Interview mit Cem Özdemir

"Alle müssen ihren Teil zur Integration beitragen"

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60 Jahre alt ist das Anwerbeabkommen mit der Türkei. Zum Jubiläum spricht Cem Özdemir (Grüne) über die Herausforderungen für Gesellschaft, Gastarbeiter und die Generationen danach.

SWR: Herr Özdemir, Sie haben bei der Bundestagswahl zum erstem Mal den Wahlkreis in Stuttgart gewonnen. Sie haben das Direktmandat der ersten Gastarbeitergeneration gewidmet. Haben Sie dabei auch an Ihre Eltern gedacht?

Cem Özdemir: Ja, ich habe an meine vor Kurzem verstorbene Mutter, an meinen Vater, aber auch an die ganzen anderen aus der ersten Generation der Gastarbeiter gedacht. Meine Eltern haben sich kennen und lieben gelernt in Bad Urach, im Herzen der Schwäbischen Alb. Heißt: Ich bin ein klassisches Produkt des Anwerbeabkommens. So geht es ja vielen anderen auch. Ich wollte mich vor denen symbolisch verneigen, die zum Wohlstand unseren Landes beigetragen haben, in einem fremden Land sich zurechtfinden mussten, im besten Sinne des Wortes Pioniere waren.

SWR: Sie stehen mit Ihrer Geschichte auch für den sozialen Aufstieg eines Gastarbeiterkindes. Warum ist es aber immer noch so, dass viele Menschen mit Migrationsgeschichte keinen oder einen schlechten Schulabschluss im Vergleich haben?

Erstmal muss man wissen, dass es "die" Türken nicht gibt. Genauso wenig wie es "die" Deutschen gibt, sondern, dass das sehr heterogen ist. Wir haben jetzt mitgekriegt, der Impfstoff, den viele von uns haben, ist einer, der auch von zwei Menschen mit türkischer Herkunft maßgeblich entwickelt wurde. Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen türkischer und anderer Herkunft, die nach wie vor im Schulsystem auf der Strecke bleiben. Weil unser Schulsystem leider es nicht so gut schafft, dass der Bildungserfolg abgekoppelt wird vom Beruf, der Herkunft und vom Einkommen der Eltern. Da müssen wir deutlich besser werden. Es gibt da aber auch eine Korrelation zwischen der ethnischen Herkunft und dem sozialen Status. Deutsche oder Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft, die einen Arbeiter-Hintergrund haben und wo die Eltern vielleicht Hartz-4-Bezieher sind, haben ebenfalls ein Problem, dass der Aufstieg in der nächsten Generation nicht so gelingt. Also ist es nicht ein türkisches oder migrantisches Problem, sondern es ist vor allem auch ein soziales Problem.

SWR: Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagt dieser Tage immer wieder: Es gibt nicht die Migranten in Deutschland, sondern unser ganzes Land hat inzwischen einen Migrationshintergrund. Trotz allem gibt es Menschen, die das mit Sorge betrachten. Was machen wir immer noch falsch bei der Integration?

Vergessen wir nicht, in den 60ern als meine Eltern gekommen sind, hat es ja keine Debatte gegeben - darüber was jetzt gerade los ist, was passiert. Die Entsendestaaten waren ganz froh, dass sie ihre geburtenstarken Jahrgänge ein bisschen los waren. Und haben gehofft, dass das Devisen-Maschinen sind, die Geld in die Türkei und in die anderen Länder überweisen. Hierzulande war man froh, dass man billige Arbeitskräfte hatte. Das Thema Sprache, Integration spielte keine Rolle. Man hat sich darum nicht gekümmert. Das rächt sich jetzt alles ein bisschen. Daraus müssen wir lernen. Für die Zukunft, für die Gestaltung der Einwanderung und für die Gestaltung der Integration.

SWR: Es gibt beispielsweise in Mannheim oder in Stuttgart Viertel, die als Klein-Istanbul bezeichnet werden. Da bleiben Türken unter sich, da wird auch türkisch gesprochen. Wäre es nach 60 Jahren nicht an der Zeit, dass sie einen Schritt auf unsere Gesellschaft zu gehen?

Alle müssen einen Schritt aufeinander zugehen. Natürlich gilt für die, die zugewandert sind, dass man die Sprache des Landes erlernt, in dem man lebt, dass man sich vor allem erstmal an die Verfassung und unser großartiges Grundgesetz hält. Dafür gehört zum Beispiel auch für mich, dass es keinen Platz für Antisemitismus geben darf. Muslimischer Antisemitismus ist ja nicht besser als deutscher, rechter Antisemitismus. Jede Art muss hart bekämpft werden. Dazu gehört aber natürlich auch, dass die Mehrheitsgesellschaft ihrerseits deutlich macht: Wenn man sich anstrengt, dann gehört man hier auch dazu. Das Wort vom Passdeutschen passt dann nicht mehr in unsere Zeit. Auch da ist es wichtig, dass man Rassismus bekämpft. Alle müssen ihren Teil zur Integration beitragen.“

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