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Tübingen ist deutschlandweit in aller Munde: Seit rund zwei Wochen können Menschen Freiheiten genießen, wenn sie negativ auf das Coronavirus getestet wurden. Doch wie geht es weiter? Und wie wirkt sich das Projekt auf die Pandemie-Lage aus?

Das Testen auf Corona-Infektionen muss aus Sicht der Tübinger Pandemiebeauftragten Lisa Federle mittelfristig an die Bürgerinnen und Bürger übertragen werden. Das bundesweit beachtete Modellprojekt in der Universitätsstadt sei sehr aufwendig und teuer. Jeder Test an einer der neun Teststationen in Tübingen koste den Steuerzahler 15 Euro, so Federle am Samstag bei einer Online-Diskussionsveranstaltung der Bundesregierung, bei der Bürgerinnen und Bürger unter anderem Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) Fragen stellen konnten.

Das war am Samstag in der Tübinger Innenstadt los:

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Daher müsse man die Verantwortung für die Selbsttests "schon in die Hände der Bevölkerung geben". Tübingen testet seit knapp zwei Wochen, ob mehr Öffnungsschritte mit möglichst flächendeckendem Testen umsetzbar sind, ohne dass die Zahl der Corona-Fälle deutlich zunimmt. Allein am Samstag waren tausende Menschen nach Tübingen gekommen, um das Angebot wahrzunehmen.

Menschen können in der Stadt kostenlose Tests machen, das Ergebnis wird bescheinigt. Mit dem Zertifikat können die als gesund getesteten Personen zum Beispiel in Modeläden einkaufen, zum Friseur oder auch in Theater und Museen gehen. Auch in Tübingen stiegen die Corona-Zahlen zwar wieder, räumte Federle in der Video-Konferenz ein. Trotz der zahlreichen Tests sei der Anstieg aber nicht stärker als im Landesvergleich.

Kritik an Projekt in Tübingen von Lauterbach

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat seine Kritik am Modellprojekt in Tübingen unterdessen erneuert. Nachdem er bereits in der Wochenmitte das Projekt anzweifelte und damit eine Diskussion auslöste, an der sich unter anderem auch Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) beteiligte, legte er jetzt nach. Natürlich sei in Tübingen die Zahl der Infektionen, gemessen am hohen Maß der Öffnungen, "relativ niedrig", so Lauterbach via Twitter. Das Problem sei aber, dass sie dennoch ansteigen würden. Das Tübinger Modell ersetze keinen vorübergehenden Lockdown, so "wird es aber verkauft", twitterte Lauterbach.

Rund um das Modellprojekt wird zudem deutlich: Die wissenschaftliche Begleitung des Versuchs lässt bislang zu wünschen übrig. Dies laufe erst seit dieser Woche in vollem Umfang, hatte der Tropenmediziner Carsten Köhler, der den Modellversuch in Tübingen wissenschaftlich begleitet, im SWR gesagt. Gleichzeitig hatte er betont, auf weiter gute Ergebnisse zu hoffen, "damit es ein Modell wird, das nicht nur ein Modell bleibt, sondern das langfristig in Tübingen eine Perspektive schafft".

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Wissenschaftliche Begleitung verläuft "eher holprig"

Für SWR-Reporterin Sandra Müller ist die wissenschaftliche Begleitung des Projekts bislang "eher holprig" verlaufen. Nur einzelne in Tübingen getestete Personen würden herausgezogen, um einen Fragebogen zu beantworten. Dort werden unter anderem Informationen rund um die Beschäftigung abgefragt - oder ob sie mit Kindern zusammen leben. Das Problem dabei sei, dass man nur drei Studierende gefunden hatte, die die Fragebögen erheben. Ob die geringe Zahl an Fragebögen wissenschaftlich belastbare Auswertungen zulassen würden, sei offen. Eine Nachverfolgung eventuell positiver Fälle im Nachhinein gebe es zudem nicht.

Weitere Hintergründe rund um die eher schleppend laufende wissenschaftliche Begleitung der Modellstadt Tübingen können Sie hier nachverfolgen:

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Forderungen nach einem härteren Lockdown lehnt Oberbürgermeister Palmer ab. Mehr zu testen könnte Infektionsketten brechen und besser wirken als ein Deutscher Lockdown, so Palmer auf die Kritik an dem Modellprojekt über seine Facebook-Seite. Auch den Vorwurf, der Test sei zu teuer, wies er zurück.

SWR-Datenanalyse zeigt: Schnelltests nehmen nur langsam Fahrt auf

Eine Datenanalyse des SWR hatte für ganz Baden-Württemberg darüber hinaus ergeben, dass nur 6,9 Prozent der registrierten Infektionsfälle mit dem Coronavirus auf einen positiven Schnelltest zurückgehen. Weiterhin gilt, dass der Anstieg der Inzidenzen nicht durch das vermehrte Testen getrieben ist. Dafür sind die Zahlen im Verhältnis zu den Gesamtinfizierten noch zu gering. Rund 25 bis 35 Prozent der Fälle bleiben demnach ungeklärt.

In Baden-Württemberg haben sich die positiven Schnelltest-Ergebnisse zwar deutlich stärker entwickelt als die positiven PCR-Testergebnisse insgesamt. Die Gesamtzahl ist aber weiterhin nicht ausschlaggebend für den Anstieg der Inzidenzen. Damit wird die Dunkelziffer der versteckten Infizierten durch Schnelltests derzeit nur geringfügig besser ausgeleuchtet als ohne Schnelltests.

Die bisherigen Zahlen zeigen auch, dass der weitere Ausbau der Testmöglichkeiten durchaus einen Effekt auf die Infektionszahlen haben kann. Entscheidend dürfte sein, dass auch gezielt in Situationen und Umgebungen getestet wird.

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