Frauenbeine in Strumpfhosen und High-Heels (Foto: SWR, picture alliance/dpa | Andreas Arnold )

Sex für 30 Euro und dem Freier schutzlos ausgeliefert

Prostituierte in BW: Durch Corona in die Illegalität gedrängt

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Edgar Verheyen
Sabine Harder
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Matthias Roman Schneider
Bild von Matthias Roman Schneider (Foto: privat)

Allein in Stuttgart bieten täglich zwischen 300 und 500 Frauen illegal Sex gegen Geld an. Wohnungsprostitution hat sich in der Pandemie in deutschen Großstädten etabliert.

Wenn Bordellbetreiber John Heer Einblick in seinen Club Messalina im Stuttgarter Rotlichtviertel gewährt, dann will er vor allem zeigen, dass er die Phase der Corona-Pandemie kreativ genutzt hat. Sein Club, seine Laufhäuser sind, wie alle in der Stadt, seit März 2020 geschlossen. Er hat seinen Laden in der Zwischenzeit renoviert. Im März hofft er wieder öffnen zu können. Aber - ob das so kommt? Die Perspektive ist in vielerlei Hinsicht ungewiss. Er wisse derzeit ganz einfach nicht, so erzählt er, ob die Gäste wieder kämen und er sehe auch Probleme, dass nicht genug Frauen bei ihm wieder arbeiten wollten.

Prostitution hat sich in einen illegalen Bereich verlagert

Wurde mit der Pandemie also auch die Prostitution faktisch abgeschafft? SWR-Recherchen belegen jetzt, dass sie sich vor allem verlagert hat, in einen illegalen Bereich. Allein in Stuttgart bieten täglich zwischen 300 und 500 Frauen online ihre Dienste an. Sie seien buchbar per Telefon, machten Hausbesuche oder empfingen Freier in ihrer Wohnung, geben sie an.

Horrende Miete und hohe Anzeigenkosten

Eine der Frauen ist Yarina aus Rumänien, 21 Jahre alt. Bis zum 16. März 2020 arbeitete sie als Prostituierte in einem Laufhaus, jetzt bietet sie in einer Wohnung in der Stuttgarter Innenstadt ihre Dienste an. SWR-Reportern erzählte sie von ihrer Tätigkeit.

Da ihr Vermieter von ihrem Job wisse, habe er gleich mal die Miete erhöht. Sie zahle jetzt 3.000 Euro. Hinzu kämen Kosten für die Anzeigen in einschlägigen Portalen, für die sie nochmal 1.400 Euro hinlegen müsse. Mehr als die Hälfte ihres Einkommens sei damit schon mal weg.

Yarina: "Brauche Geld für die Eltern in Rumänien"

Sie sei nach der Pandemie zwar kurz wieder in Rumänien gewesen, habe sich jedoch bald entschlossen, diesen illegalen Weg über die Wohnungsprostitution zu wählen. Sie brauche ganz einfach das Geld, denn sie unterstütze damit ihre Familie. Ohne ihr Einkommen kämen die Eltern in Rumänien nicht über die Runden. Den Freiern sei sie natürlich mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert.

"Manchmal kommen die Leute aggressiv in die Wohnung, Sie beleidigen mich und ich kann nichts machen. Ich habe Angst, ich bin alleine."

Ein Freier habe Yarina in dessen Wohnung vergewaltigt und misshandelt, so erzählt ihr Anwalt. Sie habe die Polizei gerufen. Derzeit untersucht die Staatsanwaltschaft Ulm den Fall.

Gewalt gegenüber Prostituierten nimmt zu

Offensichtlich hat Gewalt gegenüber Frauen im Milieu seit der Pandemie bundesweit zugenommen. Entsprechende Meldungen der Polizei häufen sich, es soll auch bereits zu Todesfällen gekommen sein. Auch Yarinas Anwalt, der Strafrechtler Stefan Holoch aus Stuttgart, beschreibt Gewaltdelikte gegenüber Prostituierten als beinahe alltäglich: "Seitdem im Zuge der Corona-Vorschriften die ganzen Puffs und Laufhäuser geschlossen wurden, hat sich die Prostitution zwangsläufig verlagert, und zwar in Risikobereiche, in denen Frauen eher schutzlos sind. Freier fühlen sich überlegen, werden übergriffig, erzwingen sexuelle Dienstleistungen, die vorher nicht abgesprochen waren und so kommt es immer wieder zu kritischen Situationen."

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Viele Prostituierte sind auch obdachlos

Die Lage der Frauen im Milieu ist aber nicht nur in Stuttgart schwierig. Denn illegale Prostitution hat sich in beinahe allen deutschen Großstädten inzwischen etabliert. Sie findet auch in Bereichen statt, die weder im Internet noch in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Die Mannheimer Sozialarbeiterin Prof. Julia Wege von der Prostituierten-Beratungsstelle Amalie e.V. berichtet, dass viele Frauen infolge der Pandemie obdachlos geworden seien und dennoch weiterhin dem Gewerbe nachgingen.

Schwangere Prostituierte lebt und arbeitet im Auto

Im Interview erzählt sie: "Ich habe Frauen erlebt, die haben mir berichtet, dass sie im Auto schlafen. Eine war schwanger. Sie sagte, sie schlafe im Auto, sie wisse einfach nicht, wo sie schlafen soll und im Auto könne sie auch arbeiten. Das sind Zustände, die wir uns eigentlich so gar nicht vorstellen können."

Eine der so betroffenen Frauen ist Maria, eine Bulgarin Anfang 30. Tagsüber hält sie sich in einem Mannheimer Szenecafe auf, wartet darauf, von Freiern angesprochen zu werden. Ihre sexuellen Dienstleistungen erbringt sie in Hinterzimmern, im Auto, bei den Freiern zu Hause, so erzählt sie. Vor allem die Hygiene stellt sich für sie als Herausforderung dar. Ich habe deshalb immer eine Wasserflasche dabei und mache mich damit auf irgendeiner Toilette sauber, so die Bulgarin. Sie kenne auch Kolleginnen, die schliefen in der Bar. Auch an den Eigentümer des Cafés müsse sie etwas zahlen. Wieviel, will sie nicht sagen.

Eine schwierige Perspektive für Sexarbeit

Prostitution hat sich infolge der Corona-Pandemie verlagert. Die Bordelle oder ähnliche Etablissements sind seit fast zwei Jahren geschlossen. Viele Osteuropäerinnen sind zwar nach Hause zurückgekehrt, aber andere haben sich auch entschlossen, illegal weiter zu arbeiten. Damit gehen die Frauen ein hohes Sicherheitsrisiko ein. Ob die illegale Prostitution wieder zurückgeht, wenn die Laufhäuser bald wieder aufmachen sollten, bleibt ungewiss.

Sendehinweis

betrifft: Prostitution im Dunkeln - das verborgene Geschäft mit dem Sex

Mittwoch (9.2.2022) 20:15 Uhr im SWR-Fernsehen und nach Ausstrahlung in der Mediathek.

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