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Tanzen und ausgelassen in einer Disko feiern - das ist in Baden-Württemberg laut neuer Corona-Verordnung bei einer Inzidenz unter zehn wieder möglich. Allerdings nur in der Theorie.

Sie waren die ersten, die wegen Corona schließen mussten. Sollten die Befürchtungen der Betreiber wahr werden, sind Clubs und Diskos auch die letzten, die wieder öffnen dürfen. Immerhin: in der neuen Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg, die seit dieser Woche gilt, lässt sich der "Lebensbereich Diskotheken" zum ersten Mal wiederfinden.

Außerdem gilt in der Verordnung der Zusatz: "Resultate der Modellprojekte sollen abgewartet werden".

Welche Modellprojekte sind gemeint?

An den landessweiten Modellprojekten sind zwei Clubs in Ravensburg beteiligt: die "Kantine" und das "Douala". Beide dürfen Anfang Juli, unter Auflagen und wissenschaftlich begleitet, wieder öffnen.

Die Besucherzahl ist auf maximal 40 Prozent der möglichen Auslastung begrenzt. Pro Abend darf nur eine feste, angemeldete Gruppe rein. Gäste müssen getestet, genesen oder geimpft sein und sich an Nachtests beteiligen. Außerdem soll es Aerosol-Messungen geben. Dafür entfällt aber die Maskenpflicht auf der Tanzfläche. Sollten sich die Konzepte bewähren, dürfen die Clubs aufbleiben.

Die Stadt Stuttgart setzt auf Distanztracker: Abstandsmesser in der Größe einer Scheckkarte, die Club-Besucherinnen und Besucher warnen, sollten sie einander zu nahekommen.

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Wer in Stuttgart mitmachen darf, ist noch nicht klar

Das Projekt ist nach Angaben der Stadt deutschlandweit einzigartig und wurde von der Stuttgarter Stadtverwaltung in Zusammenarbeit mit der Universität des Saarlandes entwickelt.

Wann genau die Abstandsmesser in der Landeshauptstadt getestet werden sollen, steht noch nicht fest. Die Stadt will in den nächsten Wochen per Ausschreibung Clubs auswählen, die im Rahmen des Projekts öffnen dürfen. Nach SWR-Informationen sollen frühestens im Spätsommer Ergebnisse des ausgewerteten Stuttgarter Modellversuchs vorliegen.

Eine Discokugel dreht sich im Licht (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Volle Tanzflächen, ausgelassene Stimmung - das wünschen sich Club- und Diskobetreiber in Baden-Württemberg nach 15 Monaten Corona-Shutdown. Picture Alliance

Club Kollektiv Stuttgart: "Uns reicht es"

Der Interessenverband von 55 Clubs und Veranstaltern in Stuttgart ist sauer: "Uns reicht es", heißt es in einer Mitteilung, die dem SWR vorliegt. Nach Ansicht des "Club Kollektiv Stuttgart" bietet die neue Landesverordnung weiterhin keine Öffnungsperspektive. Die reale Situation für die Betriebe sei ein faktisches Berufsverbot, sogar bei Inzidenzen von zehn bis null. 

"Die Richtlinie von einer Person auf zehn Quadratmeter, unter dem Vorbehalt der Ergebnisse von nicht genauer definierten Modellversuchen, ist eine Farce für die gesamte Branche."

"Aus der Verordnung spricht eine große Unwissenheit über die reale Situation der Betriebe", sagt Tobias Rückle aus dem Verband-Vorstand. Andere Einschränkungen würden sehr rasch aufgehoben, nur das Nachtleben solle weiterhin brav "die Füße stillhalten". Diese Ungleichbehandlung sei nicht mehr zu rechtfertigen, so Rückle. Viele Betriebe forderten jetzt rechtliche Schritte. Ob eine Klage Bestand haben könnte, werde momentan von einem Verwaltungsrechtler geprüft.

Landesverordnung fördert "Feiern im illegalen Bereich"

Das Club Kollektiv fordert "diesen Bereich der Landesverordnung schnell zu überarbeiten". Außerdem müsse dabei die "Expertise der Nachtkultur" einbezogen werden. Es habe zwar auf Landesebene vereinzelte Gespräche zu Öffnungskonzepten gegeben, die aus der Branche eingebracht wurden - diese wurden laut Rückle jedoch nie erprobt. Demnach gibt es seit 15 Monaten keine Einbeziehung der Branche. 

Für den 3G-Nachweis (getestet, genesen oder geimpft) hat der Stuttgarter Interessenverband, nach eigenen Angaben, "volles Verständnis". Demnach sollte eine Kapazitätsbeschränkung aber prozentual und nicht über Quadratmeter erfolgen.

"Auch die Frage, ob Tanzbetrieb erlaubt ist, bleibt weiterhin unklar", sagt Rückle. Die neue Landesverordnung sorge dafür, "dass Feiern in den unkontrollierten, illegalen und privaten Bereich" verlagert würden und "zeige großes Misstrauen gegenüber einer ganzen Branche". Das Club Kollektiv wünscht sich einen "konstruktiven Dialog". Man erwarte von den handelnden Politikern "das deutliche Bekenntnis, dass die Nachtkultur in den Clubs und Diskotheken als Teil der Lösung und nicht als Problem angesehen wird."

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Protest-Brief an Ministerpräsident Winfried Kretschmann

Die neue Corona-Verordnung sei ein "Schlag ins Gesicht" für die Clubbetreiber. "Das Nachtleben werde weiterhin massiv beschränkt und de facto unterbunden", schreibt die "Interessengemeinschaft Clubkultur Baden-Württemberg" in einem Brief an Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Dem Zusammenschluss gehören mehr als 120 Vertreter aus der Club-, Disko-, Kultur-, und Veranstaltungs-Szene aus rund 20 Städten im Land an.

Für die meisten Clubs bedeute die Zehn-Quadratmeter-Regelung Veranstaltungen mit zehn bis 20 Leuten. Das sei "somit wirtschaftlich keineswegs tragbar", so die IG Clubkultur.

Auch DEHOGA BW sieht Nachbesserungs-Bedarf

Der Landesverband für Hotellerie und Gastronomie (DEHOGA BW) vertritt nach eigenen Angaben auch die Interessen der Diskotheken und Tanzbetriebe im Land. Schätzungen zufolge sind in Baden-Württemberg zwischen 500 und 700 Clubs von der dauerhaften Schließung seit März letzten Jahres betroffen.

Die neue Verordnung kommt bei Club-Betreibern laut DEHOGA nicht gut an. Die Reaktionen seien nicht positiv. Einen "kostendeckenden Geschäftsbetrieb" mit der Personenzahlbegrenzung hält auch der DEHOGA für nicht möglich. Es sei "allenfalls ein Signal oder ein erster Schritt" - weitere müssten folgen.

Wie lange halten die Disko-Betreiber noch durch?

Das "Club Kollektiv Stuttgart" ist nach eigenen Angaben sehr besorgt um die wirtschaftliche Existenz der 55 zusammengeschlossenen Clubs und Veranstalter in der Landeshauptstadt. Verband-Vorstand Rückle hofft, dass "die Tragweite dieser politischen Entscheidungen langsam zur Politik durchdringt." 

Die Kurzarbeit und die Wirtschaftshilfen des Bundes wurden laut Rückle bis September verlängert. Danach entfielen jegliche Einnahmequellen, ohne dass die Kosten auf null gefahren werden könnten. Betrieben drohe dann die Schließung oder die Zahlungsunfähig. Daher müsse schnellstens geklärt werden, wie es für die Club-Betreiber weitergehe, so Rückle.

"Das Konzept ist erst mal die Corona-Verordnung. Die gibt ja tendenziell immer weitere und größere Freiheiten, je niedriger die Inzidenzen sind."

Lucha: "Vorsichtiges Vorgehen absolut Situations-angemessen"

Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) zeigte bei der Regierungs-Pressekonferenz am Dienstag Verständnis für die Sorge der Club- und Diskobetreiber, die Vorgaben in der aktuellen Landesverordnung "seien zu restriktiv". Aber, so Lucha, anders könne man es nicht zulassen. Es sei ein vorsichtiger Einstig und ein erster Schritt." Der Minister verwies auf die anstehenden Modellprojekte: "Sobald hier Ergebnisse vorliegen, soll es mit den Betreibern noch einmal intensive Gespräche geben", sagte Lucha.

Manfred Lucha (Grüne), Gesundheitsminister Baden-Württemberg (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Bernd Weissbrod)
"Feucht fröhlich, tanzen, keine Distanz - das mag das Virus am allerliebsten. Daher sind wir bei Clubs und Diskotheken am vorsichtigsten", so Baden-Württembergs Gesundheitsminiter Manfred Lucha (Grüne) bei der Regierungs-Pressekonferenz am Dienstag. picture alliance/dpa | Bernd Weissbrod

Aktuell gebe es mehr und breitere Öffnungen als letztes Jahr, als die Inzidenz unter eins lag. Luchas Appell: "Geben Sie uns alle als Gesellschaft die Chance, die Erfolge der Öffnungen zu stabilisieren, um dann bestätigt zu sagen, wir können bei noch niedrigeren Inzidenzen den Club-Betreibern noch mehr Möglichkeiten zugeben." Jetzt aber, so Lucha, halte er dieses "vorsichtige Vorgehen für absolut Situations-angemessen" - zumal sich Jüngere eher infizierten.

Open-Air-Disco in Berlin, tanzen ohne Abstand in Schleswig-Holstein

Andere Bundesländer, andere Konzepte: In Berlin dürfen Clubs seit Mitte Juni wieder öffnen, allerdings darf nur draußen getanzt werden. Möglich sind maximal 250 Besucherinnen und Besucher, Voraussetzung ist ein negativer Corona-Test. Richtung Herbst sind wissenschaftlich begleitete Pilot-Veranstaltungen im Innenbereich angedacht.

In Schleswig-Holstein können sich noch bis Anfang Juli Diskotheken und Clubs um die Teilnahme bei einem Modellprojekt bewerben: Mitte Juli sollen dann drei ausgesuchte Betriebe im nördlichsten Bundesland wieder öffnen dürfen, ohne Maskenpflicht und Abstandsregeln. Einzige Voraussetzung: eine Lüftungsanlage, so dass ein stetiger Luftaustausch gewährleistet ist. Landesweit soll jeweils eine Diskothek mit maximal 200, 500 und 2.000 möglichen Gästen für jeweils drei Veranstaltungen zugelassen werden. Der Versuch läuft zunächst vier Wochen.

Besucherinnen und Besucher müssen sich vorher anmelden und zustimmen, dass ihre Daten an das Gesundheitsamt weitergeleitet und wissenschaftlich ausgewertet werden dürfen. Rein kommen nur Genesene, Geimpfte oder Getestete. Und nach der Partynacht geht das Testen weiter: am zweiten, vierten, sechsten und zehnten Tag nach dem Disko-Besuch. Auf diese Weise sollen Infektionen schnell zugeordnet werden können.

In Rheinland-Pfalz dürfen ab diesem Freitag Clubs und Diskotheken wieder öffnen - aber nur, wenn sie gute Lüftungsanlagen haben. Bis zu 350 Besucher sind erlaubt. Auch hier darf nur rein: wer negativ getestet oder geimpft ist oder schon mit dem Coronavirus infiziert war.

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