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Hilfen für Menschen mit Handicap zu bekommen wird immer komplizierter, sagen Verbände. Sie beklagen zunehmende Bürokratie, was durch die Corona-Pandemie noch verstärkt wird.

Wissenschaftler und Verbände beklagen überbordende Bürokratie bei der Förderung und Versorgung von Menschen mit Behinderung. Für betroffene Familien sei es enorm schwierig und viel zu kompliziert, an Hilfen zu kommen, sagte Thorsten Langer, der am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Uni-Klinik Freiburg eine Studie zu chronisch kranken Kindern in der Pandemie mitbetreut.

Verband: "Familien bräuchten Erleichterung"

"Die Familien bräuchten dringend Erleichterung und Navigationshilfe," sagte Langer. Viele Menschen könnten sich da nicht durchkämpfen, wodurch ihre Kinder am Ende schlechter versorgt würden. Bundesweit sei über die Jahre der Dschungel der Bürokratie für von Behinderung Betroffene immer undurchdringlicher geworden - "das ist verheerend und ein Skandal", sagte auch Jutta Pagel-Steidl, Geschäftsführerin des Landesverbandes für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung Baden-Württemberg.

Coronazeit erschwert die Betreuung von Behinderten (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Inga Kjer)
Schon vor der Corona-Pandemie hatten es Familien von Kindern mit Behinderung nicht so leicht picture alliance / dpa | Inga Kjer

"Es behindert schnelle Hilfen und es diskriminiert die Betroffenen zusätzlich," so Pagel-Steidl. In Zeiten von Corona gelte das umso mehr. Zwar sei der Anspruch auf Leistungen im Gesetz verankert. "Man muss ihn aber auch umsetzen können", sagte Pagel-Steidl. Stattdessen würden die Betroffenen von einem Kostenträger zum nächsten geschickt, müssten die immergleichen Anträge jedes Jahr aufs Neue stellen und gerieten dabei oftmals unter die Räder. "Es zermürbt die Menschen, viele geben auf", sagte sie. "Wer nicht kämpfen kann, hat verloren."

Familien von Menschen mit Behinderung isolieren sich

Geschlossene Werkstätten und fehlende Therapien bringt so manche Familie an den Rand der Verzweiflung und völligen Erschöpfung. Petra Nicklas, die auch Vorsitzendes des Ludwigsburger Vereins "Gemeinsam für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung" ist, berichtet von vielen Eltern, die sich wegen der ausgefallenen Therapien noch mehr um ihre Kinder sorgen und in Isolation versinken. "Dass Autoaggressionen zugenommen haben oder Kinder wieder hospitalisieren - das habe ich überall gehört", erzählt sie.

Die Sorgen dieser Familien, die sich um ihre Kinder mit Behinderung kümmern oder sie an den Wochenenden betreuen, auch wenn sie erwachsen sind, haben auch während Corona nur wenige auf dem Schirm. "Wir haben am Anfang der Pandemie versucht, darauf aufmerksam zu machen", sagte Lotte Habermann-Horstmeier, Neurophysiologin und Leiterin des Villingen-Institute of Public Health. "Das Echo war eher bescheiden."

Wissenschaft: "Menschen mit Behinderung sind vulnerabler"

Ähnlich wie alte Menschen seien auch Menschen mit Behinderung viel vulnerabler in Bezug auf das Virus und viel angewiesener auf Betreuung als ein sogenannter Gesunder. "Manche gehen aus Sorge vor Ansteckung nicht nach draußen, geschweige denn zur Therapie. Bei anderen werden die Therapien abgesagt und die oft einzige Kontaktmöglichkeit nach draußen entfällt." Die Folge sind Einsamkeit und Isolation der Familien und der behinderten Menschen insgesamt. "Sie sind unsichtbar", sagte Habermann-Horstmeier.

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