Spritzen mit Biontech-Impfstoff (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/EUROPA PRESS | Marta Fernández Jara)

18-Jähriger lag in Ludwigsburger Klinikum

Führt Biontech-Impfung zu Herzmuskelentzündung? Ulmer Stiko-Chef Mertens gibt Entwarnung

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Nach mehreren Fällen in Israel sorgt eine Meldung aus Baden-Württemberg für Aufregung: eine Herzmuskelentzündung nach einer Corona-Impfung mit dem Biontech/Pfizer-Präparat. Experten schätzen die Gefahr als gering ein.

Kann die Impfung gegen das Coronavirus mit dem Impfstoff des Mainzer Untenehmens Biontech eine Herzmuskelentzündung auslösen? Experten gehen dieser Frage nach - auch weil es einen Fall in Baden-Württemberg gegeben haben soll. Am Klinikum in Ludwigsburg wurde ein 18-Jähriger nach einer Impfung behandelt, der eine Entzündung am Herzmuskel hatte. Laut "Heilbronner Stimme" stammt der junge Erwachsene aus Güglingen (Kreis Heilbronn). Im Entlassungsbericht des Patienten soll demnach die Rede von einem "zeitlichen Zusammenhang" zur Biontech-Impfung stehen. Nach Informationen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) handelt es sich nicht um den ersten Vorfall dieser Art in Deutschland. 

Dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) sollen demnach bereits vor dem Vorfall aus Baden-Württemberg Herzmuskelentzündungen nach der Impfung gemeldet worden seien. Dies geht auch aus einem Sicherheitsbericht hervor, der für die Zeit vor März 2021 Verdachtsfälle erfasst. Im Fall aus Ludwigsburg könne man noch nicht beurteilen, ob die Impfung kausal für das Auftreten der Herzmuskelentzündung stehe, so das PEI gegenüber der "Heilbronner Stimme".

Laut "Bild.de" sind in Deutschland bisher sieben Fälle von Myokarditis nach einer Biontech-Impfung gemeldet worden. Die Patienten seien 23 bis 89 Jahre alt und mit Biontech geimpft, so eine PEI-Sprecherin. Die Myokarditis sei wenige Stunden bis vier Tage nach der Impfung aufgetreten. In allen Fällen würden noch weitere Informationen für die Bewertung ausstehen, sodass noch keine abschließende Bewertung dieser Einzelfallberichte vorgenommen werden kann.

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Berichte über 62 Fälle in Israel

In Israel hatten Berichte über Dutzende Corona-Geimpfte, die an einer Herzmuskelentzündung erkrankt sein sollen, für Aufregung gesorgt. Mehrere Medien hatten über eine Analyse berichtet, derzufolge 62 Fälle von Myokarditis aufgetreten seien, vor allem bei jungen Männern im Alter von 18 bis 30 Jahren. Davon seien zwei Patienten - ein Mann und eine Frau - gestorben. Das israelische Gesundheitsministerium hatte eine ungewöhnliche Häufung der Erkrankung für nicht erwiesen gehalten.

Der Ulmer Virologe und Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens, gab Entwarnung. Die mRNA-Impfstoffe hätten sich als außerordentlich sicher erwiesen, so Mertens im SWR-Interview. "Bisher ist es so, dass die gemeldeten Fälle nicht die Anzahl der Fälle überschreitet, die normalerweise in der Bevölkerung auftreten würden", so der Virologe.

Virologe Mertens: Nichts deutet auf Zusammenhang mit Biontech-Impfstoff hin

Die Myokarditis sei keine seltene Erkrankung und komme häufig nach vielen verschiedenen Virusinfektionen vor. Es deute nichts darauf hin, dass die aufgetreteten Fälle mit dem Impfstoff in Verbindung gebracht werden könnten. Vielmehr sei es wahrscheinlich, dass die meist jungen Menschen eine weitere Infektion gehabt haben, die nicht bemerkt worden sei, so Mertens weiter. Er erneuerte den Appell an die Bevölkerung, sich impfen zu lassen. Die Meldungen über die Herzmuskelentzündungen seien kein Gegenargument.

Zuvor hatte sich Mertens im ARD-Morgenmagazin ähnlich geäußert:

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EU-Arzneimittelbehörde prüft mRNA-Impfstoffe

Unterdessen haben die Experten der EU-Arzneimittelbehörde (EMA) eine Prüfung eingeleitet. Das hatte die Behörde am Donnerstag in Amsterdam mitgeteilt. "Zur Zeit gibt es keinen Hinweis, dass diese Fälle mit dem Impfstoff zusammenhängen", so die EMA. Myokarditis komme jedoch im Zusammenhang mit einer Covid-19 Erkrankung häufiger vor. Die EMA machte keinerlei Angaben über die Zahl der Fälle. Betroffen seien die sogenannten mRNA-Impfstoffe.

Myokarditis sei eine meist durch Viren ausgelöste Entzündung des Herzmuskels, die vor allem bei Männern unter 50 Jahren vorkomme, so der Münchner Kardiologe Bernhard Nagel gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Einen Zusammenhang mit einer mRNA-Impfung halte er primär für unwahrscheinlich. "Das Risiko einer Herzmuskelbeteiligung bei einer Covid-Infektion schätze ich als wesentlich größer und besorgniserregender ein", so Nagel. In den meisten Fällen werde eine Herzmuskelentzündung mit Medikamenten erfolgreich behandelt.

Biontech will Berichte prüfen - "keine Hinweise" auf gehäufte Fälle

Bioentech selbst will die Berichte über Fälle aus Israel prüfen, so Chef Ugur Sahin. Man habe "bis jetzt keinen Hinweis auf gehäufte Fälle dieser Herzmuskelentzündungen", so Sahin. Daten aus den USA oder Deutschland hätten bisher kein ungewöhnliches Auftreten gezeigt. Pfizer teilte mit, man sei über die Berichte in Israel informiert. "Wir haben keine Rate von Myokarditis beobachtet, die höher wäre, als man es in der allgemeinen Bevölkerung erwarten würde", hieß es in der Mitteilung.

Dem US-Seuchenzentrum CDC liegen ebenfalls keine Hinweise auf eine Verbindung zwischen Corona-Impfungen und einer Herzmuskelentzündung vor. Man habe bei den inzwischen mehr als 200 Millionen vorgenommenen Impfungen gezielt nach Anzeichen dafür gesucht, so CDC-Chefin Rochelle Walensky.

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