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Die Einschränkungen wegen des Coronavirus sind für viele Paare eine Belastungsprobe. Die Paartherapeutin Claudia Kaul aus Stuttgart gewährt einen Einblick und hat Lösungsvorschläge.

SWR: Was hat sich seit der Corona-Krise verändert?

Claudia Kaul: Zum einen ist es so, dass die Paare sich momentan natürlich scheuen, überhaupt zu mir zu kommen. Ich biete dann an: "Komm, entweder wir telefonieren oder skypen". So bleiben sie einfach dran an ihren Themen. Das andere ist natürlich die "Halb-Quarantäne". Die Paare sitzen sehr eng aufeinander. Wir wohnen hier in Stuttgart. Die meisten haben jetzt nicht die größten Häuser zur Verfügung mit Garten und Balkon und Terrasse, sodass man sich aus dem Weg gehen kann. Sie wohnen auf engstem Raum zusammen. Dann muss man auch unterscheiden, sind es Paare mit oder ohne Kinder. Mit Kindern sieht die Sache nochmal anders aus.

Mit welchen Problemen haben Paare in Zeiten von Homeoffice und weitgehender Kontaktsperre besonders zu kämpfen?

Nehmen wir zum Beispiel ein Paar mit Kindern. Da ist es so, dass der Partner, der vorher nicht zuhause war, sich jetzt extrem viel in die Erziehung einmischt. Was vorher nicht so gegeben war, weil man den halben Tag nicht da ist. Da hat man nicht viel mitbekommen, vielleicht mal ein "Guten Morgen" und ein bisschen spielen abends und dann "Gute Nacht". Aber so bekommen die Partner natürlich mit, wie läuft die Erziehung, was macht mein Partner richtig, was halte ich für total falsch, da kann es schon zu einer kleinen Krise kommen. Bei Paaren, die keine Kinder haben, geht es oft um den Haushalt. Der Partner stellt ständig irgendwelche Sachen hin und fragt ständig: "Wo ist hier was?" Oft kommt auch die Frage: "Sag mal, was haben wir hier all die Jahre gemacht? Was hat uns eigentlich zusammengehalten?" Und Tagesabläufe planen ist auch ein großes Thema, habe ich gemerkt. Man weiß nicht wirklich etwas miteinander anzufangen.

Ein Zeitvertreib zu Zweit wäre ja zum Beispiel Sex. Sorgt da die räumliche Nähe auch für mehr körperliche Nähe?

Der eine Teil der Partnerschaft freut sich, weil man viel mehr Zeit füreinander hat. Man könnte ja mehr miteinander machen, im sexuellen Sinne. Und der andere Teil sagt dann: "Nein, das ist mir zuviel." Da ist mein Tipp, dass ich sage, beschäftigt euch doch mit neuen Themen. Also gemeinsam ein neues Thema in der Sexualität angehen. Da ist zum Beispiel Tantra ein gutes Thema, weil es da nicht um direkten sexuellen Kontakt geht, sondern eher um das sich wieder näher kommen auf andere Art und Weise. Das erlebe ich schon bei den Paaren, dass sie da voll mit dabei sind und Spaß haben, die eigene Sexualität und die des Partners noch einmal aus einer anderen Sichtweise kennenzulernen. Viele Paare hatten vorher gar nicht die Zeit und teilweise auch gar nicht den Kopf dafür. Das ist ja auch normal in diesem ganzen Alltagsstress. Denen drücke ich dann ein Buch in die Hand und ein paar Links, ja, da tut sich ganz viel, weil es einfach auch eine sehr liebevolle Art und Weise ist, sich näher zu kommen. Die Kinderwunsch-Thematik spielt natürlich auch eine Rolle: Jetzt hat man viel mehr Zeit, entspannt an dieses Thema heranzugehen. Oftmals ist der Stress und die Psyche ein großer Faktor, warum es nicht klappt.

Die zunehmende Nähe kann im schlimmsten Fall in häuslicher Gewalt enden. Nehmen Sie das als wachsendes Problem wahr?

Also bei mir in der Praxis ist es so, dass ich von körperlicher Gewalt nichts mitbekomme. Das liegt natürlich auch an den Paaren, wie offen sie darüber sprechen. Stärker ist eher die psychische Gewalt: Anschreien, Dinge verbieten, schlechte Laune verbreiten, dazu gehören natürlich auch die schlechten Nachrichten. Der eine Teil versucht sich irgendwie so positiv wie möglich einzustimmen, der andere Teil kommt dann ständig mit den neuesten News und Verschwörungstheorien und zieht den anderen Partner wieder runter. Das geht an die Psyche.

Wenn Kinder im Spiel sind, liegen die Nerven schneller blank. Ob es dann einen Klaps mehr auf den Po gibt, sagen die Eltern meist nicht. Ich versuche sie daran zu erinnern, dass das nicht geht. Ich weise darauf hin, wenn Kindergeschrei im Treppenhaus zu hören ist, oder jemand um Hilfe ruft, einfach mal zu klopfen oder klingeln und zu fragen ob alles in Ordnung ist. Oder, ob die Nachbarn etwas brauchen. Dann kann es sein, dass die Nachbarn bei einem selbst klingeln, wenn etwas passiert. Das finde ich wichtig, dass wir alle auf unsere Nachbarn achten.

Was können Paare tun, damit das Aufeinanderhocken nicht zur handfesten Krise wird?

Das erste ist, dass man dieses "Wir müssen zuhause bleiben. Wir sind in Quarantäne und dürfen nichts mehr"-Denken abschaltet. Ich weiß, viele können es nicht mehr hören, das als Chance zu sehen. Aber ich würde jetzt einfach mal ein anderes Wort benutzen, und das so als "Retreat" nutzen. Also von sich aus zu sagen: "Wir ziehen uns einfach mal ein bisschen zurück, von all dem Chaos, was vorher Normalität genannt worden ist. Und wir nutzen jetzt einfach die Zeit für uns." Das ist so die erste Einstellung, die ich hier mit einbringe. Und das zweite wäre tatsächlich ein Tagesablaufplan. Genauso wie vorher auch, man muss ja nicht um 6 Uhr aufstehen, dass man so einen Ablauf gestaltet: "Wer holt Brötchen? Wer macht Frühstück?" Man kann sich abwechseln. Man plant einfach den Alltag – und vor allem nicht immer zusammen. Das ist auch ganz wichtig. Also schön ist es, wenn man Zeit verbringen kann, aber trotzdem kann man in der Zeit auch auf sich schauen: "Was tut mir gut? Wie kann ich mich weiterentwickeln? Kann ich Dinge machen, die ich vorher nicht machen konnte? Sprachen lernen? Mich in Themen reinlesen? Auf meine Gesundheit und Ernährung achten?" All diese Sachen, wo man immer sagt: "Oh, ich hatte nie Zeit dafür." Meditieren ist so ein Thema, oder Yoga, oder Sport – die Zeit hat man jetzt natürlich.

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