Ein Schachbrettfalter sitzt auf einer Klee-Blüte.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow)

15 Prozent der Landesfläche als Biotope?

Schmetterlinge und Käfer sollen in BW mehr Lebensraum bekommen

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Eine Untersuchung zeigt: Falter und Käfer haben in Baden-Württemberg zu wenig Lebensraum. Umweltministerin Walker will deshalb mehr Biotope anlegen lassen.

Der Schutz von Biotopen und Biolandwirtschaft kann sich deutlich positiv auf die Insektenpopulation auswirken. Das hat eine systematische Beobachtung von Schmetterlingen und Laufkäfern in Baden-Württemberg durch die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) ergeben.

Weniger Pestizide - mehr Insekten

Für das Insekten-Monitoring hat die Landesanstalt unterschiedlich bewirtschaftete Flächen untersucht - vom Acker, über Grünland bis zum geschützten Biotop. Regelmäßige Stichproben zeigen jetzt, dass für bestäubende Schmetterlinge wie den Tagfalter hochwertige Lebensräume in der Landschaft von zentraler Bedeutung sind. Also Flächen, auf denen weder Pestizide eingebracht, noch regelmäßig gemäht wird. Noch wesentlicher ist das für den schädlingsbekämpfenden Laufkäfer, der als Fußgänger auch auf intakte Böden angewiesen ist.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zeigten sich überrascht, wie viel Positives hier schon wenige ökologisch bewirtschaftete Ackerflächen erreichen können. Die baden-württembergische Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) schlussfolgert daraus unter anderem, Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft weiter zu reduzieren.

Mehr Landesfläche soll Biotop werden

Umweltministerin Walker hält auch weitere Maßnahmen für notwendig, um für mehr Lebensraum für Schmetterlinge und Käfer zu sorgen. So soll die Zusammenarbeit mit den Betrieben, die ökologische Landwirtschaft ausgeweitet und der Verkauf von Bio-Produkten gefördert werden. Die Grünen-Politikerin hält es für denkbar, dass sich auf etwa 15 Prozent der Landesfläche Biotope aneinanderreihen. "Der Biotop-Verbund ist wichtig für seltene Schmetterlinge", sagte sie am Freitag bei der Vorstellung des Insektenmonitorings in Karlsruhe.

Zwei Blutströpfchen sind im Anflug auf eine Blüte. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Franz-Peter Tschauner)
Diese Schmetterlingsart, die Widderchen, werden in Baden-Württemberg weniger gesichert. picture alliance/dpa | Franz-Peter Tschauner

LUBW: Insektenvielfalt in BW nimmt ab

Für LUBW-Präsident Ulrich Maurer ist die Gruppe der Tagfalter und Widderchen ein guter Indikator für hochwertige Lebensräume. "Unsere Untersuchungen zeigen: Bereits ein Anteil von 10 bis 20 Prozent gesetzlich geschützter Biotope in der normalen Kulturlandschaft des Offenlandes erhält unsere typischen tagaktiven Schmetterlinge".

Bereits vor sieben Jahren machte die "Krefeldstudie" auf einen Rückgang der Insektenbiomasse von bis zu 75 Prozent aufmerksam. Die LUBW geht auch in Baden-Württemberg von einem deutlichen Rückgang der Insektenvielfalt in den vergangenen Jahrzehnten aus. Während das Große Ochsenauge und der Schachbrettfalter noch relativ weit verbreitet seien, würden Falter wie Berghexe oder Widderchen seltener gesichtet.

BUND: Zeit mit Insekten-Monitoring verschwendet

Aus Sicht des Umweltverbandes BUND ist dieses Monitoring wichtig, weil Insekten in der Natur essenzielle Aufgaben wie das Bestäuben oder den Erhalt von fruchtbarem Boden übernehmen. Trotzdem hat Landesgeschäftsführer Martin Bachhofer auch ein klares "Aber" parat: "Um dem rasanten Artensterben Herr zu werden, hätte man die letzten fünf Jahre besser nutzen können, statt Altbekanntes durch Daten zu bestätigen." Umso wichtiger sei es nun, den Erkenntnissen schnellstmöglich Taten folgen zu lassen.

Bachhofer forderte eine konsequente Umsetzung des Biodiversitätsstärkungsgesetzes. Dazu gehörten auch Maßnahmen, um den Anteil ökologisch bewirtschafteter Flächen auf 30 bis 40 Prozent bis 2030 zu erhöhen und den Einsatz von Pestiziden bis 2030 um 40 bis 50 Prozent zu reduzieren.

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Für das Insekten-Monitoring wurden seit 2018 in 6.100 Proben rund 342.000 Insekten an 201 Standorten erfasst, darunter Acker- und Grünflächen sowie Naturschutzgebiete.

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