Online-Casino (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Carsten Rehder/dpa)

Seit Juli ist Zocken im Internet legal

Verzockt? Welche Folgen legales Online-Glücksspiel hat

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AUTOR/IN
Susanne Babila, Redaktion Religion und Welt

Online-Glücksspiele sind seit Juli in Deutschland legal. Zocken ist damit einfacher geworden - und gefährlicher für Menschen, die suchtanfällig sind.

Glücksspiele machen ein trügerisches Versprechen: durch einfache Wetten, Geld vervielfachen. Vor allem suchtanfällige Menschen laufen Gefahr, ihre Existenz zu verzocken. In Deutschland sind knapp eine halbe Million Menschen spielsüchtig oder gefährdet. Drei von vier Deutschen haben es zumindest ein Mal in ihrem Leben versucht. Seit einem halben Jahr ist das Zocken noch einfacher: Im Juli wurden in Deutschland alle möglichen Formen des Online-Glücksspiels legalisiert. Welche Auswirkungen hat die neue Gesetzeslage?

Therapie als Ausweg aus der Spielhölle

"Ich habe mein ganzes Geld verspielt, ich habe auch meine Sparbücher verspielt", sagte Ibrahim Weber dem SWR. Der 59-Jährige hatte die Kontrolle beim Spielen verloren. "Meine Schwiegereltern und meine Frau haben mir auch zwei, drei Mal geholfen. Bis meine Frau ein Ultimatum gestellt hat. Entweder tue ich was, mache eine Therapie oder unsere Ehe wird nicht mehr existieren", sagt Weber. Der 59-Jährige rettete seine Ehe, machte eine Therapie für Spielsüchtige in Bad Herrenalb (Landkreis Calw).

"Ich habe alles verspielt."

Im Spiel suche man Trost, Ablenkung, Glück und flüchte vor eigenen Problemen und Sorgen, erklärte Tobias Hayer, Glücksspielforscher an der Uni Bremen im SWR. Vor allem junge Männer und Migranten seien besonders gefährdet, beim Glücksspiel süchtig zu werden. "Zum einen haben Migranten oft weniger Geld. In ihrem Heimatland spielt das Glücksspiel vielleicht nicht die größte Rolle", sagt Hayer. In Deutschland seien diese Menschen dann den Verlockungen ausgesetzt. "Zumal sie oft geringe Aufstiegschancen haben und dann lockt das Glücksspiel mit dem möglichen Geldgewinn", so Hayer.

Tobias Hayer, Glücksspielforscher an der Uni Bremen (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sina Schuldt)
Glücksspielforscher Tobias Hayer warnt vor den Gefahren des legalen Online-Zockens. picture alliance/dpa | Sina Schuldt

Mehr Junge suchen Beratung

Allein in Stuttgart leben knapp 1.200 Menschen, die von Spielsucht betroffen sind. Ibrahim Weber betreut seit einigen Jahren eine Selbsthilfegruppe bei der Evangelischen Gesellschaft. Im Durchschnitt gäben die meisten einen aktuellen Schuldenstand von 30.000 bis 50.000 Euro an. "Zum Beispiel kenne ich viele Menschen, die haben nicht mal ihre Hochzeitsreise machen dürfen, weil sie alles verloren hatten", sagte Weber. In letzter Zeit kämen immer mehr junge Online-Spielerinnen und -Spieler in die Beratungsstelle, so Weber.

Zocken wann und wo man will

Der Trend zum Online-Zocken habe wenig mit der vorübergehenden Schließung von Spielstätten in vergangenen Corona-Lockdowns zu tun, sagte Glücksspielforscher Hayer. Sondern: "Sie können 24 Stunden, sieben Tage die Woche zocken. Wann immer sie wollen, sie brauchen nur ein mobiles Endgerät", sagte Hayer. Ein zweiter Grund sei der bargeldlose Zahlungsverkehr. Zocker könnten im Sekundentakt ihre Kreditkarte belasten. "Sie verlieren viel schneller den Überblick über ihre gesamten Einsätze und Verluste", sagte Hayer dem SWR. Auch, dass Süchtige völlig ohne soziale Kontrolle spielen, befördere den Trend: Sie seien anonym, "sie können besoffen zocken. Da ist niemand da, der potentiell sagt, Herr oder Frau Müller: jetzt ist mal gut", sagte Hayer.

Kritik an Schutzmaßnahmen

Im Glücksspiel-Staatsvertrag seien zwar Spielerschutzmaßnahmen vorgeschrieben, etwa ein monatliches Spieleinsatz-Limit von 1.000 Euro, so Hayer. Das Einzahlungslimit bedeute faktisch, dass Spielende "1.000 Euro von ihrem Sparkassenkonto auf ihre Spielerkonten transferieren können und die dann verzocken können". Das sei eigentlich ein Verlustlimit. "Dann stelle ich mal die Gegenfrage: Haben Sie ein Hobby, das sie im Monat 1.000 Euro kostet und das noch mit Suchtgefahren einhergeht? Wenn Sie für 1.000 Euro saufen würden im Monat, würde ich mir zumindest Sorgen machen", sagte Hayer. Er kritisiert, dass dieses Limit viel zu hoch angesetzt sei.                

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Susanne Babila, Redaktion Religion und Welt