Wegen Personalmangel am Stuttgarter Flughafen müssen Reisende sich auf längere Wartezeiten im Sommer einstellen. (Foto: SWR)

Folgen der Corona-Krise

Angst vor den Sommerferien: Personalnot am Flughafen, im Gastgewerbe und der Event-Branche in BW

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Der Personalmangel durch die Corona-Pandemie macht sich auch in BW bemerkbar. Doch wo sind die Menschen jetzt, die am Flughafen, im Freizeitpark oder Restaurant gearbeitet haben?

Gestrichene Flüge, Probleme beim Gepäcktransport oder Check-in: Der Personalmangel macht sich auch an Flughäfen bemerkbar. In Hinblick auf die nahenden Sommerferien machen sich bereits viele Fluggäste Gedanken, ob die An- und Abreise auch reibungslos ablaufen wird.

Am Flughafen Stuttgart kein Chaos

Deutschlandweit gibt es aktuell immer wieder Meldungen, dass Passagiere am Check-in oder bei der Sicherheitskontrolle so viel Zeit verlieren, dass sogar Flüge verpasst werden. Am Flughafen Stuttgart ist von diesem Chaos nichts zu bemerken. Für die Sommerferien wird ein Ansturm wie vor der Corona-Pandemie erwartet. Seither sind die Beschäftigtenzahlen aber um rund 15 Prozent gesunken. Der Flughafen Stuttgart spricht jedoch von einem normalen Regelbetrieb. Wenn Passagiere zwei Stunden vor Abflug anreisen, reiche das aus.

ver.di: Mehr Personal am Flughafen Stuttgart wünschenswert

"Die Leute sind sehr erfahren und machen das seit einigen Jahren, arbeiten hier mit Hochdruck, um das am Laufen zu halten", sagte Roberto Di Benedetto vom ver.di Landesbezirk Baden-Württemberg. Hinter den Kulissen gehe es aber mit viel Druck und Belastung zu. Die Leute seien tatsächlich am Limit. "Es wäre durchaus wünschenswert, da noch mehr Personal anzuschaffen."

Walter Schoefer, der Geschäftsführer vom Stuttgarter Flughafen, klingt optimistisch. "Wir haben Gott sei Dank schon so viele Kolleginnen und Kollegen mit an Bord, dass wir sagen können, von der Seite her sind wir für den Sommer gut gerüstet", so Schoefer. Es werde weiterhin eingestellt.

Veranstaltungsbranche leidet ebenfalls unter Personalmangel

Doch nicht nur Flughäfen haben mit Personalmangel zu kämpfen. Auch ein Blick auf Freizeitparks zeigt, dass die Corona-Pandemie ihre Spuren hinterlassen hat. Im Europapark in Rust (Ortenaukreis) fehlt ebenfalls Personal - von der Ticketabfertigung über den Luftballonstand bis hin zum Eisverkauf. Medien berichteten von Einschränkungen bei den Besucherzahlen.

Die gesamte Branche, vor allem die Erlebnisparks, hat die Pandemie gebeutelt: Sie mussten als erste schließen und durften als letzte wieder öffnen. In der Zwischenzeit suchten sich viele Angestellte neue Jobs. Wegen des Personalmangels mutmaßte man eine Zeit lang, dass beispielsweise beim Europa-Park in Rust eine niedrigere Besucherobergrenze eingeführt werden müsse, dies ist nun nicht allerdings nicht der Fall.

Der Europa-Park hat Wege gefunden, mit der Personalknappheit zurechtzukommen:

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DEHOGA BW: Gastgewerbe erhält neuen Aufschwung

Daniel Ohl, Geschäftsführer Kommunikation des Hotel- und Gaststättenverbands DEHOGA Baden-Württemberg sagte dem SWR, es sei nicht abzustreiten, dass Personal aus dem Bereich Hotellerie oder Gastronomie während der Corona-Pandemie in andere Branchen abgewandert sei. Das habe natürlich große Lücken hinterlassen. "Aber die Beschäftigtenzahlen im Gastgewerbe steigen wieder", so Ohl. Natürlich sei das Vor-Pandemie-Niveau noch nicht erreicht. "Wir sehen den Verlust von Mitarbeitenden als schwersten Punkt in der Krise der Pandemie. Es ist schwierig, sie zurückzugewinnen. Aber es gelingt dennoch."

"Fachkräfte aus Hotellerie und Gastronomie waren immer schon in anderen Branchen begehrt. Abwerbung ist nichts Neues", erklärte Ohl. Während der Pandemie waren Menschen aus dem Bereich allerdings besonders stark von Kurzarbeit und finanzieller Unsicherheit betroffen. Von 20 Monaten waren Betriebe neun Monate lang geschlossen. "Die Betroffenen sind überall dorthin, wo Servicekompetenz notwendig war", schätzt der DEHOGA-Sprecher die Situation ein. Personal aus dieser Branche könne gut mit Menschen umgehen. Daher werde es dort untergebracht, wo Gäste- oder Kundenempfang gefragt sei.

Agentur für Arbeit: Ein Teil kehrt auch in alte Jobs zurück

Dass Menschen während der Corona-Pandemie in andere Branchen gewechselt sind, kann auch Rüdiger Wapler vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Agentur für Arbeit bestätigen. Laut der Behörde wurden während der Pandemie nicht viele Menschen entlassen. Dennoch herrscht in Bereichen wie in der Gastronomie, am Flughafen oder in der Veranstaltungsbranche Personalmangel. Das liege daran, dass viele sich in unsicheren Jobsituationen nach Alternativen umgesehen hätten. Manche haben aber auch gar nicht gearbeitet.

Zahlen des Statistischen Landesamts zeigen, dass während der Corona-Pandemie viele Menschen - vor allem in den Dienstleistungsbereichen - in Baden-Württemberg nicht erwerbstätig waren. Mittlerweile hat sich demnach der Arbeitsmarkt wieder etwas erholt.

50 Prozent der Gastro-Angestellten sind in andere Branchen gewechselt

"Ungefähr die Hälfte der Menschen, die abgewandert sind, sind wieder in die Gastronomie zurückgekehrt", erklärte Wapler. Die anderen 50 Prozent sind stark verstreut in anderen Bereichen untergekommen. Das waren unter anderem Zeitarbeiterstellen, im Handel, bei Lieferdiensten oder auch in Corona-Testzentren. "Die neuen Jobs bieten vielleicht bessere Arbeitsbedingungen oder einen besseren Stundenlohn, sodass es die Betroffenen nicht mehr in die Gastronomie zurückzieht", so Wapler.

Rüdiger Wapler, Arbeitsmarktforscher der Bundesagentur für Arbeit Baden-Württemberg, im Gespräch mit SWR-Moderator Georg Bruder:

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Was die Arbeitsstellen am Flughafen oder im Veranstaltungsbereich angeht, hat es nur ein knappes Drittel wieder in den alten Job zurückgezogen. Menschen aus diesen Branchen hat es laut Berufsforschungs-Institut teilweise in andere Verkehrsbereiche - Bus und Bahn - aber auch in den Handel oder in die Gesamtwirtschaft verschlagen. Somit stehen diese den Flughäfen oder den Event-Veranstaltern nicht mehr zur Verfügung.

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