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In Baden-Württemberg scheint der Andrang an den Coronavirus-Teststationen zurückzugehen. Das hat Folgen - obwohl die Delta-Variante auf dem Vormarsch ist.

Mehr Geimpfte, Lockerungen und sinkende Infektionszahlen - die Nachfrage nach kostenlosen Corona-Schnelltests in Baden-Württemberg geht zurück. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) werden in diesen Tagen viele Abstrichstellen geschlossen.

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So haben unter anderem die Zentrale Abklärungsstelle Covid-19 Karlsruhe, die Abstrichstelle Bad Säckingen (Landkreis Waldshut) und die Abstrichstelle Offenburg (Ortenaukreis) am Mittwoch dicht gemacht. Auch das Corona-Abstrichzentrum in Wernau (Kreis Esslingen) ist ab sofort geschlossen.

Testzentren werden geschlossen oder reduzieren die Öffnungszeiten

In Stuttgart soll am Donnerstag das Testzelt auf dem Schlossplatz abgebaut werden. Seit April wurden in dem großen weißen Zelt nach Angaben des Betreibers 98.500 Nasenabstriche gemacht. Hunderte Besucherinnen und Besucher seien jeden Tag durchgeschleust worden. Die Stadt Ludwigsburg verkürzt ab sofort die Öffnungszeiten der städtischen Schnellteststellen, die Teststelle auf der Bärenwiese öffnet nur noch nach Bedarf. In Singen (Kreis Konstanz) wird die Zahl der Corona-Testzentren ebenfalls reduziert. Laut Stadtverwaltung sind ab Montag nur noch zwei Testzentren geöffnet. Alle anderen Teststellen sowie die mobile Stadtbus-Teststation werden geschlossen.

Die Stadt Friedrichshafen schließt zum Ende der Woche die beiden städtischen Corona-Schnelltestzentren. Aufgrund der Lockerungen bei der Testpflicht seien die verbleibenden 17 Testzentren privater Anbieter ausreichend, so die Stadt. In Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis) hat man sich dazu entschlossen, die Teststation auf dem Marktplatz weiter zu betreiben. Aus Freiburg heißt es, dass sich täglich ein bis zwei Teststellen melden, die den Betrieb einstellen wollen.

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Wie stark die Nachfrage nach den Tests landesweit sinkt, lässt sich nach Angaben des Sozialministeriums nicht beziffern. Insgesamt seien rund 7.700 Stellen bei der Kassenärztlichen Vereinigung registriert. Wann sie nicht mehr benötigt werden, sei aktuell nicht absehbar.

Rückgang auch wegen neuer Corona-Verordnung

Eine Rolle dürfte dabei auch die neue Corona-Verordnung des Landes spielen: Wenn die Zahl der Ansteckungen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche unter 35 liegt, entfällt der sogenannte 3G-Nachweis für Genesene, Geimpfte oder Getestete unter anderem in der Gastronomie. Der Kaffee im Café kann also spontan und ohne Test getrunken werden. Zuletzt lagen alle 44 Land- und Stadtkreise in Baden-Württemberg bei der Sieben-Tage-Inzidenz unter der Schwelle von 35.

Lucha: Tests sind wichtiger Bestandteil in der Öffnungsstrategie

Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) hält die Schnelltests weiter für notwendig. "Noch befinden wir uns mitten in der Pandemie. Wir setzen deshalb darauf, dass der Bund die Bürgertests noch so lange finanziert, wie wir sie brauchen", sagte Lucha der Deutschen Presse-Agentur. Die Tests seien ein wichtiger Baustein in der Öffnungsstrategie des Landes.

Das Ministerium rechne mit einer natürlichen Marktregulierung. Grund: Die Nachfrage nach den Tests gehe zurück und die neue Testverordnung des Bundes bedeute weniger Geld für die Teststellen. Bisher lagen die Vergütungen für Test und Sachkosten bei bis zu 18 Euro pro Test. Wegen der gesunkenen Kosten für die Testsets zahlt der Bund nun weniger: Für Sachkosten sollen ab 1. Juli pauschal 3,50 Euro gezahlt werden, für die Abnahme der Tests gibt es höchstens 8 Euro.

Neue Regelungen für Betreiber

Für die Betreiber gibt es eine weitere Hürde: Wer bislang Corona-Tests anbieten wollte, musste das beim Gesundheitsamt melden und bestimmte Hygieneauflagen einhalten. Wenn das Amt dem Antrag nicht widersprach, konnten Betreiber Tests anbieten und abrechnen. Ab dem 20. Juli müssen Teststellen, die keine Arztpraxen, Apotheken, medizinische Labore oder Hilfsorganisationen sind, die Zulassung neu beantragen und direkt von den Gesundheitsämtern den Auftrag erhalten. Wegen der strengeren Zulassungskriterien rechnet das Ministerium damit, dass nicht alle Teststellen einen solchen Antrag beim Gesundheitsamt stellen.

"Auch bei den aktuell niedrigen Infektionszahlen werden vor allem mit Blick auf die Reiserückkehrer im Sommer und die sich ausbreitende Delta-Variante Testkapazitäten weiter benötigt", sagte ein Ministeriumssprecher.

Kretschmann warnt vor Delta-Variante

Zuvor hatte auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) vor möglichen Folgen der derzeitigen Lockerungen und Entwicklungen gewarnt. Er mache sich große Sorgen, dass sich die Delta-Variante weiter unaufhaltsam ausbreite, so der Grünen-Politiker am Dienstag.

Mit Blick auf die feiernden Fußball-Fans in den Stadien sei das seiner Ansicht nach möglich. "Wenn ich diese Bilder sehe, ist mir da ganz mulmig", hatte Kretschmann gesagt. Auch einen weiteren Lockdown hatte er nicht ausgeschlossen.

Nach einer aktuellen Schätzung des Robert-Koch-Instituts (RKI) dürfte mindestens jede zweite Corona-Ansteckung in der laufenden Woche auf die Delta-Variante zurückgehen. Es sei damit zu rechnen, dass die in Indien entdeckte Mutante derzeit "mindestens die Hälfte aller Neuinfektionen ausmacht", so das RKI in einem Bericht vom Mittwochabend.

Der Anteil von Delta an einer Stichprobe aus dem Zeitraum 14. bis 20. Juni wird darin mit rund 37 Prozent beziffert. Das ist mehr als doppelt so viel wie in der Woche zuvor, als es noch 17 Prozent waren. Auch in Baden-Württemberg steigt der Anteil der Delta-Variante an den Infektionsfällen laut Landesgesundheitsamt weiter an.

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