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Die Corona-Pandemie hat dem Homeoffice auch in Baden-Württemberg einen Schub verliehen. Und auch in Zukunft könnte das Arbeitsmodell für viele eine echte Alternative darstellen.

Die in der Bundesnotbremse verankerte Homeoffice-Pflicht lief am Mittwoch gemeinsam mit der Notbremse aus. Die Gültigkeit war im Infektionsschutzgesetz bis zum 30. Juni befristet. Unternehmen müssen dennoch weiterhin Corona-Maßnahmen aufrechterhalten, zwei Tests pro Woche anbieten und Hygienepläne erstellen. Das ist in der neuen Corona-Arbeitsschutzverordnung geregelt, die mit dem 1. Juli in Kraft tritt und bis zum 10. September gelten soll.

Die Zahl der Beschäftigten, die in Baden-Württemberg ihre Büroarbeit von zu Hause aus erledigen, hat sich nach einer Erhebung der Krankenkasse DAK-Gesundheit während der Corona-Pandemie verfünffacht. Laut DAK waren zuletzt 43 Prozent der Beschäftigten im Homeoffice - und dort auch nach eigener Auffassung nicht nur zufriedener, sondern auch produktiver.

Studie: Homeoffice in der Pandemie mehr Segen als Fluch

Ein großer Teil von ihnen will laut Studie auch nach dem Auslaufen der Pflicht zum Homeoffice, die wegen der Corona-Pandemie eingeführt worden war, zumindest einen Teil seiner Arbeit weiter in den eigenen vier Wänden erledigen. 46 Prozent der Beschäftigten im Homeoffice könnten sich vorstellen, künftig die Hälfte der Zeit von zu Hause aus zu arbeiten. Hinzu kämen zehn Prozent, die fast gar nicht mehr ins Büro zurück wollten, heißt es in der Studie.

Einige Unternehmen in Baden-Württemberg wollen sich diesem Trend nicht widersetzen und haben angekündigt, weiter Homeoffice ermöglichen zu wollen. Mit dem Ende der Bundesnotbremse würden sich nur kleine Veränderungen ergeben, heißt es auf SWR-Anfrage etwa beim Pharmakonzern Boehringer Ingelheim in Biberach. Mitarbeitende, die von zu Hause aus arbeiten, sich aber mal wieder am Standort austauschen und beispielsweise neue Kolleginnen und Kollegen treffen möchten, könnten dies unter Einhaltung der Abstands- und Hygienevorschriften sowie in Abstimmung mit ihrem Vorgesetzten machen, so eine Sprecherin.

Auch weiterhin würden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ihre Arbeit gut von zu Hause erledigen könnten, von dort aus arbeiten. Nur Angestellte in Arbeitsbereichen mit standortgebundenen Funktionen würden weiterhin an die Standorte kommen.

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Unternehmen planen Zeit nach Homeoffice-Pflicht

Auch Porsche mit Sitz in Stuttgart behält das mobile Arbeiten bei. Die im März 2020 getroffene Corona-Sondervereinbarung, die das Arbeiten von zu Hause für bis zu fünf Tage pro Woche ermöglicht, wird bis auf Weiteres beibehalten, so ein Sprecher gegenüber dem SWR. Von den rund 22.000 Mitarbeitenden der Porsche AG hätte etwa die Hälfte der Belegschaft die Möglichkeit, mobil zu arbeiten und würden dies aktuell auch tun. "Im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit gehen wir davon aus, dass die Regelung zum mobilen Arbeiten künftig stärker genutzt wird", so der Sprecher weiter.

Das Walldorfer (Rhein-Neckar-Kreis) Softwareunternehmen SAP will es seinen Beschäftigten auch nach der Corona-Krise dauerhaft ermöglichen, aus dem Homeoffice zu arbeiten. "Wir wollen unseren Mitarbeitern die Wahl lassen", hatte SAP-Vorständin Julia White Anfang Juni der Nachrichtenagentur Reuters gesagt. Zuvor hatte der Konzern seinen weltweit rund 100.000 Beschäftigten per E-Mail mitgeteilt, dass flexibles und vertrauensbasiertes Arbeiten die Norm und nicht die Ausnahme sein solle.

Daimler und Bosch zufrieden mit mobilem Arbeiten

Beim Stuttgarter Autobauer Daimler zeigt man sich zufrieden mit den Ergebnissen, die das mobile Arbeiten mit sich bringt. Seit dem Frühjahr 2020 würden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wo immer es möglich sei, mobil arbeiten, zum Beispiel von zu Hause aus, so ein Sprecher. Man setze auch in Zukunft auf virtuelle und digitale Zusammenarbeitsmodelle, die von Bereich zu Bereich variieren. Über die konkrete Ausgestaltung wolle man aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht spekulieren.

Rund 130.000 der rund 400.000 Beschäftigten weltweit hätten im Peak der Pandemie mobil gearbeitet, teilte Bosch in Stuttgart auf SWR-Anfrage mit. Seit einigen Jahren gehöre mobiles Arbeiten zum gelebten Alltag. "Unsere langjährigen Erfahrungen kommen uns in der aktuellen Situation zugute - sowohl kulturell als auch bei der technischen Umsetzung", sagte Geschäftsführerin und Arbeitsdirektorin Filiz Albrecht. Man arbeite derzeit an einer "Smart Work"-Initiative für die Zeit nach der Coronavirus-Pandemie. Das Ziel sei, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, selbst zu entscheiden, wie sie ihren Arbeitsalltag gestalten, je nach Aufgabenbereich. "Im Fokus steht das Ergebnis, nicht die Präsenz", so Albrecht weiter.

EnBW will Wechsel zwischen Homeoffice und Präsenz ermöglichen

Beim Energieversorger EnBW soll eine Rückkehr an den Schreibtisch auf freiwilliger Basis möglich sein, sagte ein Sprecher. Seit März 2020 seien rund 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice. Künftig könne auch ein Wechsel zwischen Präsenz und Homeoffice möglich sein. Ein Sprecher der IHK Nordschwarzwald begrüßt den Wegfall der Homeoffice-Pflicht für die Unternehmen. Die Betriebe seien auch ohne die Pflicht sehr verantwortungsvoll mit den Schutzmaßnahmen vor Ort umgegangen. Auch die Drogeriemarktkette Dm möchte dort, wo es möglich ist, seinen Mitarbeitenden weiterhin Homeoffice ermöglichen, sagte ein Sprecher.

Das sieht der Autozulieferer ZF Friedrichshafen ähnlich. Trotz derzeit niedriger Inzidenzen sei die Pandemie noch nicht vorbei, hieß es auf SWR-Anfrage. Beim Motorenbauer Rolls-Royce-Power-Systems in Friedrichshafen sollen die Beschäftigten mit einem Schichtsystem ins Büro zurückkehren. Mitarbeitende sollen sich abwechseln und tageweise im Büro arbeiten, während andere in der Zeit zuhause bleiben. Auch bei Liebherr in Biberach will man schrittweise zur Präsenzarbeit zurückkehren, aber in einigen Bereichen weiterhin mobile Arbeit ermöglichen.

Effizienz leidet im Homeoffice nicht

Die Erfahrungen bei Bosch würden zeigen, dass die Effizienz in der virtuellen Zusammenarbeit zunehme, so eine Sprecherin. Allerdings könnten nicht alle Aufgaben von zu Hause aus erledigt werden, zudem fördere die Präsenz Kreativität und Teamgeist. Aus diesem Grund solle im Rahmen von "Smart Work" die richtige Mischung pro Team und Aufgabe gefunden werden.

Auch in der Verwaltung geht die Debatte um die Fortsetzung von Homeoffice über den Juni hinaus weiter. "Erst einmal wird sich nichts dramatisch ändern", bilanzierte die Personalverantwortliche der Stadt Mannheim, Liane Schmitt. Wer sich sehr nach seinem Büro zurücksehne, dürfe wieder in Präsenz arbeiten - zur Pflicht werde es aber nicht. Gleichzeitig habe man bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern festgestellt, dass viele die Vorzüge des Homeoffice in den vergangenen Monaten zu schätzen gelernt hätten, so Schmitt weiter.

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Wie die Coronavirus-Pandemie das Arbeitsleben nachträglich beeinflusst? "Die Zukunft heißt Homeoffice", so Roland Stürz, Mitautor einer Studie des Bayerischen Forschungsinstituts für Digitale Transformation (bidt) der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, die die Entwicklung von Homeoffice im Laufe der Pandemie untersucht hat. Vor allem Großunternehmen wollen die Arbeit im Homeoffice auch nach der Pandemie ermöglichen, so Stürz im SWR.

Nicht nur Vorteile rund um das Arbeiten von zu Hause aus

Homeoffice-Angebote könnten zunehmend zu einem Wettbewerbsfaktor werden. Allerdings bestehe die Gefahr von sozialem Unfrieden, weil höher Qualifizierte weit häufiger Homeoffice nutzen können als gering Qualifizierte. Unternehmen müssten hier für einen gerechten Ausgleich sorgen, so Stürz.

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Die Corona-Krise als Chance für familienfreundlicheres Arbeiten zu nutzen - dafür sprach sich am Dienstag Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) aus. Der Verzicht auf berufliche Abendtermine etwa diene der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. "Wir müssen jetzt nicht immer so geschaftelhuberisch auftreten und immer so tun, als seien wir unter Vollstress, damit jeder denkt, er liegt nicht auf dem Sofa rum", sagte Kretschmann.

Auch BW-Minister können auf Homeoffice zurückgreifen

Auf den baden-württembergischen Finanzminister Danyal Bayaz (Grüne) angesprochen, der vor wenigen Tagen Vater geworden ist, äußerte Kretschmann, dass dieser natürlich sein Amt wahrnehmen müsse. Aber er könne zum Beispiel vornehmlich im Homeoffice arbeiten in dieser Zeit. "Er kann natürlich nicht in Elternzeit gehen wie irgend sonst jemand", sagte er.

Wie beliebt Homeoffice in Baden-Württemberg ist, zeigen weitere Analysen der DAK-Studie. Demnach gaben 86 Prozent der Männer und Frauen im Homeoffice an, dafür geeignete Aufgaben ließen sich genauso gut erledigen wie am Arbeitsplatz in der Firma. Beschäftigte schätzten vor allem den Zeitgewinn, weil der Weg zur Arbeit wegfalle (77 Prozent). Die Aufgaben ließen sich auch gezielter über den Tag verteilen (72 Prozent) und sehr viele könnten Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren (88 Prozent).

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Doch es gibt auch gravierende Nachteile des Wandels. 77 Prozent der befragten Menschen im Homeoffice gaben an, ihnen fehle die Trennung zwischen Privatem und Beruf, drei von vier Beschäftigten (76 Prozent) vermissen den Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen. Fast jeder Zweite (46 Prozent) kann sich im Homeoffice nicht genug auf die Arbeit konzentrieren, 60 Prozent der Befragten fehlt ein geeigneter Arbeitsplatz zu Hause.

Entsprechend kontrovers diskutieren Gewerkschaften die Zukunft des Homeoffice. Mit Auslaufen der Pflicht fordern führende Gewerkschaftsvertreter verbindliche Regelungen. Verdi-Chef Frank Werneke sprach sich in der "Rheinischen Post" für Vereinbarungen in Tarifverträgen aus. Reiner Hoffmann, der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), plädierte im ZDF-Morgenmagazin für "gesetzliche Leitplanken", gerade auch für Arbeitgeber, die nicht in Verbänden organisiert sind.

Gewerkschaft für gesetzliche Regelungen

"Wir haben viel zu viele Arbeitgeber, die mussten gezwungen werden, ihre Beschäftigten ins Homeoffice zu schicken - aus Pandemie-Gründen. Und die werden es auch zukünftig nicht tun, da wo es möglich ist", so Hoffmann. Daher brauche es gesetzliche Regelungen, damit auch Menschen, bei denen ein entsprechender Schutz durch Tarifverträge nicht greife, Chancen auf gute Arbeitsbedingungen im Homeoffice hätten.

Die Industrie- und Handelskammer Heilbronn-Franken begrüßte dagegen das Ende der gesetzlichen Homeoffice-Pflicht. Homeoffice selbst finde sie aber gut, so IHK-Hauptgeschäftsführerin Elke Döring. "Wenn man es richtig umsetzt, gut regeln, wenn sich Führungskräfte auch damit beschäftigten, wie sie weiterhin führen, wenn die Mitarbeiter in mobiler Arbeit sind, dann kann das eine Win-Win-Situation sein", so Döring. Die Arbeitgeber sollten mit den Betriebsräten Regeln finden. "Das reicht völlig aus, bloß kein Gesetz", so Döring im SWR.

Arbeitgeberverbände froh über Ende der Pflicht

Dieser "bürokratische Aktionismus" rund um die coronabedingte Homeoffice-Pflicht sei ein überflüssiges Einmischen der Politik gewesen, so der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Steffen Kampeter. Die Unternehmen hätten in den vergangenen Monaten eigenverantwortlich, freiwillig und sehr zuverlässig in allen Branchen Homeoffice ermöglicht. "Wir Arbeitgeber haben beim Homeoffice geliefert und das werden wir auch weiterhin tun, da wo es interne wie externe Betriebsprozesse zulassen. Dafür brauchen wir keine Verordnung."

Auf Ebene der Bundespolitik bleibt das Thema ebenfalls erhalten: SPD, Grüne und Linke setzen auf einen Rechtsanspruch auf Homeoffice, mit Union und FDP ist der jedoch nicht zu machen. Die AfD würde am liebsten alles so lassen, wie es vor Corona war. "Wir brauchen einen Rechtsrahmen für mobiles Arbeiten", hatte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) gesagt.

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