Shneur Trebnik (l), Thomas Strobl (CDU) (M), Innenminister von Baden-Württemberg, und Moshe Flomenmann stehen nach der Amtseinführung der beiden Polizeirabbiner zusammen.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Tom Weller)

Prävention gegen Antisemitismus

Feierliche Amtseinführung für zwei Polizeirabbiner in Baden-Württemberg

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Seit Anfang des Jahres sind in Baden-Württemberg zwei Polizeirabbiner im Einsatz. Am Montag wurden sie feierlich ins Amt eingeführt. Sie sollen ihr Wissen zum Judentum vermitteln.

Polizistinnen und Polizisten wüssten nicht mehr und nicht weniger über das heutige Judentum als die durchschnittliche Gesellschaft, so Shneur Trebnik in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. Er ist einer der beiden Polizeirabbiner in Baden-Württemberg und seit seiner Berufung vor einem halben Jahr dafür da, den Beamtinnen und Beamten dieses Wissen zu vermitteln.

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Polizeiausbildung wird von Rabbinern mitgestaltet

Trebnik aus Ulm ist dabei für den württembergischen Landesteil zuständig, sein Kollege Moshe Flomenmann aus Lörrach für Baden. Beide arbeiten zudem als Vertrauenspersonen innerhalb der Polizei und unterstützen die 19 christlichen Polizeiseelsorger im Land bei der psychosozialen Notfallversorgung. Auch in der Ausbildung sollen sich die Polizeirabbiner einbringen.

Er freue sich, den Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten in Ausbildung die jüdische Geschichte und den Alltag jüdischer Menschen durch den persönlichen Kontakt näherzubringen, sagte Landesrabbiner Flomenmann. Das große Interesse seitens der Polizei habe ihn positiv überrascht. Auch Rabbiner Trebnik bewertete das Unterrichtsprojekt als vollen Erfolg. Daneben "wirken wir Polizeirabbiner im Bedarfsfall auch bei der psychosozialen Betreuung von Beschäftigen der Polizei und deren Angehörigen mit", erklärte er.

Trebnik: Jüdisches Leben weit mehr als Antisemitismus und Holocaust

Im jüdischen Leben gehe es um weit mehr als um Antisemitismus und den Holocaust, sagte Trebnik der Deutschen Presse-Agentur. Das hätten auch viele Polizisten und Polizistinnen schon in Gesprächen gelernt, so der 45-Jährige.

Um Barrieren abzubauen, müsse man auch nicht so viel wissen, man müsse vor allem bereit sein zur Begegnung, zum Gespräch und zum Verständnis, so Trebnik. "Wenn man weiß, dass man nicht alles weiß, dann ist das schon sehr viel."

USA und Israel - Vorreiter für Polizeirabbiner

Polizeirabbiner gab es bisher nur in den USA und in Israel. Das Land Baden-Württemberg hat dieses Amt auf Anregung des Beauftragten der Landesregierung gegen Antisemitismus, Michael Blume, neu eingeführt. Trebnik ist von der Notwendigkeit der beiden neuen Posten überzeugt. "Ich habe viele Gespräche geführt, auch Fachgespräche", sagt Trebnik. "Es ist wichtig, ein Vertrauen aufzubauen und Gelegenheiten zu bieten für einen Austausch über den jüdischen Glauben, die Kultur und das Leben der Juden."

Das baden-württembergische Innenministerium hat die Vereinbarung zu den Polizeirabbinern mit den Israelitischen Religionsgemeinschaften in Baden und Württemberg für zunächst zwei Jahre unterzeichnet. Am Montagnachmittag wurden Trebnik und Flomenmann von Innenminister Thomas Strobl (CDU) feierlich in ihre Ämter eingeführt.

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Rabbiner sollen jüdisches Leben erklären

Bei der Amtseinführung im Konferenzsaal des Innenministeriums sagte Strobl, er sei gefragt worden, wie viele jüdische Polizistinnen und Polizisten es in Baden-Württemberg gebe. "Ich vermute mal, es ist allenfalls eine zweistellige, nicht einmal eine dreistellige Zahl unter den 35.000 Beschäftigten bei der baden-württembergischen Landespolizei", sagte er.

"Etwas, das man nicht kennt, lehnt man eher ab als etwas, das einem geläufig ist."

Die beiden Polizeirabbiner seien "ein Beitrag zur Weiterentwicklung der inneren Kultur unserer Polizei", so Strobl weiter. Sie sollten zwar auch Ansprechpartner für Polizisten jüdischen Glaubens sein. Ihre Hauptaufgabe sei aber eine andere: "Sie sollen insbesondere jungen Polizistinnen und Polizisten - und nicht nur den jungen - jüdisches Leben, wie es heute stattfindet in Deutschland, näherbringen", so der Innenminister.

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Am Samstag keinen Ausweis bei sich haben

Wie leben Jüdinnen und Juden, welche Feste feiern sie, welche Bräuche und religiöse Regeln gibt es zu beachten? Zum Beispiel, dass Juden am Samstag - Sabbat - in der Regel keine Ausweise mit sich tragen. Dass man beim Betreten der Synagoge Schuhe anbehalten darf, Männer den Kopf mit einer Kippa bedeckt halten sollten. Wissen, das die beiden Rabbiner in die Ausbildung von Polizeischülerinnen und -schülern einbringen.

Jude mit Kippa (Foto: Colourbox)
Ein Jude zeigt mit dem Tragen seiner KIppa seine Ehrfurcht und Demut gegenüber Gott: "Bedecke Dein Haupt, so dass der Segen Gottes auf Dir ruht", heißt es im Talmud

Online-Blicke in die Synagoge

Bislang begegnen sich Rabbiner und Polizeischüler in Online-Kursen, wegen der Corona-Maßnahmen. Mit der Kamera haben die Rabbiner auch schon Touren durch die Synagoge angeboten und etwa die Tora, die Schriftrolle, das Herzstück jeder Synagoge, gezeigt. Aber sobald es wieder geht, sollen diese Einblicke auch direkt in der Synagoge ermöglicht werden. Denn, so Moshe Flomenmann, wer als Polizistin oder Polizist schützend vor der Synagoge steht, sollte auch wissen, was drinnen geschützt wird.

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