Aufarbeitung des Nationalsozialismus Rolle der Landesministerien in NS-Zeit wurde unterschätzt

Die Landesministerien in Baden und Württemberg spielten in der NS-Zeit eine wichtigere Rolle als bisher angenommen. Das zeigt ein Forschungsprojekt, das am Montag in Ludwigsburg vorgestellt wurde.

Wissenschaftler von fünf Universitäten in Baden-Württemberg haben die Geschichte der Landesministerien in der Zeit des Nationalsozialismus über Jahre erforscht. Die Ergebnisse präsentierten sie gemeinsam mit Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) im Staatsarchiv Ludwigsburg.

Das Projekt zeigt, dass die Landesministerien auch nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 sehr wohl Handlungsspielräume hatten, so die Forscher. Oftmals wurden diese jedoch sogar zur verschärften Umsetzung der Reichsdirektiven genutzt.

Badische Regierung (Foto: Pressestelle, Prof. Dr. Frank Engehausen / Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg)
Das Foto zeigt die "neue Badische Regierung" ab 1933: Innenminister Karl Pflaumer, Ministerpräsident und Finanzminister Walter Köhler, "Kultminister" Otto Wacker und Staatsrat Paul Schmitthenner. Pressestelle Prof. Dr. Frank Engehausen / Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg

"Teils skrupellose Mitwirkung" vieler Landesbediensteter

Zwar verloren die Länder 1934 ihre Justizministerien. Die übrigen Ressorts erhielten sich durch die Verwaltungszentralisierung dennoch beträchtliche politische Einflussmöglichkeiten und konnten teilweise sogar neue hinzugewinnen, so ein zentrales Forschungsergebnis. Wie das Projekt zeigt, konnte durch die "zurückhaltende, teils willfährige, teils skrupellose Mitwirkung" vieler Landesbediensteter an der NS-Herrschaftspraxis das "Dritte Reich" vor Ort erst durchgesetzt und ausgestaltet werden.

Wolfram Pyta von der Universität Stuttgart bei einer Pressekonferenz zur Forschungsarbeit zur Geschichte der Landesministerien in der Zeit des Nationalsozialismus (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Die Landesministerien hatten durchaus Spielraum, sagte Wolfram Pyta von der Universität Stuttgart dem SWR. Picture Alliance

Ein gutes Beispiel sei laut Wolfram Pyta, Historiker an der Universität Stuttgart, das württembergische Kultusministerium, das damals "Kultministerium" hieß. Christian Mergenthaler, damaliger "Kultminister", war zugleich auch württembergischer Ministerpräsident. "Württemberg zeichnete aus, dass man versuchte, einen weltanschaulichen Unterricht einzuführen", so Pyta. Man wollte den konkurrierenden Einfluss der beiden christlichen Kirchen in der Schule untergraben. Eine Voraussetzung dafür waren Lehrer, die "sich als Nationalsozialisten bewährt" hatten.

Bei der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wurden nur wenige Ministerialbeamte ausgetauscht, die meisten wandelten sich selbst aus opportunistischen Gründen in Werkzeuge der Diktatur um, so ein weiteres Ergebnis der Studie. "Die Selbstverständlichkeit und Mühelosigkeit, mit der sich das alltägliche Verwaltungshandeln an die herrschende Doktrin angepasst hat, gibt zu denken", so Wissenschaftsministerin Theresia Bauer in einer Mitteilung ihres Ministeriums. Auch die heutige Freiheit, Rechtstaatlichkeit und Demokratie seien fragile Güter, um die stets neu gerungen werden müsse.

Folgeprojekt: NS-Beamte nach 1945

In einem Folgeprojekt wird nun laut Ministerin Bauer die Diskriminierung der Opfer durch die öffentliche Verwaltung nach 1945 in Baden-Württemberg in den Blick genommen. Denn ein weiteres Ergebnis des Projekts ist, dass nach Kriegsende einer großen Zahl von NS-belasteten Ministerialbeamten die Rückkehr in den öffentlichen Dienst in Baden-Württemberg gelungen ist, was bundesweit damals der Normalfall war, so die Wissenschaftler.

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