schlüsselstellung."

Unterstützung für Haltung der Landesregierung

"Wir müssen die Impfungen zu den Menschen bringen und nicht die Menschen zu den Impfungen", so Gemeindetagspräsident Steffen Jäger. Er begrüßte die
beschlossene höhere Zahl mobiler Impfteams in Baden-Württemberg. Auch von der FDP kam Zustimmung. Dagegen forderte die SPD, kleinere Impfzentren neu
aufzubauen.

Landkreise setzen ebenfalls auf mobile Impfteams

Der frühere Leiter des Impfzentrums Ulm, Bernd Kühlmuß, erklärte im SWR, der Wiederaufbau der geschlossenen Impfzentren sei schwierig. Allerdings sei es angesichts steigender Inzidenzen und der zu erwartenden Drittimpfungen naheliegend, darüber nachzudenken. Mit Blick auf mobile Impfteams sagte Kühlmuß, diese würden sehr gut angenommen - teilweise sogar überrannt.

Viele Regionen in Baden-Württemberg setzen auf mobile Impfteams und wollen derzeit ihre Impfzentren nicht reaktivieren. So soll das Kreisimpfzentrum in Karlsruhe (KIZ) nicht wieder öffnen. Stattdessen würden mobile Impfteams eingesetzt, heißt es etwa beim Landratsamt in Karlsruhe. Das gelte auch für den Rhein-Neckar-Kreis, so das dortige Landratsamt in Heidelberg.

In Tauberbischoffsheim (Main-Tauber-Kreis) sollen an den kommenden drei Donnerstagen mobile Teams Corona-Impfungen ohne Voranmeldung anbieten, sagte Bürgermeisterin Anette Schmidt (CDU) dem SWR. Die Hausärzte und Hausärztinnen seien auf die Kommunen zugekommen, weil sie der Nachfrage an Impfungen nicht mehr gerecht werden könnten. "Und so haben wir uns jetzt kurzerhand entschlossen, dem mobilen Impfteam Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen und zentral auf dem Marktplatz im Gästesaal drei Impftermine anbieten zu können", so Bürgermeisterin Schmidt.

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