Eine Schülerpraktikantin aus der zehnten Klasse deckt in einem Hotel mit einer Restaurantfachfrau einen Tisch ein.

Land stellt Pläne vor

Nach Corona-Pause: BW will Praktika für Schülerinnen und Schüler fördern

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Praktikum während der Pandemie? Da war für Schülerinnen und Schüler in den vergangenen zwei Jahren nicht viel geboten. Das Land will Berufsorientierungen fördern. Gewerkschaften sind skeptisch.

Wer nach der Schule eine Ausbildung, ein Studium oder Soziales Jahr beginnen will, weiß oft nicht genau, was ihn erwartet. Deshalb ist es wichtig, dass junge Leute schon während ihrer Schulzeit in Betriebe und Hochschulen reinschnuppern können. Doch diese berufliche Orientierung ist in den vergangenen zwei Jahren der Corona-Pandemie häufig zu kurz gekommen.

"Derzeit keine Schülerpraktika", so hieß es wegen Corona noch Anfang des Jahres bei vielen Firmen in Baden-Württemberg. Aber es gab Ausnahmen - zum Beispiel das Mehrgenerationenhaus in Langenau (Alb-Donau-Kreis) - wie der Beitrag vom 27. Januar 2022 zeigt:

Landesregierung stellt Plan vor

Nun will die grün-schwarze Landesregierung das wieder stärker anschieben und die Werbetrommel für die verschiedenen Angebote rühren. Am Dienstag stellten Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Kultusministerin Theresa Schopper (beide Grüne) und Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) die Pläne für eine Stärkung der beruflichen Orientierung vor.

"Die Chancen für Jugendliche in Baden-Württemberg sind über fast alle Branchen hinweg so gut wie nie zuvor."

Wer schon weiß, in welche Richtung er bei der Berufsausbildung gehen will, der hat momentan sehr gute Möglichkeiten. Die Bewerberzahlen bei Berufsausbildungen seien rückläufig, so eine Sprecherin des Wirtschaftsminiteriums. Diese Situation habe sich wegen der ausgefallenen Maßnahmen zur beruflichen Orientierung während der Corona-Pandemie noch verstärkt. "Auf 100 offene Ausbildungsstellen kommen aktuell nur 50 suchende Bewerberinnen und Bewerber."

Fachkräftemangel: Das "Top-Thema"

Bei einer Pressekonferenz am Dienstag betonte Kretschmann den Fachkräftemangel. Er stelle viele Institutionen in Baden-Württemberg vor eine große Herausforderung. Es entwickele sich zum "Top-Thema". Man wolle Baden-Württemberg für qualifizierte Fachkräfte bekannter und attraktiver machen und auch die berufliche Ausbildung weiter stärken. "Gerade die Corona-Pandemie hat bei vielen Schülerinnen und Schülern den Eindruck hinterlassen, dass ihre Chancen auf dem Ausbildungsmarkt schwierig seien. Es gab weniger Praktikumsplätze und die Berufsorientierung konnte nur eingeschränkt stattfinden. Da ging eine allgemeine Zukunftsangst umher", so der Ministerpräsident.

In Wahrheit sei es jedoch genau umgekehrt: "Die Aussichten auf dem Ausbildungsmarkt sind so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr." Kretschmann nannte auch die Maßnahmen, mit denen das Land den Bedarf an gut aus- und weitergebildeten Fachkräften für den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg sichern möchte: Dazu gehören unter anderem die Fachkräfteallianz, die elf Welcome-Center in ganz Baden-Württemberg und auch die Ressort-übergreifende Weiterbildungsoffensive. "Wir stärken die berufliche Orientierung und setzen alles daran, dass jeder einen passenden Berufsweg findet und ihn auch einschlagen kann."

Schuljahresende: Zeit für die Berufsorientierung

Einer Umfrage zufolge gaben 63 Prozent der jungen Menschen an, dass sie die berufliche Orientierung nicht so durchführen konnten, wie vor der Pandemie, erklärte Schopper. "Wir haben uns im letzten Herbst schon vorgenommen, dass wir zum Ende des Schuljahres hin bei der Berufsorientierung noch mal einen Zahn zulegen wollen, um da Möglichkeiten entsprechend zu schaffen." Als Beispiel nennt die Kultusministerin Ausbildungsbotschafterinnen und -botschafter sowie Studienbotschafterinnen und -botschafter, die über die Berufe berichten. "So soll der Kontakt zwischen den Schulen und Berufsberatungen mehr gepflegt werden und auch die Netzwerke deutlich mehr gestärkt werden."

Auch sogenannte Koordinationsboxen, durch die man an konkreten Projekten schon mal deutlich machen kann, was in dem Beruf denn zum Tragen komme, seien ins Leben gerufen worden, sagte Schopper. "Wir machen auch eine Auftaktwoche der beruflichen Orientierung. Die ist jetzt vom 4. bis zum 8. Juli. Wir wollten zum Ende des Schuljahres den Scheinwerfer auf die berufliche Orientierung richten, weil wir wissen, dass Fachkräfte in allen Bereichen massiv nachgefragt werden."

Wirtschaftsministerin wirbt für Initiativen

"Die Unternehmen suchen händeringend nach Auszubildenden. Daher wollen wir Anfang Juli mit dieser Aktion durchstarten, um junge Menschen zu gewinnen aber auch natürlich die Eltern zu gewinnen", erklärte auch Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut. So seien die Praktikumswochen Baden-Württemberg mit dem Ausbildungsbündnis als Partner auf den Weg gebracht worden.

"Es ist eine Plattform. Dort können sich Schülerinnen und Schüler mit ihren Profilen eintragen. Unternehmen bieten dann Praktikumstage an. Das Motto ist fünf Tage, fünf Betriebe. Diese Tagespraktika und der erleichterte Zugang durch die Plattform sind jetzt ein wichtiger Schritt", so die Ministerin. Während Pfingsten seien 650 Tagespraktika vermittelt worden, betont sie. "Wir haben jetzt rund 3.000 Unternehmen, die Praktikumstage anbieten und können jetzt auf 160.000 Praktikumstage verweisen."

Bildungsgewerkschaft GEW fordert eine Ausbildungsplatzgarantie

In Baden-Württemberg habe es im Jahr 2022 knapp 25.000 Arbeitslose unter 25 Jahren und etwa 27.000 Schulabgänger gegeben, die im Ausbildungsjahr 2021/22 keinen Ausbildungsplatz bekommen haben, kritisierte Monika Stein, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am Dienstag in Leipzig. "Wir erwarten, dass die Landesregierung endlich die DGB-Initiative für eine Ausbildungsgarantie aufgreift. Kein junger Mensch darf verloren gehen", so Stein.

Die GEW weist auch darauf hin, dass für eine gute Berufsorientierung alle Schularten mehr Zeit brauchen. "So lange die Landesregierung dem Lehrkräftemangel hilflos zuschaut und Schulleitungen nicht weiter entlastet werden, kann auch die wichtige Berufsorientierung oft nur nebenher laufen. Es könnte für die Schülerinnen und Schüler viel mehr erreicht werden, wenn Lehrkräfte entlastet werden. Auch weitere Stellen für die Schulsozialarbeit haben eine große Bedeutung bei der Berufsorientierung", sagte Stein.

"Berufliche Orientierung löst Probleme auf dem Ausbildungsmarkt nicht"

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordert eine Ausbildunsgarantie für alle ausbildungsinteressierten Jugendlichen und äußert Zweifel an den Plänen der Landesregierung. "Mit Praktika und Ausbildungsmessen alleine lassen sich die Probleme auf dem Ausbildungsmarkt nicht lösen. Die Landesregierung springt zu kurz, wenn sie lediglich auf ein Sammelsurium von Einzelmaßnahmen setzt. Es braucht die Ausbildungsgarantie, damit alle interessierten Jugendlichen wohnortnah eine realistische Chance haben, ihren Wunschberuf ergreifen zu können", sagte DGB-Landesvorsitzende Kai Burmeister.

Mehr niederschwellige und praxisbezogene Angebote seien nach den Lockdowns dringend nötig, so Burmeister. Mehr Arbeitswelt in die Schulen zu bringen sei wichtiger denn je. "Zu einem umfassenden Informationsangebot gehören selbstverständlich auch Arbeitnehmerrechte. Den Schülerinnen und Schülern muss ausreichend Wissen über Tarifbindung, Mitbestimmung, Arbeitsverträge und Arbeitszeitregelungen vermittelt werden."

Bildungswende gefordert

Es brauche dringend eine neue Herangehensweise an die Berufsorientierung in Schulen - eine echte Bildungswende, sagte Rainer Reichhold vom Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT). "Die Praktikumswoche, in deren Rahmen auch das Handwerk vielfältige Angebote macht oder Info-Veranstaltungen sind gute Ansätze. Aber das wird nicht ausreichen", kritisierte er.

Es brauche verbindliche Praktika in dualen Ausbildungsberufen, und zwar für Schülerinnen und Schüler aller Schulformen, auch der gymnasialen Oberstufe, so Reichhold. "Junge Menschen müssen die Vielfalt des Handwerks und den hohen Stellenwert handwerklicher Arbeit erleben können, um es für sich zu bewerten. Nur so können sie eine fundierte Entscheidung für die eigene berufliche Zukunft treffen."

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SWR