Tödliches Verbrechen im Stuttgarter Fasanenhof Psychologin: "Menschen müssen da erst mal hingucken"

Kurz nach der Attacke im Stuttgarter Fasanenhof kursierten Videos der Tat im Netz. Warum sehen sich Menschen solche Bilder an? Sie können sich einem solchen Reiz nicht entziehen, sagt die Psychologin Ursula Gasch aus Tübingen.

Im Stuttgarter Stadtteil Fasanenhof wurde ein Mann auf offener Straße erstochen - laut Polizei mit einem Schwert. Kurz nach der Tat tauchten Videos von Augenzeugen in sozialen Medien auf. Auch Fotos, auf denen der getötete Mann deutlich zu sehen war, kursierten im Internet. Erneut wird debattiert: Warum sehen sich Menschen eine solche Gewalttat bewusst an? Und warum filmen sie die Tat und stellen sie danach ins Netz?

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
19:30 Uhr
Sender
SWR Fernsehen BW

Das erste Hinschauen beispielsweise auch bei einem Unfall - ob in der Realität oder im Video - sei menschlich, sagte Ursula Gasch, Psychologin aus Tübingen. "Es ist etwas ganz normales, auch evolutionär bedingtes, dass wir Menschen uns einem derart drastischen Reiz nicht entziehen können." Das Hingucken sei auch ein Schutzreflex. "Letztlich versichern wir uns dadurch, dass wir nicht in dieser Situation sind und dass wir auch Abstand dazu haben. Das ist wie ein Referenzpunkt, den wir dadurch entwickeln", erklärt die Psychologin.

"Menschen müssen da erst mal hingucken"

Ursula Gasch, Psychologin aus Tübingen

Doch das erste Hinsehen, beispielsweise wenn man mit offenem Mund fassungslos stehen bleibt, sei zu unterscheiden vom sogenannten Gaffen. Im ersten Moment sei man der Situation hilflos ausgeliefert, erklärt Gasch. Doch ob man dann weiter geht oder stehen bleibt und womöglich Rettungskräfte blockiert, das sei eine bewusste Entscheidung, so Gasch.

"Auch Videos können traumatisieren"

In diesem Moment sei es allerdings schon geschehen, sagte Gasch. Das Ansehen solcher Taten, ob als Augenzeuge oder auch in einem Video könnte traumatisieren, warnte die Psychologin. Umso gefährlicher sei es, je jünger diejenigen sind, die sich das angucken. "Wir haben es immer wieder mit Fällen zu tun, in denen sich Kinder - quasi als Mutprobe auf dem Schulhof - gegenseitig die drastischsten Szenerien über das Handy vorführen. Das kann auch dazu führen, dass Kinder sich auf die Art gegenseitig traumatisieren", sagte Gasch.

Zwar erleide nicht jeder, der eine solche Tat sieht eine posttraumatische Belastungsstörung, so die Psychologin. Aber circa ein Drittel der Personen sind bedroht, wenn sie keine professionelle psychologische Hilfe erhalten.

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