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Die Zahl der Pflegefälle in Baden-Württemberg steigt weiter an. In den kommenden Jahrzehnten kennt der Trend ebenfalls nur eine Richtung - nach oben. Angehörige, die Pflegende zu Hause betreuen, berichten von Ausnahmesituationen für sich und das Umfeld.

Derzeit sind in Baden-Württemberg laut den aktuellsten Zahlen des statistischen Landesamts etwa 400.000 Pflegebedürftige erfasst. Im Vergleich zur ersten Erhebung der Statistiker im Jahr 1999 bedeutet dies einen Zuwachs von 89,1 Prozent.

Rund drei Viertel der Pflegebedürftigen im Land werden zu Hause versorgt, davon wiederum ein Großteil ausschließlich durch Angehörige. Nirgendwo in Deutschland ist der Anteil so hoch wie in Baden-Württemberg. Experten machen dafür insbesondere fehlende Plätze in Pflegeeinrichtungen oder zu hohe Kosten aus - nicht jeder könne sich professionelle Pflege leisten.

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Von den Pflegenden selbst sind im Land etwa zwei Drittel erwerbstätig, sie würden ihre Erwerbstätigkeit "um die Pflege herum" arrangieren und damit einen Großteil der häuslichen Pflege schultern, wie es im 2018 unter anderem vom Sozialministerium veröffentlichten Gesellschaftsreport BW heißt.

Burnout-Gefahr bei Pflegenden steigt

Ein Zustand, der viele an den Rand der Belastbarkeit bringt - finanziell wie gesundheitlich. "Pflegende Angehörige sind einer hohen Belastung ausgesetzt", kritisiert Ursel Wolfgramm, Vorstandsvorsitzende des paritätischen Wohlfahrtsverbands Baden-Württemberg. "Das bezieht sich sowohl auf die Doppelbelastung von Pflege und Beruf aber auch die psychische sowie körperliche Belastung durch die pflegerische Tätigkeit. Hinzu kommen oft finanzielle Sorgen wegen Teilzeitarbeit und geringem Pflegegeld in der ambulanten Versorgungssituation." Die Folgen seien Vereinsamung, Existenzängste, Krankheitsgefährdung oder ein höheres Armutsrisiko durch geringere Rentenansprüche.

"Wenn in Baden-Württemberg fast 22.000 pflegende Angehörige das Handtuch werfen, weil sie am Limit sind, dann kollabiert das System."

Winfried Plötze, Landesgeschäftsführer der Barmer Baden-Württemberg

In der Praxis müssen Angehörige beruflich häufig kürzer treten, um die häusliche Pflege zu gewährleisten. In Baden-Württemberg trifft das vor allem Frauen: Laut Gesellschaftsreport BW wurde in 62 Prozent der Fälle die Angehörigenpflege durch Frauen geleistet. Die Erhebungen zeigen zudem: Je geringer der Bildungsgrad der Pflegenden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, entweder ganz oder zumindest in Teilzeit aus dem Beruf auszusteigen.

Die Armut droht

Im Pflegereport der Barmer gab fast jeder zweite Befragte, der zu Hause einen Angehörigen pflegt, an, über ein Haushaltseinkommen von unter 1.000 Euro zu verfügen. "Da die Armutsschwelle für einen Singlehaushalt bei 942 Euro liegt, ist die finanzielle Lage vieler Pflegenden prekär", so Winfried Plötze, Landesgeschäftsführer der Barmer Baden-Württemberg.

Da sich mehr als die Hälfte der Angehörigen mehr als zwölf Stunden täglich zu Hause um die jeweils pflegebedürftige Personen kümmern müsse, bestehe zudem oft keine Möglichkeit des Ausgleichs - Zeit für Sport, Entspannung oder eine Reise würden fehlen. Dies bedinge nicht nur eine geringere Lebenszufriedenheit, fast jeder dritte pflegende Angehörige leide unter einer Depression, generell neigen Betroffene deutlich häufiger dazu, selbst krank zu werden.

Angehörige können nicht mehr

Die Familie sei der größte Pflegedienst in Baden-Württemberg, daher dürfe man nicht nur an die Fachkräfte denken, so Plötze: "Wenn in Baden-Württemberg fast 22.000 pflegende Angehörige das Handtuch werfen, weil sie am Limit sind, dann kollabiert das System. Deshalb ist es wichtig, dass pflegende Angehörige auch sich selbst pflegen und frühzeitig Hilfe bekommen". Und die Dunkelziffer könnte noch deutlich höher liegen, so Pflege-Experten. Dabei gibt es eine vergleichsweise hohe Bereitschaft zur Pflege in Baden-Württemberg: Laut einer Umfrage im Auftrag der Techniker-Krankenkasse sind 85 Prozent der Bürger grundsätzlich bereit, sich um nahe Angehörige zu kümmern - im Bundesschnitt sind es lediglich 79 Prozent.

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Geht es nach dem paritätischen Wohlfahrtsverband, sollen pflegende Angehörige umfassend unterstützt werden. Zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf brauche es in Anlehnung an das Elterngeld einen Rechtsanspruch auf "Familienpflegegeld", verbunden mit der Freistellung vom Arbeitsplatz: "Zur Entlastung pflegender Angehöriger müssen in Baden-Württemberg verlässliche und flexible Angebote in der Kurzzeitpflege und Verhinderungspflegeplätze stärker ausgebaut werden", so Wolfgramm. Auch der Sozialverband VdK fordert Entlastungen - das Land müsse Pflegeeinrichtungen stärker unterstützen, heißt es auf SWR-Anfrage. Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) ist da ganz anderer Meinung. Es mangele nicht an Pflegeplätzen, sondern an Personal: "Unser Augenmerk geht wesentlich mehr auf Personalrekrutierung - in Beine, statt Steine", so Lucha.

Zukunftsthema Pflege

Das Problem des steigenden Bedarfs und des abnehmenden Angebots des Pflegepersonals könnte Baden-Württemberg in den kommenden Jahrzehnten stark treffen. Bereits schon heute ist jeder 28. Baden-Württemberger pflegebedürftig - und es dürften mehr werden. Der von den Demografen erwartete deutliche Anstieg der Zahl älterer und vor allem hochbetagter Menschen könnte dafür sorgen, dass die Zahl an pflegebedürftigen Menschen weiter stark steigen könnte, heißt es in einer Vorausberechnung des statistischen Landesamts. Daher müsse für die Zukunft insbesondere auch von einem hohen Mehrbedarf an qualifiziertem Personal im Pflegebereich ausgegangen werden.

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