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Die Corona-Epidemie hat sich seit ihrem Beginn vor gut einem Jahr verändert. Nicht nur das Virus selbst hat eine neue Gestalt angenommen, auch die Betroffenen sind andere als noch vor einem Jahr.

Jan Steffen Jürgensen, Medizinischer Vorstand und Vorstandsvorsitzender des Stuttgarter Klinikums, kann das bestätigen. Im SWR-Interview sagte er, in Baden-Württemberg seien zu Beginn der Pandemie eher besser situierte Menschen mit dem Virus infiziert gewesen, etwa nach einer Urlaubsreise. Inzwischen seien Patientinnen und Patienten mit schwächerem sozialem Status im Vergleich stärker betroffen.

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Immer mehr Migrantinnen und Migranten erkranken

Unter den Corona-Patienten gibt es laut Jürgensen inzwischen auch viele Migrantinnen und Migranten. Der Klinikleiter schätzt ihren Anteil an den Covid-19-Patienten in seinem Haus auf etwa 60 Prozent. Zahlen, die sich so auch in anderen Einrichtungen in Baden-Württemberg widerspiegelten.

Ungleiche Gesellschaft, ungleiche Gesundheit

Daraus, betonte Jürgensen, lasse sich nichts über die Herkunft der Betroffenen ableiten, aber darüber, wie hoch ihr generelles Risiko sei, zu erkranken - wie groß die Ungleichheit in der Gesellschaft sei. Das Robert-Koch-Institut bestätigt diese Aussage. In einer aktuellen Studie heißt es zum Beispiel: "Der Einfluss des sozialen Status auf die Gesundheit und Lebenserwartung wird durch epidemiologische Studien regelmäßig bestätigt. Menschen mit niedrigem Sozialstatus sind vermehrt von chronischen Krankheiten, psychosomatischen Beschwerden, Unfallverletzungen sowie Behinderungen betroffen."

Migranten insgesamt stärker von Armut bedroht

Zahlen des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg belegen ein erhöhtes Armutsrisiko für Menschen mit Migrationshintergrund. Demnach sind Migranten im Land zu beinahe einem Viertel von Armut bedroht (24,6 Prozent), wohingegen Personen ohne einen Migrationshintergrund nur eine Gefährdungsquote von 11 Prozent aufwiesen. Für Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit liege die Gefahr, von Armut betroffen zu sein, sogar bei fast einem Drittel (30,9 Prozent). Mit deutscher Staatsangehörigkeit liege sie bei etwas über einem Achtel (12,7 Prozent).

Medizinethiker: Lebensbedingungen sind Risikofaktoren

Der Medizinethiker Michael Knipper von der Universität Gießen kennt das Problem. Auch er macht sozioökonomische Faktoren mit für das Risiko verantwortlich, an Covid-19 zu erkranken, und erklärte im Interview mit dem SWR: "Es gibt Quartiere, in denen Menschen in großen Gebäuden auf engem Raum leben. Die können sich kaum aus dem Weg gehen. Wie soll man da die Maßnahmen umsetzen?" Man brauche sich also nicht zu wundern, wenn die Menschen gar nicht auf die Pandemie reagieren könnten, nicht anders leben könnten.

So berichtete das ARD-Magazin "Monitor" im Januar 2021 über die soziale Spaltung durch das Coronavirus:

Knipper: Nicht aus falscher Vorsicht wegschauen

Knipper erkennt dabei ebenfalls ein besonderes Erkrankungsrisiko für Migranten und warnt vor dem Wegschauen, etwa um dem Vorwurf von Rassismus zu entgehen: "Eine rassistische Deutung im Sinne von 'das ist typisch für Migranten, da sind sie selbst schuld' ist natürlich erstens unsinnig und zweitens bösartig", so Knipper. "Aber man muss genau schauen 'wer wird eigentlich krank durch Covid-19?' und da kann man sehen, dass in gewissen migrantischen Communities oder Lebenszusammenhängen das Risiko einfach höher ist. Das ist nicht nur in Deutschland so, sondern international."

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Experte: Gesundheitsmanagement muss besser werden

Knipper sieht darum einen dringenden Verbesserungsbedarf beim Krisen- und Gesundheitsmanagement in Deutschland. Wichtig sei es, die Lebensbedingungen aller Betroffenen zu analysieren und zu verbessern, aber auch auf betroffene Menschen und Gemeinschaften zuzugehen: "Es reicht nicht allein, mehrsprachige Flyer ins Internet zu stellen, sondern man muss tatsächlich mit den Menschen und mit den Communities ins Gespräch kommen", erklärte Knipper. Dringend notwendig sei also eine gemeindebasierte Gesundheitsversorgung, im englischen Sprachraum "Community Health Management" genannt. Doch das sei in Deutschland viel zu wenig bekannt und viel zu wenig beachtet.

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