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Winfried Kretschmann wird auch bei der kommenden Landtagswahl im März wieder als Spitzenkandidat für die Grünen antreten. Beim Parteitag in Reutlingen bekam er 91,5 Prozent der Stimmen.

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Die Grünen in Baden-Württemberg haben Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit 91,5 Prozent zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl am 14. März gewählt. Der 72-Jährige erhielt am Samstag beim größtenteils digitalen Parteitag in Reutlingen mehr als fünf Prozentpunkte weniger als bei seiner Wahl vor fünf Jahren. Kretschmann hatte keinen Gegenkandidaten

Kretschmann will weiter regieren

Es gehe nicht um Egos sondern um existentielle Fragen, um die natürlichen Grundlagen des Lebens, erklärte Kretschmann in seiner Bewerbungsrede. Die Grünen hätten in den vergangenen zehn Jahren viel erreicht für Baden-Württemberg und darüber hinaus. Um diese Arbeit weiterführen zu können, müsse man in der Regierung bleiben, nicht etwa weil es in der Villa Reitzenstein so schön wäre, sondern nur weil man als Regierungspartei die ökologischen und wirtschaftlichen Weichen für das Land stellen könne, so Kretschmann.

Solar- und Windenergie müssten im Land ausgebaut werden, in zehn Jahren müssten doppelt so viele Menschen ÖPNV nutzen können, Kohleausstieg, grüne Technologie dafür stehe er.

Parteitag unter Corona-Pandemiebedingungen

Rede von Winfried Kretschmann (Grüne) auf dem Landesparteitag. Weil der Parteitag größenteils digital stattfindet, ist er ist auf einem Computerbildschirm zu sehen. (Foto: dpa Bildfunk, Marijan Murat)
Aufgrund der aktuellen Corona-Infektionslage findet die Landesdelegiertenkonferenz größtenteils digital statt. Marijan Murat


Es sei gerade nicht leicht, über die Wahl zu sprechen, erklärte Kretschmann mit Blick auf die Corona-Krise. Die Politik müsse schnell gegensteuern. Und so stimmte er seiner Rede auf einen bevorstehenden bundesweiten harten Lockdown ein, auf den sich die Gesellschaft einstellen müsse, "eher vor Weihnachten und nicht erst nach Weihnachten", so der Grünen-Politiker unter Verweis auf eine Corona-Schalte mit anderen Ministerpräsidenten und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zur Vorbereitung des Bund-Länder-Treffens am Sonntag.

Habeck lobt Kretschmann: "Ministerpräsident, der Halt gibt"

"In Zeiten, wo die Menschen nach Halt und Sicherheit suchen, da hat Baden-Württemberg einen Ministerpräsidenten, der Halt gibt", sagte Grünen-Bundeschef Robert Habeck in einer Videobotschaft. Kretschmann handele verantwortungsbewusst, suche nach Kompromissen und liefere damit die "Grünpause" für den Bund, wo die Grünen ebenfalls wieder regieren wollten. Habeck distanzierte sich in seiner Videobotschaft deutlich von der Politik der CDU. Es sei Ministerpräsident Winfried Kretschmann gewesen, der in "Jahren der verpassten Chancen" dazu beigetragen habe, "trotz allem Fortschritte zu erzielen". Bevor Kretschmann Ministerpräsident wurde, sei Baden-Württemberg ein gespaltenes Land gewesen.

Landeschefin Detzer rechnet mit der CDU ab

Grünen-Landeschefin Sandra Detzer wetterte zum Auftakt des Parteitags gegen die CDU. "Lasst uns gemeinsam kämpfen gegen diejenigen, die ambitionierten und wirksamen Klimaschutz verhindern", rief Detzer ihre Partei am Samstag auf. "Diese Verhinderer haben in Baden-Württemberg einen Namen: die CDU", sagte Detzer zum Beginn des Parteitags in Reutlingen. Der Koalitionspartner habe in den vergangenen fünf Jahren immer wieder wichtige Fortschritte blockiert oder verwässert - etwa die Luftreinhaltung, eine Solarpflicht auf allen Neubauten oder mehr digitale Bildung. "Die CDU war unser Klotz am Bein, ohne den wir noch viel mehr hätten hinbekommen können", wiederholte Detzer ihre Kritik, die sie bereits zu Beginn der Woche geäußert hatte.

Kretschmann geht ohne Koalitionsaussage in Landtagswahl 2021

Die Grünen führen seit zehn Jahren die Regierung in Baden-Württemberg an - vorher stellte fast sechs Jahrzehnte die CDU den Ministerpräsidenten. Von 2011 bis 2016 hatten die Grünen mit der SPD regiert, danach ging sie eine Koalition mit der CDU ein. Während Landeschefin Detzer eine grün-rote Koalition nach einem Wahlsieg am 14. März bevorzugen würde, will sich Ministerpräsident Kretschmann nicht auf ein Bündnis festlegen. Zumal im Bund vieles für eine Koalition aus Union und Grünen nach der Wahl Ende September spricht.

Kretschmann mit deutlichem Beliebtheitsvorsprung vor Eisenmann

Der im Land beliebte Kretschmann hatte lange überlegt, ob er für eine dritte Amtszeit antreten soll, sich dann aber dafür entschieden - wohl auch mangels einer echten Alternative. Im direkten Vergleich hängt der 72-jährige Amtsinhaber seine Herausfordererin, Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU), deutlich ab. Das zeigte Mitte Oktober auch der BW-Trend, eine Umfrage im Auftrag von SWR und "Stuttgarter Zeitung": Wenn man den Ministerpräsidenten direkt wählen könnte, würden sich demnach nur 13 Prozent für Eisenmann entscheiden, 66 Prozent für Kretschmann. Die Grünen lagen bei dieser Umfrage fünf Prozentpunkte vor der CDU.

Hinter Kretschmann lichten sich die Reihen

Gleichwohl steht die Frage im Raum, ob Kretschmann bei einem Wahlsieg die ganze Legislaturperiode regieren will oder schon vorher für einen jüngeren Nachfolger den Platz freimachen könnte. Bei den Grünen wird diese Frage aber nur hinter vorgehaltener Hand gestellt. Eine echte Kronprinzessin oder einen Kronprinzen gibt es nicht.

Stattdessen steht bei den Grünen zur nächsten Wahlperiode ein Generationswechsel an. Bewährte Kräfte wie Finanzministerin Edith Sitzmann und Umweltminister Franz Untersteller hören auf. Letzterer musste jüngst auch noch Spott über sich ergehen lassen, weil er mit seinem Auto mit 177 Sachen über die Autobahn gerast war, obwohl nur 120 Kilometer pro Stunde erlaubt waren. Fritz Kuhn ist als Stuttgarter Oberbürgermeister nicht mehr angetreten. Prompt ging die Wahl mit der Kandidatin Veronika Kienzle klar verloren. Der letzte grüne Oberbürgermeister in einer größeren Stadt ist Boris Palmer in Tübingen. Doch der ist wegen diverser Provokationen vor allem für Parteilinke ein rotes Tuch.

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