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Jakob Fandrey (Foto: Privat)

In einigen Regionen in Baden-Württemberg werden Infektionsfälle mit dem Coronavirus bei Schülern, Lehrern oder Kontaktpersonen bekannt. Die Folge: Schüler werden vom Präsenzunterricht ausgeschlossen.

Auch in der dritten Schulwoche nach den Ferien melden die Behörden weitere Infektionsfälle mit dem Coronavirus an Baden-Württembergs Schulen. Aktuell ist die Jungbusch-Grundschule bis voraussichtlich 6. Oktober wegen eines Corona-Falls im Lehrer-Kollegium geschlossen. Auch im Kreis Heidenheim und benachbarten Orten gibt es weitere Corona-Fälle an Schulen. Größere Quarantänemaßnahmen nach einem Covid-19-Fall wurden auch in Bad Buchau (Kreis Biberach) und im Kreis Reutlingen vorgenommen. Dort waren nach 14 bestätigten Infektionen im Rahmen einer privaten Feier und den folgenden Kontakten in Schulen oder Sportvereinen hunderte Schüler betroffen. Weitere Infektionen rund um eine Grundschule in Blaubeuren (Alb-Donau-Kreis), einem Gymnasium in Schorndorf (Rems-Murr-Kreis) oder einem Gymnasium in Lörrach hatten ebenfalls Folgen für viele Schüler und Lehrkräfte.

Auf einer interaktiven Karte der Twitter-Initiative "#BildungaberSicher" finden sich in vielen Regionen Baden-Württembergs betroffene Schulen und Bildungseinrichtungen. Wie die Verantwortlichen jedoch betonen, erfülle die Auflistung keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

297 von rund 67.500 Klassen vom Präsenzunterricht befreit

Stand 30. September seien in Baden-Württemberg 297 Klassen an 195 Schulen vorübergehend aus dem Präsenzbetrieb herausgenommen worden, so eine Sprecherin des Kultusministeriums am Mittwoch auf SWR-Nachfrage. Insgesamt gibt es rund 4.500 Schulen und rund 67.500 Klassen in Baden-Württemberg. Zwei Schulen sind derzeit geschlossen, eine in Mannheim, eine in Ulm. Seit Beginn des neuen Schuljahres sind die Zahlen der vom Coronavirus betroffenen Schulen zum ersten Mal wieder gesunken. Dass Klassen wegen Corona-Verdachts vorübergehend aus dem Präsenzbetrieb herausgenommen werden müssen, werde die Schulen weiter begleiten, hatte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) bereits zu Anfang prognostiziert.

Zu Beginn des neuen Schuljahres zog die CDU-Politikerin ein vorläufiges Résumé: "Wir haben Gott sei Dank eine sehr begrenzte Anzahl und es funktioniert auch im Zusammenspiel zwischen Schulen, Kommunen und Gesundheitsamt sehr gut". Für diese Schüler sei Fernlernunterricht angedacht. "Auch da habe ich die Rückmeldung, dass es Stand heute sehr gut läuft."

Kultusministerin sieht Verbesserung beim Fernlernunterricht

Man habe diesen vor dem Schuljahr laut Eisenmann auf eine neue Basis gestellt. Unter anderem müssten Lehrer umfassend dokumentieren und erreichbar sein. Auch die Notengebung über den Fernlernunterricht sei möglich gemacht worden. "Das Ganze ist also wesentlich strukturierter und besser aufgestellt", so die Kultusministerin weiter, die sich zuversichtlich zeigte, dass sich die Thematik besser eingespielt habe.

"Fernunterricht kann auf verschiedenen Wegen stattfinden, die individuell auf den Bedarf, die Leistungsfähigkeit und die Möglichkeiten der Schüler abzustimmen sind", heißt es dazu auf der Homepage des Kultusministeriums. Die Verantwortlichen skizzieren hier mehrere Möglichkeiten wie Videokonferenzen, das Arbeiten über Plattformen wie "Moodle" oder "analogen" Fernunterricht, beispielsweise über Aufgaben in gedruckter Form.

Der Chef des Landeselternbeirats (LEB), Michael Mittelstaedt, kritisiert die aus seiner Sicht vagen Rahmenbedingungen. Ob das Fernlernen von Klassen funktioniere, sei wieder schulabhängig, so Mittelstaedt auf SWR-Anfrage. Von einem belastbaren, verpflichtenden Mindeststandard könne keine Rede sein. "Kinder, die bisher zuhause bleiben mussten, durften oder einfach wollten, sind jetzt genauso abgehängt wie vor den Ferien", so seine Kritik. Leidtragende seien seiner Meinung nach die Eltern. "Wenn heute Klassen geschlossen werden, werden Eltern - wie gewohnt - vor vollendete Tatsachen gestellt".

CDU-Kultusministerin Susanne Eisenmann sieht dies anders. In den vergangenen Monaten habe man nach den überraschenden Schulschließungen im Frühjahr deutlich aufgeholt, klarere Regeln formuliert sowie Fortbildungen und Schulungen für Lehrkräfte durchgeführt. "Ich glaube, es ist schon deutlich besser als es noch im März war", so Eisenmanns Fazit.

Angst vor Quarantäne bei Eltern und Kindern

Mit Beginn der Quarantäne für Schulkinder gehe bei vielen Eltern die Angst um, berichtet die Initiative "Familien in der Krise" auf SWR-Nachfrage. Oft höre man von einer Verunsicherung und Frustration, wieder andere Eltern oder Kinder würden Schuldgefühle empfinden und würden die Sorge äußern, sie könnten andere infiziert haben. Der Kontakt zu Freunden und gerade wieder entstandene Alltagsstrukturen würden wegbrechen, zudem würden der Bewegungsradius und die sozialen Interaktionen der Kinder stark eingeschränkt, so eine Sprecherin der baden-württembergischen Landesgruppe.

Viele Eltern würden demnach beklagen, von Gesundheitsämtern nur unzureichend beraten zu werden, da die Quarantäne-Regelungen vor allem auf Erwachsene ausgerichtet seien. Die Frage nach Rechten und Pflichten gegenüber Arbeitgebern sowie unklare Regelungen über mögliche Lohnfortzahlungen würden Eltern vor zusätzliche Probleme stellen.

Unterschiedliche Vorgehensweisen der Schulen

Von Fall zu Fall unterscheidet sich das Vorgehen der Schulen nach einer nachgewiesenen Infektion. So mussten beispielsweise am Friedrich Schiller Gymnasium in Marbach (Kreis Ludwigsburg) nach einem bestätigten Corona-Fall in einer 10. Klasse lediglich die Schüler und Lehrer in Quarantäne begeben, die direkten Kontakt über den Unterricht mit dem infizierten Schüler gehabt hätten, wie Schulleiter Volker Müller in einem Informationsbrief mitteilte. In der Grundschule in Blaubeuren-Seißen fiel am Montag nach einem positiven Testergebnis einer Lehrkraft der Unterricht komplett aus, die St. Elisabeth-Realschule in Friedrichshafen (Bodenseekreis) bleibt gar für die komplette Woche geschlossen. Weil auch viele Lehrer in Quarantäne mussten, habe sich die Schule dazu entschieden, den Unterricht eine Woche einzustellen, so ein Sprecher des Landratsamts auf SWR-Anfrage.

In Absprache mit Gesundheitsämtern reagieren einzelne Landkreise bereits auf das zunehmende Infektionsgeschehen in den Einrichtungen. So hat beispielsweise das Landratsamt des Ostalbkreises eine eigene Handlungshilfe entwickelt, um bei einer bestätigten Corona-Infektion einheitlich vorzugehen und um Schulschließungen möglichst zu verhindern. Demnach werde in mehreren Phasen des Infektionsgeschehen beobachtet, entsprechende Schulträger informiert und je nach Häufung von Covid-19-Fällen Testungen auf Anweisung des Gesundheitsamts vorgenommen.

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