Manfred Lucha, Minister für Soziales und Integration in Baden-Württemberg, spricht bei der Regierungspressekonferenz. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Christoph Schmidt)

Fehlende generelle Stiko-Empfehlung

BW-Minister weist Kritik an Corona-Impfung für Kinder zurück

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Das Impfangebot für 12- bis 17-Jährige spaltet die Meinungen. Die Politik sei vorgeprescht, so die Kritik. BW-Gesundheitsminister Lucha verteidigte die Entscheidung.

Mit einem Impfangebot für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren wollen die Gesundheitsminister von Bund und Ländern den Kampf gegen die weitere Ausbreitung des Coronavirus verstärken. Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) bekräftigte erneut, dass er darin keinen Widerspruch zur Haltung der Ständigen Impfkommission (Stiko) sieht. Die Stiko hat eine generelle Impfung von Kindern zwischen 12 und 17 Jahren bisher nicht empfohlen.

Lucha: "Impfstoffe werden gut vertragen"

Die Kommission habe Spielraum gelassen, den das Land offensiv nutzen wolle, so Lucha. "Wir wissen, dass die Impfstoffe sehr gut vertragen werden. Wir haben Impfstoffe, die von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) zugelassen sind. Das ist eine hohe wissenschaftliche Zugangsvoraussetzung." Man lege den Stiko-Beschluss nur offensiver aus und stärke jetzt die Angebotsmöglichkeiten. "Wir sehen jetzt schon in Nordamerika, dass vielleicht sechs Prozent der infizierten Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren Long Covid haben. Das sind alles Punkte, die uns dazu bewogen haben, diese Entscheidung zu treffen."

Rückenwind kommt aus den Oppositionsfraktionen im Landtag. SPD, FDP und AfD begrüßten die Ausweitung des Impfangebots. AfD-Fraktionschef Bernd Gögel hält eine vierte Welle nur so für abwendbar. Die Schulen müssten offen bleiben.

Familien-Impfwochenenden in Impfzentren geplant

Laut Lucha können Kinder und Jugendliche in Baden-Württemberg mit ihren Sorgeberechtigten in die Impfzentren gehen, wo auch sofort die Eltern mitgeimpft werden können. Das sei extrem wichtig, weil so auch das Umfeld geschützt sei, etwa Familienangehörige unter zwölf Jahren, für die es derzeit überhaupt keine Empfehlung gebe. In den Impfzentren soll es in den Ferien an mindestens zwei Wochenenden Impfaktionen für Familien geben. "Impfungen sind der größte Segen für uns als Menschheit, um großflächig Erkrankung zu verhindern und zu vermeiden. Bei Covid-19 ist es jetzt eine große Chance, nach eineinhalb Jahren Pandemie einen sozialen Alltag auch für die ab Zwölfjährigen zu gewährleisten", so Lucha.

Kinderarztverband: Stiko-Empfehlung macht keinen Unterschied

Der Vorsitzende des Verbands der Kinder- und Jugendärzte Baden-Württemberg, Dr. Roland Fressle, sieht ebenfalls keinen Widerspruch zwischen der Entscheidung der Gesundheitsminister und der Haltung der Stiko. "Ich sehe keinen wahnsinnigen Konflikt, weil wir die Aufklärung ja trotzdem machen müssen, egal ob eine Stiko-Empfehlung vorliegt, oder nicht", sagte Fressle. Eine Stiko-Empfehlung würde die Impfung bei Kindern und Jugendlichen zwar erleichtern. Allerdings sei nach wie vor zu wenig über Komplikationen bekannt. Zugleich gebe es in dieser Altersgruppe kaum schwere Krankheitsverläufe. "Das müssen die Eltern und Jugendlichen abwägen. Diese Entscheidung kann ihnen nicht die Politik abnehmen und auch nicht die Stiko", so Fressle.

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Kassenärztliche Vereinigung: Politik ist vorgeprescht

Für die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg hingegen ist die Politik vorgeprescht. Die Gesundheitsminister hätten die Empfehlung der Ständigen Impfkommission abwarten sollen. Es fördere nicht die Sicherheit in der Bevölkerung, wenn das politische Urteil anders ausfällt als das der Wissenschaft, sagte ein Sprecher dem SWR. Auch der Hausärzteverband kritisiert die Gesundheitsminister und spricht sogar von "Wahlkampfgetöse". Wichtiger wäre jetzt, höhere Impfquoten bei Menschen ab 18 zu erreichen anstatt die Stiko außen vor zu lassen.

Datenlage laut Stiko nicht ausreichend

Die EMA hat sowohl den Covid-19-Impfstoff von Biontech als auch den von Moderna für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren zugelassen. In Deutschland empfiehlt die Stiko Impfungen von Kindern bisher aber nicht allgemein, sondern nur bei höherem Risiko für schwerere Corona-Verläufe etwa wegen Erkrankungen wie Diabetes. Eine Impfung ist aber nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch und Risikoakzeptanz möglich. Die Stiko begründet ihre Position unter anderem mit der Datenlage, die aus ihrer Sicht bislang nicht ausreichte, um mögliche Folgeschäden auszuschließen.

"Diskussion verunsichert Bevölkerung"

Kinder- und Jugendarzt und Stiko-Mitglied Martin Terhardt betonte die Eigenständigkeit der Ständigen Impfkommission. Diese werde unabhängig vom jüngsten Votum der Gesundheitsminister von Bund und Ländern zur Kinder- und Jugendimpfung ihre Empfehlung überprüfen und aktualisieren, "weil die Datenlage sich ja regelmäßig jeden Tag ändert", sagte Terhardt dem RBB-Radio. Es habe schon vor Wochen Ankündigungen zu einem Impfangebot für über Zwölfjährige gegeben. Die Stiko lasse sich davon aber nicht beeinflussen. Problematisch sei allerdings, dass das zu Verunsicherung in der Bevölkerung führe.

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