Eine Frau mit medizinischer Maske sitzt allein in einem Abteil einer Straßenbahn. Der Bahnsteig ist menschenleer. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliancedpa  Sebastian Gollnow)

Abo-Zahlen im ÖPNV sinken deutlich

Coronavirus: Verkehrsverbünde in Baden-Württemberg beklagen massive Einbrüche

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Der Verkehr auf den Straßen bleibt auch im zweiten Corona-Jahr auf niedrigem Niveau. Die Verkehrsverbünde in Baden-Württemberg spüren das stark an ihren Abo-Zahlen.

Den Verkehrsverbund Bodensee-Oberschwaben hat es besonders hart getroffen. "17 Prozent beträgt der Rückgang bei den Abos der Erwachsenen - und 17 Prozent weniger Einnahmen verzeichnen wir generell", erläutert Geschäftsführer Jürgen Löffler. Das seien die aktuellen Zahlen für 2020 - und in diesem Jahr werde es nicht besser, betont er auf SWR-Anfrage. Sein Verkehrsverbund, der allgemein nur unter dem Kürzel "bodo" bekannt ist, liegt damit unter dem Bundesdurchschnitt.

Bundesweit 3,5 Millarden Euro Einbußen

Seit den erneuten Lockdown-Maßnahmen im November beschleunigt sich die Abwanderung von Stammkunden bei Bussen und Bahnen. Rund 15 Prozent der früheren Abo-Kunden in Deutschland hätten ihr Ticket inzwischen gekündigt, schätzt der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Zu Beginn der Pandemie habe die Abwanderungsquote bei lediglich rund fünf Prozent gelegen. Die Verkehrsunternehmen in Deutschland haben laut VDV im vergangenen Jahr zusammen rund 3,5 Milliarden Euro Einbußen erzielt.

Homeoffice als Treiber für Abo-Kündigungen

Dennoch halten die Unternehmen den Bus- und Bahnverkehr weitgehend aufrecht. Nicht zuletzt wegen der zugesagten Unterstützung durch Bund und Länder. Auch beim Verkehrsverbund in der Region Stuttgart (VVS) ist der Rückgang deutlich. "230.000 Abonnenten haben wir vor der Pandemie gehabt, jetzt sind es gerade mal rund 200.000", so Horst Stammler, der Geschäftsführer des VVS, gegenüber dem SWR. Anfangs waren die Rückgänge geringer, mit zunehmender Pandemie stiegen immer mehr Kunden aus. "Homeoffice ist der wesentliche Treiber, dass Abos gekündigt wurden", analysiert der VVS-Geschäftsführer für die Region Stuttgart.

"Noch nie war so wenig Nachfrage"

Ähnliches beobachtet man auch am Bodensee und in Oberschwaben. Manche behalten ihr Abo aus Loyalität oder weil sie ihr Job-Ticket vom Arbeitgeber erstattet bekommen, aber ein Umdenken hat eingesetzt. "Die Kündigungen setzen sich fort", so bodo-Geschäftsführer Löffler und verweist auf eine Kausalkette: Verkäufer und Käufer pendeln nicht, weil die Geschäfte nicht geöffnet sind, Beherbergungsunternehmen und Gastronomie haben auch am Bodensee geschlossen, die Zahl der verkauften Einzelfahrscheine ist um 37 Prozent gesunken. "Noch nie war so wenig Nachfrage wie jetzt", so Löffler. Viele der Kunden setzen derzeit auf eine Chip-Card, um so flexibler bei weniger Fahrten zu sein. Mit dieser Karte können Kunden unkomplizierter als bisher ihre Einzelfahrten lösen. Mit Ähnlichem versucht auch der VVS in Stuttgart seine Kunden zu binden.

"Der Einzelne hat schon mal die Geduld verloren. Denn das Verkehrsangebot war zuweilen schon eingeschränkt", heißt es vom Verkehrsverbund Rhein-Neckar VRN zum Abonnentenschwund. Auch wenn das Jahres-Abo für Senioren und Schüler sehr niedrig im Verhältnis zu anderen sei, so Thomas Schweizer vom VRN, zuständig für Marketing und Tarife.

Menschen laufen in der Karlsruher Innenstadt, Straßenbahnen stehen an den Haltestellen (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Die Zahl der Abonnenten im ÖPNV hat seit Beginn der Pandemie um durchschnittlich rund 15 Prozent abgenommen. Picture Alliance

"Jäher Absturz" in Baden

Auch in Baden, beim Karlsruher Verkehrsverbund KVV, macht sich der Rückgang der Abonnenten schmerzlich bemerkbar. Von März 2020 bis April 2021 seien die Abo-Zahlen über alle Angebotsgruppen - ob Schüler-, Senioren- oder Job-Tickets - um 13,2 Prozent zurückgegangen, so KVV-Sprecher Michael Krauth. Den größten Absturz habe der KVV jedoch im Frühjahr des vergangenen Jahres mit 20 Prozent erlebt. Es sei ein "jäher Absturz" gewesen, so Krauth, der vor der Pandemie täglich 500.000 Fahrgäste beim KVV zählte.

Treueboni für Stammkunden

Die Skepsis der Kunden war groß, vor allem das Thema Aerosolausbreitung in der Corona-Pandemie habe die Menschen beschäftigt, doch seit Herbst haben die Nachfragen der Kunden bei diesem Thema abgenommen. Außerdem würden die Bahntüren an jeder Station geöffnet, sodass das Durchlüften der Bahnen gewährleistet sei, heißt es aus Karlsruhe. Mit Erstattungs- und Treueboni will man Kunden binden oder wieder gewinnen.

Branche hofft auf weitere Finanzhilfen

Das Land Baden-Württemberg hatte die Verkehrsverbünde im vergangenen Jahr mit Finanzhilfen gestützt, um Kunden zu halten und Schülern zu helfen. Im Sommer konnten die Abonnenten ihre Tickets landesweit nutzen, ohne Zusatzkosten. Auf Ähnliches hoffen die Verkehrsverbünde auch wieder in diesem Jahr. "Wir denken, dass es noch zwei bis drei Monate dauert, bis wir die Talsohle im Sommer erreicht haben", so Horst Stammler vom VVS in Stuttgart. Wie seine Kollegen im Land setzt auch er auf Neueinsteiger- und Wiedereinsteigerkampagnen, die dann starten sollen. Mit Unterstützung des Landes. Förderanträge dazu werden auch beim VRN in Mannheim gerade formuliert. Das Land hat bereits angekündigt, Stammkunden einen Teil des Monatsbeitrags zu erstatten.

Pandemie bremst Klima- und Verkehrswende aus

Die Rückkehr zu den Verhältnissen vor der Pandemie werde schwer, heißt es unisono von den Verkehrsverbünden. Mit dem ÖPNV sei man in den vergangenen Jahren auf einem guten Weg gewesen, die Akzeptanz vor dem Hintergrund des Klimawandels gestiegen und die Verkehrswende sei im Land immer mehr akzeptiert worden, so Jürgen Löffler vom Verkehrsverbund Bodensee-Oberschwaben. Wie viele seiner Kollegen rechnet er damit, dass die negativen Folgen der Pandemie nicht vor Mitte des Jahrzehnts überwunden sein werden.

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