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Die Paketbranche boomt - im Corona-Jahr nicht nur am Aktionstag "Black Friday". Zwei Paketfahrer aus Baden-Württemberg erzählen, wie ihre Arbeit mit den Rekord-Zustellmengen aussieht.

Gianni Brighina macht seinen Job gerne. Seit mehr als drei Jahren fährt der 29-Jährige in Villingen-Schwenningen (Schwarzwald-Baar-Kreis) nun schon Pakete aus - für einen Subunternehmer von DPD. Dass er jedes Jahr rund um "Black Friday" und die Weihnachtszeit viel zu tun hat, weiß er. Und auch, dass diese Wochen nicht seine liebsten im Jahr sind. "Aber das gehört eben dazu. Und geht ja auch jedes Jahr wieder vorbei", sagt er zwischen seinen Paketen im Transporter.

Doch in diesem Jahr ist alles anders. Denn 2020 braucht es keine Aktionstage oder Vorweihnachtszeit, um Brighina ins Schwitzen zu bringen. 2020 reicht es, dass viele Menschen zu Hause sind. "Seit dem ersten Teil-Lockdown sind die Paketzahlen deutlich angestiegen. Normalerweise habe ich auf meiner Tour so 80 bis 85 Stops, jetzt sind es oft zwischen 120 und 140", erzählt er.

Weniger Schäden durch Pausen

Was er den Leuten in Corona-Zeiten vor allem an die Haustür bringe? Immer öfter Lebensmittel, Klamotten, häufig aber auch Möbel. "Ich weiß nicht warum, aber in diesem Jahr bestellen alle Möbel", erzählt er. "Das kann mal ein kleiner Schrank sein, aber auch sowas wie Betten habe ich immer wieder mit dabei. Da hat man dann wirklich lange Pakete, die auch mal zwei Meter sind. Das ist dann schon sperrig."

Dass Brighina dabei noch lacht, liegt auch an seinem Chef. Denn er werde gut bezahlt, könne sich seine Touren weitestgehend selbst einteilen. Er werde sogar gezwungen, sich an die gesetzlich vorgeschriebenen Pausenzeiten zu halten. In seiner Branche sei das alles andere als selbstverständlich, sagt er. Sein Chef, Kemal Keskinsoy, hat fast alle Transporter der Paketfahrer mit Fahrtenschreibern ausgerüstet, wie sie eigentlich nur für Lkws Pflicht sind.

Sowohl für ihn als auch für Kontrolleure sei dadurch nachvollziehbar, wie viele Stunden die Fahrer tatsächlich unterwegs seien, wann sie Überstunden abbauen müssten, ob sie ihre Pausen einhielten. Für Keskinsoy ist das erst einmal Eigennutz. Denn seit der Einführung der Fahrtenschreiber sei die Zahl der durch die Fahrer verursachten Schäden deutlich zurückgegangen, der Verwaltungsaufwand zur Kontrolle der Arbeitszeiten auch.

Engmaschigere Kontrollen

Doch es sei auch Überzeugung: "Wir wollen, dass unsere Fahrer ihre maximalen Arbeitszeiten einhalten. 40 Stunden die Woche muss genug sein, auch für Paketfahrer." Im Interview mit dem SWR fordert Keskinsoy solche Fahrtenschreiber für alle gewerblich eingesetzten Fahrzeuge. Denn wenn andere Subunternehmer ihre Fahrer entgegen der gesetzlichen Vorgaben regelmäßig 12, 13 Stunden am Tag ausliefern ließen, führe das zu Wettbewerbsverzerrung.

"Seit dem ersten Teil-Lockdown sind die Paketzahlen deutlich angestiegen. Normalerweise habe ich auf meiner Tour so 80 bis 85 Stops, jetzt sind es oft zwischen 120 und 140."

Ein Phänomen, das auch der Verdi-Landeschef Martin Gross kennt. Zwar zeige ein im vergangenen Jahr verabschiedetes Paketboten-Schutz-Gesetz seiner Ansicht nach erste Wirkung. Doch noch immer werde gerade bei Arbeitszeiten "geschummelt", es brauche zur Umsetzung des Gesetzes und der darin beschlossenen Nachunternehmerhaftung engmaschigere Kontrollen. "Ich glaube, dass sich dann mehr Paketdienstleister entscheiden würden, mehr mit eigenen festangestellten Fahrern zu arbeiten. Das wäre der richtige Weg", sagt er im Interview mit dem SWR.

Arbeiten am Limit - für 1.800 Euro brutto

Ein Paketfahrer, der mit seinem Arbeitgeber deutlich weniger glücklich ist als Brighina, ist Igor. Er fährt in einem anderen Landkreis Pakete aus - für einen anderen Subunternehmer. Wie auch Brighina beliefert er die Kunden zwar in DPD-Jacke, auch sein Fahrzeug trägt das Logo des Unternehmens. Doch wie viele Paketboten sind beide bei Subunternehmern angestellt, die die Paketzustellung in eigener Verantwortung organisieren.

Igor heißt in Wirklichkeit anders und sagt, Zeit für Pausen habe er selten. Mit einem Festlohn von 1.800 Euro Brutto verdient er deutlich weniger als sein Kollege in Villingen-Schwenningen. Auch bei ihm würden Zeiten kontrolliert - allerdings vor allem die seiner eng getakteten Zustellungen, erzählt er im Interview mit dem SWR auf rumänisch. Dass durch Corona die Zahl der Pakete angestiegen sei, merke er in seinem Arbeitsalltag noch nicht. Was seiner Aussage zufolge vor allem daran liegt, dass er in den fünf Jahren, die er für seinen Subunternehmer nun Pakete ausliefert, schon immer am Limit arbeitet - und oft auch darüber hinaus.

Führerschein in Gefahr

Eine Situation, die Erich Mocanu nur allzu gut kennt. Seit Jahren setzt er sich für bessere Arbeitsbedingungen seiner rumänischen Landsleute in Deutschland ein. "Das Problem ist, dass viele ausländische Fahrer - und davon gibt es viele in der Branche - Probleme mit der Sprache haben. Sie verstehen die Gesetze nicht. Das Einzige, was sie wissen: Ich habe einen Führerschein und mit dem kann ich Geld verdienen", sagt er.

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Diesen für ihn so wichtigen Führerschein sieht Igor nun in Gefahr. Denn eigenen Angaben zufolge hat er mittlerweile sieben Punkte in Flensburg. Einmal, weil er immer wieder zu schnell fahre, um seine Zustellzeiten einzuhalten. Zwei Punkte habe es für ihn aber auch gegeben, weil sein Fahrzeug bei zwei Verkehrskontrollen zu schwer beladen gewesen sei. Die Bußgeld-Bescheide liegen dem SWR vor.

Falsch deklarierte Pakete mit Aufschrift "0 kg"

Einmal wog der Wagen demnach mehr als 700 Kilogramm zu viel, einmal lag das Gewicht seines Transporters sogar mehr als 800 Kilogramm über den für Sprinter gesetzlich erlaubten 3,5 Tonnen. Im Beisein des SWR hat Igor den für die Tour gepackten Wagen vergangene Woche auf einer Fahrzeug-Waage in der Nähe seines Zustellgebiets freiwillig wiegen lassen: Hier wog der Transporter 3.840 Kilogramm, also wieder 340 Kilogramm zu viel.

Für Verdi-Landeschef Gross ein Unding: "Das gefährdet ja nicht nur den Fahrer auf dem Paketwagen. Die Grenze mit dreieinhalb Tonnen gibt es doch, weil die Bremslast viel größer wird." Im Interview mit dem SWR fordert er mehr Kontrollen, zum Beispiel durch die Gewerbeaufsicht. Woran liegt es, dass Igors Wagen - und Mocanus Erfahrung zufolge auch andere Paketfahrzeuge - immer wieder zu schwer beladen sind? Igor vermutet falsch gekennzeichnete Pakete. Auf seiner Tour zeigt er dem SWR zwei offensichtlich falsch deklarierte Pakete mit der Aufschrift "0 kg".

"Landschaft der Werkverträge" überdenken

Auf Nachfrage teilt DPD dem SWR schriftlich mit: "Das Paketgewicht wird von unseren Kunden an DPD übermittelt. Ergänzend finden eigene Messungen statt. Es gehört zu den Aufgaben unserer Systempartner, das zulässige Gesamtgewicht der Fahrzeuge zu beachten." Die Frage, warum manche Pakete mit null Kilogramm gekennzeichnet seien, lässt DPD jedoch unbeantwortet.

Subunternehmer Kemal Keskinsoy, der selbst nichts mit dem überladenen Transporter zu tun hat, sagt, ein eigenes Nachwiegen der Pakete könne er als Subunternehmer schon allein wegen des Zeitdrucks überhaupt nicht leisten, seine Fahrer erst recht nicht. Im Interview mit dem SWR fordert er den Gesetzgeber auf, hier verbindliche Regelungen sowohl für die Kunden, die das Gewicht ihrer Pakete selbst angeben, als auch für die Paketdienstleister zu treffen.

Die Arbeitsbedingungen für Paketboten wie Brighina oder Igor sind in Deutschland sehr verschieden, was vor allem daran liegt, dass viele Paketdienstleister die Zustellung über Subunternehmer organisieren lassen. Ein System, das Verdi-Landeschef Gross im Gespräch mit dem SWR kritisiert. Ähnlich wie in der Fleischindustrie müsse man dringend darüber nachdenken, wie fair die "Landschaft der Werkverträge" sei. Als Gewerkschafter erwarte er, "dass Paketunternehmer mehr mit eigenem Personal arbeiten, das dann auch unter Tarifverträge fällt."

Eine Forderung, die vielen Paketboten, denen die aktuelle Weihnachts-Corona-Zeit gerade alles abverlangt, gefallen dürfte.

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