In der Landeserstaufnahmestelle (LEA) für Flüchtlinge in Karlsruhe (Baden-Württemberg) warten am 08.10.2014 Flüchtlinge auf ihre Registrierung. Im Hintergrund ist ein Papier an der Wand angebracht, auf dem das Wort "Asyl" steht.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Uli Deck / Archivbild)

Migration in Zeiten der Pandemie

Corona stellt Erstaufnahmestellen vor Platzprobleme - Flüchtlingszahlen verdoppeln sich

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50 Menschen pro Tag - so viele Flüchtlinge kamen zuletzt in Baden-Württemberg an. Aber problematisch ist nicht die Anzahl, sondern der gering verfügbare Platz in den Unterkünften.

Die Kombination aus Pandemie und deutlicher Zugangssteigerung hat die Erstaufnahme in diesem Jahr laut Justizministerin Marion Gentges (CDU) bis an die Belastungsgrenzen gebracht. "Insbesondere in der zweiten Jahreshälfte sind die Zugangszahlen in den Erstaufnahmeeinrichtungen, auch verursacht durch die Ereignisse in Belarus und Afghanistan, spürbar angestiegen", zitiert die Deutsche Presse-Agentur (DPA) die Justizministerin.

Zu wenig Platz wegen andauernder Corona-Pandemie

Nicht zuletzt wegen der Corona-Pandemie sind in den Unterkünften weniger Plätze vorhanden, da die Neuankömmlinge räumlich erst mal getrennt werden müssen. Die vorhandenen Kapazitäten können laut Ministerium zur allgemeinen Kontaktreduzierung und zur Einhaltung von Mindestabständen nur mit deutlich weniger Personen als üblich belegt werden.

Der Politikwissenschaftler Seán McGinley vom Flüchtlingsrat Baden-Württemberg erklärt sich den deutlichen Anstieg im vergangenen Jahr vor allem damit, dass 2020 für einen Großteil des Jahres die Reisemöglichkeiten wegen der Corona-Pandemie sehr stark eingeschränkt gewesen seien. Dennoch seien immer mehr Menschen weltweit auf der Flucht. Zwei Drittel befänden sich in wesentlich ärmeren Ländern als in den europäischen. McGinley sieht auch die Probleme der Überbelegung im Land. Eine Massenunterbringung sei in der Pandemie nicht vertretbar, so der Politikwissenschaftler gegenüber der DPA.

Wohncontainer als Behelfsunterkünfte in Landeserstaufnahmeeinrichtung

Durch die Aufstellung von Wohncontainern habe man im vergangenen Jahr 900 zusätzliche Plätze schaffen können, von denen 760 Plätze vorübergehend und 140 dauerhaft zur Verfügung stünden, sagte Migrationsstaatssekretär Siegfried Lorek (CDU) der DPA. Weitere Maßnahmen seien in Planung, um die Lage zu entspannen, beispielsweise der Bau weiterer Containerhäuser in der Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA) Freiburg mit rund 240 Plätzen in der ersten Jahreshälfte oder die Sanierung einer Einrichtung in Mannheim.

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Zuletzt kamen laut Ministerium 50 Geflohene pro Tag in Baden-Württemberg an. In der zweiten Jahreshälfte sei die Zahl der Asylsuchenden, die nach der Registrierung in Baden-Württemberg geblieben sind, mit 10.465 Menschen mehr als doppelt so hoch gewesen wie im ersten Halbjahr - da waren es 5.005 Menschen. Durch geringere Zahlen im Dezember habe sich die Lage inzwischen etwas entspannt.

Die meisten Erstantragsteller kamen aus Syrien, nämlich 4.628 Flüchtlinge. 1.780 kamen aus dem Irak, 1.758 aus Afghanistan und 1.451 aus der Türkei. Zu den fünf zugangsstärksten Herkunftsländern gehört neuerdings auch die Republik Nordmazedonien. Von dort stellten 2021 insgesamt 891 Personen einen Asylerstantrag in Baden-Württemberg.

Deutlich weniger Zuwanderung als während der sogenannten Flüchtlingskrise

Nach Baden-Württemberg kamen im vergangenen Jahr 18.356 Migrantinnen und Migranten. Nach dem Verteilschlüssel des Bundes seien 15.470 für ihr Asylverfahren im Land geblieben, teilte das Justizministerium mit. Die Zahl derjenigen Menschen, die hier ankamen, war höher als in den vergangenen beiden Jahren, aber deutlich unter den Zahlen von 2015 bis 2017, als zeitweise Zehntausende Flüchtlinge im Monat nach Deutschland kamen.

Im Jahr 2015, auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise, kamen mehr als 185.000 Menschen als Flüchtlinge nach Baden-Württemberg. Viele sind nicht im Land geblieben.

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