Die Morgensonne erstrahlt bei Fronreute (Kreis Ravensburg) die Vegetation des Häcklerweihers. Der Häcklerweiher ist einer der Seen der Blitzenreuter Seenplatte. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Felix Kästle/dpa | Felix Kästle)

Nutzung muss neu gedacht werden

BW: Warum der Zustand der vielen Moorlandschaften Anlass zur Sorge gibt

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Etwa ein Prozent der Flächen Baden-Württembergs sind Moorflächen. Davon sind lediglich noch fünf Prozent in einem naturnahen Zustand. Das hat drastische Folgen für Natur und Klima.

Baden-Württemberg weist landesweit circa 38.000 Hektar Moorflächen in Hoch- und Niedermooren auf. Davon sind lediglich 1.900 Hektar noch intakt. Rund 95 Prozent der einstigen Moorflächen sind mittlerweile trockengelegt und zu Acker- und Weidefläche umfunktioniert. Die meisten Moorflächen gibt es nördlich des Bodensees im voralpinen Hügel-/Moorland, dann im Donau-Iller-Lech-Gebiet, aber auch am Oberrhein sowie im Schwarzwald sind vereinzelt Moore anzutreffen.

Was passiert, wenn ein Moor trockengelegt wird?

Für die Entstehung von Mooren sind sogenannte Torfmoose von entscheidender Bedeutung. Torfmoose sind Pflanzen, die in einem gut gewässerten Moor nur unvollständig verrotten. Das Wasser konserviert sie. Schwindet das Wasser, zerfallen die Reste der Pflanzen. Hierbei werden unglaubliche Massen an Kohlenstoffdioxid freigesetzt, die in den Pflanzen gebunden sind. 6,7 Prozent der menschengemachten Emissionen gingen auf die Moor-Trockenlegung zurück, sagt Hans Joosten, Professor für Moorkunde an der Universität Greifswald. Das ist fast so viel, wie wenn man alle Industrieprozesse in Deutschland zusammengenommen betrachetet.

Trockenlegung ist menschengemacht

Entwässerungsgräben und Pumpen haben aus den Feuchtgebieten schon seit Friedrich dem Großen Ackerland und Weiden gemacht. In Baden-Württemberg stünden viele Weidekühe - im Allgäu aber vor allem auch in der norddeutschen Tiefebene - auf sterbendem Moorboden. Für Joosten eine Kombination, die den Klimaschaden potenziert: Zum Kohlenstoffdioxid aus den Moorböden kommt hier das ebenfalls klimawirksame Methan der Wiederkäuer hinzu. Seine Bilanz:

"In einem Liter Milch von Kühen, die auf Moorböden weiden, steckt so viel Kohlenstoffdioxid wie in 2,4 Liter Benzin."

Moorlandschaft als Hoffnungsträger im Kampf gegen den Klimawandel

Anderswo ist die Zerstörung weit weniger gravierend. Weltweit gesehen sind noch 80 Prozent der Moore intakt. Das ist deshalb ein Glück, weil sie doppelt so viel Kohlenstoffdioxid wie alle Wälder der Welt zusammen speichern. Das Problem kann man nur auf eine einzige Art und Weise lösen, macht der Moorforscher deutlich: "Man muss diese Moore wieder vernässen." Anders ließen sich die Ziele des Pariser Klimaabkommens nicht erreichen. Technisch gesehen ist das keine Herausforderung, sagt Joosten: "Entwässern ist eine Aktivität. Man muss einfach aufhören damit. Wenn man die Pumpen abstellt, die diese Flächen trockenpumpen, dann wird das von selbst innerhalb kürzester Zeit wieder nass." Anderen Orts genüge es, die Entwässerungsgräben zuzuschütten.

Moorschutzkonzepte als Tropfen auf dem heißen Stein

In Baden-Württemberg gibt es seit 2014 ein Moorschutzkonzept. In den vergangenen Jahren ist jeweils gut eine Million Euro in diesem Bereich eingesetzt worden. Damit konnten einige 100 Hektar gesichert oder auch wiederhergestellt werden. Von 2013 bis 2017 haben die Daimler AG und der NABU Baden-Württemberg gemeinsam das Projekt "Moore mit Stern" durchgeführt. Dabei konnten alte Entwässerungsgräben am Hinterzartener Moor und an der Bodenmöser im Allgäu gesperrt werden. Doch das seien eher Tropfen auf dem heißen Stein.

Drastische Folgen für den Hochwasserschutz

In den Niederlanden - wo Joosten herstammt - werden unzählige Pumpen mittels Windmühlen getrieben, die das Land entwässern. Neben dem Klima gefährde dies vor allem den Hochwasserschutz. Wenn das Moor leergepumpt wird, sinke der Boden um ein bis zwei Centimeter im Jahr ab. In Gebieten, in denen das seit Jahrhunderten geschieht, liege das Land dann großflächig unter dem Meeresspiegel. "Wir laden das Meer ein, das Moor zu fluten!", beschreibt Joosten die Lage. Dagegen helfe dann nur ein immer aufwendigerer Küstenschutz.

Anderweitige Nutzung der Flächen erfordert Umdenken

Was ist mit den vielen Äcker und Weiden auf Moorgrund, auf denen Bauern heutzutage ihr Geld verdienen? Joosten untersucht auch, wie man diese Flächen nach der Vernässung weiter nutzen kann. Das Stichwort heißt Paludi-Kultur, die land- und forstwirtschaftliche Nutzung nasser Hoch- und Niedermoore: Schilf für traditionelle Reetdächer, Erlen für Holz-Pelletheizungen oder auch Rohrkolben, eine Sumpfpflanze, die zu leichten, stabilen und gut isolierenden Bau-Platten verarbeitet werden kann. Auch gibt es in Deutschland bereits tausende von Wasserbüffeln, die auf Moorflächen grasen. Sie können Fleisch und Milch geben.

Doch ohne Beihilfen sei das alles kein Selbstläufer. Erst wenn die Bauern für den Klimaschutz bezahlt würden, gehe die Rechnung auf, sagt Joosten. Rund 2.000 Euro je Hektar und Jahr wäre das wert, legt man den aktuellen Börsenpreis für eine Tonne Kohlenstoffdioxid zugrunde - genug, um die Bauern zum Umdenken zu bewegen.

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