Debatte um Impfschwänzer

Pro Tag verfallen tausende Corona-Impftermine in BW - ohne Absage

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Endlich gibt es mehr Impfstoff. Doch ausgerechnet jetzt lässt das Interesse nach, überall im Land lassen Tausende ihre Impftermine einfach links liegen. Ist die Stimmung gekippt?

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Monatelang hat es vor allem an einem gefehlt: an Impfstoff. Impfwillige brauchten viel Geduld, um an einen der begehrten Termine in Impfzentren oder beim Hausarzt zu kommen. Doch das Blatt hat sich in vielen Regionen im Land gedreht. Zwar wird noch immer viel geimpft. In den Zentren gibt es inzwischen aber sogar freie Termine - auch deshalb, weil immer mehr Menschen ihre Termine für die Zweitimpfungen einfach nicht mehr wahrnehmen, ohne abzusagen.

Tausende schwänzen den Impftermin

Am Zentralen Impfzentrum in Freiburg verfallen aktuell drei Viertel aller Zweitimpftermine, das sind rund 700 am Tag. Momentan finden noch rund 1.500 Impfungen pro Tag statt. Vor drei Wochen seien es noch fast drei Mal so viele gewesen.

Ähnliches Bild auch in der Region Heilbronn-Franken. Im zentralen Impfzentrum in Rot am See (Kreis Schwäbisch Hall) erscheinen täglich bis zu 150 Menschen nicht zu ihren Impfterminen. In Öhringen (Hohenlohekreis) waren es am Wochenende 300. 220 davon hätten allerdings kurzfristig nachbesetzt werden können, teilte die Kreisverwaltung auf SWR-Nachfrage mit.

In Karlsruhe werden vor allem seit dem Wochenende Termine weniger stark nachgefragt. In den beiden Impfzentren in der Stadt, in der Schwarzwaldhalle und in der Messe, gibt es täglich 1.000 Impfungen. In den vergangenen Wochen waren es zweieinhalb mal so viele.

Auch bei Erstimpfungen lässt das Interesse nach

Im Neckar-Odenwald-Kreis werden zwischen 10 und 15 Prozent der Termine gar nicht oder nur sehr kurzfristig abgesagt. Ähnliche Erfahrungen gibt es im Zentralen Impfzentrum Ummendorf im Landkreis Biberach und im Bodenseekreis. Dort bleiben vor allem Termine mit Astrazeneca liegen.

Im Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart bleiben vor allem Termine für Erstimpfungen offen. Die Zweitimpfungen liefen gut und regelmäßig ab, so der Medizinische Geschäftsführer, Dominik Alscher. Allerdings gibt es auch hier nur rund 1.000 Impfungen am Tag, möglich wären 2.500.

Insgesamt wurden in Baden-Württemberg den Daten des Landesgesundheitsamts zufolge bis zum 6. Juli (Stand: 5 Uhr) fast 4,3 Millionen Menschen (38,7 Prozent der Bevölkerung) vollständig geimpft. Knapp 5,9 Millionen Menschen (52,9 Prozent) haben mindestens eine Impfung erhalten. Die Zahlen können von denen des RKI abweichen.

Die Gründe? Von Termin-Frust bis Ferienstimmung

Das Wort "Impfmüdigkeit" macht die Runde. Aber gibt es die tatsächlich? Experten machen verschiedene Gründe für die Entwicklung aus. So hat sich zum einen die Terminsituation entspannt. Es gibt mehr Impfstoff und dadurch werden mehr Termine für Erstimpfungen angeboten.

Auch die bevorstehende Ferienzeit spiele eine Rolle, so der Leiter der Karlsruher Impfzentren, Andreas Ruf, gegenüber dem SWR. Denn wer jetzt buche, dessen Zweitimpfung falle in die Urlaubszeit und könne deswegen oft nicht wahrgenommen werden. Außerdem hätten viele Impfwillige die Terminsuche nach wochenlangen vergeblichen Versuchen erst einmal aufgegeben.

Viele wiegen sich in falscher Sicherheit, sagen Experten

Auch die niedrigen Inzidenzen könnten für den ein oder anderen Grund genug sein, nicht zum Impftermin zu erscheinen.

"Das vermittelt eine falsche Sicherheit"

Dabei sei es gerade jetzt wichtig, sich mit Blick auf die Delta-Variante auch die Zweitimpfung abzuholen, so Schulze. Laut dem Landesgesundheitsamt lag der nachgewiesene Anteil der Delta Variante in den vergangenen 14 Tagen schon bei fast 30 Prozent.

Von einem Mangel an Impfstoff ist derzeit nichts mehr zu hören. Den gebe es mehr als genug, so ein Sprecher des Neckar-Odenwald-Kreises. Das sei selbst bei den mRNA-Impfstoffen wie Biontech der Fall.

Viele lassen sich auch beim Haus- oder Betriebsarzt zweit-impfen

Trotz sinkender Nachfrage in den Impfzentren sieht der Leiter der Karlsruher Impfzentren, Ruf, weiterhin einen großen Erfolg, der kontinuierlich steige. Gerade auch die Impfungen durch Betriebsärzte schlagen sich seinen Angaben zufolge positiv in den Zahlen nieder.

Das Impfzentrum in der Liederhalle in Stuttgart verweist auf die Hausärzte. Wenn es zu Absagen komme, seien diese meist begründet, beispielsweise weil die Zweitimpfung beim Hausarzt durchgeführt werden könne, so eine Sprecherin gegenüber dem SWR. Die Zahl der Personen, die einfach nicht zum Impftermin erscheint, liegt den Angaben zufolge im einstelligen Prozentbereich.

Weniger Bürokratie: Impfzentren passen sich Situation an

Im Rhein-Neckar-Kreis bitten die Zentren die Bürgerinnen und Bürger dringend darum, bereits vereinbarte Impftermine frühzeitig abzusagen, wenn sie diese nicht wahrnehmen können. Denn sonst warte das Personal dort vergeblich und könne die Termine kurzfristig auch nicht anderweitig vergeben.

Wie kann ich einen nicht benötigten Corona-Impftermin online absagen? Welche Informationen benötige ich dazu? Was muss ich wo eintragen? Hier sehen Sie, wie einfach das geht.

Impfterminabsage Nr. 1 (Foto: SWR)
Schritt 1 bei der Impfterminabsage Online Bild in Detailansicht öffnen
Schritt 2 bei der Impfterminabsage Online Bild in Detailansicht öffnen
Schritt 3 bei der Impfterminabsage Online Bild in Detailansicht öffnen
Schritt 4 bei der Impfterminabsage Online Bild in Detailansicht öffnen
Schritt 5 bei der Impfterminabsage Online Bild in Detailansicht öffnen

Außerdem wurde das Internetportal "Impfhelden" ins Leben gerufen, um nicht genutzte Dosen schnell verimpfen zu können. Mittlerweile sind laut Kreis 600 Menschen registriert, fast hundert haben über das Portal schon spontan einen Termin bekommen.

In der Region Ulm wird versucht, mit verschiedenen Aktionen übrige Vakzine zu verimpfen. Unter anderem konnten Impfwillige auf einem Supermarktparkplatz in Giengen an der Brenz direkt einen Termin vereinbaren.

Landesregierung prüft härteres Vorgehen gegen Impfschwänzer

Die grün-schwarze Landesregierung lässt derzeit prüfen, ob Menschen, die eine bereits gebuchte Corona-Impfung in einem Impfzentrum verfallen lassen, für die Kosten aufkommen müssen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sagte am Dienstagmittag in der Regierungspressekonferenz in Stuttgart, Impftermine verfallen zu lassen, sei unsolidarisch und unverantwortlich gegenüber denjenigen, die geimpft werden wollten.

Nach Angaben von Landesgesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) hat es in den vergangenen drei Wochen im Land nach einer ersten Schätzung zwei bis fünf Prozent Termine gegeben, die ohne Absage verfallen sind. "Wir wollen null Prozent", so Lucha.

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