Impfung (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Paul Zinken)

Angst vor Impfung größer als vor dem Virus

Corona: Impfskeptiker und das gefährliche Warten auf den Totimpfstoff

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Es gibt Menschen, die mehr Angst davor haben, sich mit mRNA- und Vektor-Impfstoffen impfen zu lassen, als an Covid-19 zu erkranken. Welche Gründe haben sie?

Sonja Rothfelder wartet auf einen Totimpfstoff. Das Vakzin von Novavax soll Mitte Februar kommen, vielleicht noch in diesem Quartal das von Valneva - und vielleicht noch ein weiteres von der US-Armee: Für manche Impfskeptikerinnen und Impfskeptiker sind sie der Ausweg - für Menschen, die sich weder mit mRNA- noch mit Vektorimpfstoffen impfen lassen wollen, weil sie Angst haben. Wovor genau - das ist sehr unterschiedlich. Sonja Rothfelder aus Baden-Württemberg hat mit dem SWR über ihre Gründe gesprochen.

Ungeimpfte tauschen sich über ihre Ängste in Facebookgruppen aus

In Baden-Württemberg leben gut 11 Millionen Menschen. Rund 6,18 Millionen von ihnen sind zwischen 18 und 59 Jahre alt. In dieser Bevölkerungsgruppe sind laut Robert Koch-Institut (RKI) etwa 80 Prozent geimpft, 1,24 Millionen haben sich bislang nicht impfen lassen. Fest steht: Sonja Rothfelder ist eine von ihnen. Dabei gehört die 46-Jährige zu denjenigen, die eine Impfung mehr als eine Corona-Infektion fürchten, die lieber das Risiko eingehen, sich zu infizieren, einen schweren Covid-Verlauf zu haben. Sie gehört zur Gruppe der Impfskeptiker, die keine kategorischen Impfgegnerinnen, Wissenschaftsfeinde, Corona-Leugnerinnen oder Verschwörungsideologen sind.

Sonja Rothfelder ist Mitglied in einer Facebook-Gruppe, wo Gleichgesinnte die neuesten Artikel und persönliche Geschichten miteinander teilen. Einer stellt ein Bild in die Gruppe, erzählt von sich und seinem Sohn - beide haben aufgrund von Erkrankungen und Unverträglichkeiten die ärztliche Bestätigung, sich nicht impfen lassen zu können. Andere klagen über die Einschränkungen ihres Lebens als Ungeimpfte, vergleichen die Titer-Werte in ihrem Blutbild, um festzustellen, wie gut sie nach ihrer Corona-Infektion noch geschützt sind oder spenden sich Trost, wenn beispielsweise das RKI wie kürzlich ihren Genesenstatus auf 90 Tage verkürzt.

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Und sie fragen sich, ob Novavax nun ein Totimpfstoff sei, oder wieder auf der mRNA-Methode basiere. Viele wollen wegen ihrer Zweifel auf das Vakzin von Valneva warten. Nur: Wann kommt das? "Irgendwann kann ich nimma...", schreibt ein Gruppenmitglied aus Österreich. Sie fürchte sich vor Covid, sei zuhause eingesperrt, wolle endlich eine Lösung, "über die ich mich drüber traue". Immer mal wieder taucht jemand auf, der die Pandemie leugnet oder Verschwörungserzählungen spinnt, doch es dauert nicht lange, bis der Störenfried aus der Gruppe fliegt. "Querdenken hat auch irgendwo seine Grenzen, wir möchten nicht, dass hier Werbung für illegale Mittel und Wege gemacht wird", schreibt einer der Gründer dieser Gruppe.

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Novavax ist für Rothfelder keine Option - sie bleibt weiter ungeimpft

Für Sonja Rothfelder ist auch Novavax kein Thema. "Immer noch kein Totimpfstoff", heißt es in der Facebook-Gruppe. In das Präparat von Valneva - derzeit von der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA geprüft - hatte sie dagegen Hoffnungen gesetzt. Aber: Ein "neuer Wirkverstärker" lässt sie zögern, sie wolle erstmal sehen, "wie sich das entwickelt". Also wartet Sonja Rothfelder weiter, bleibt die einzige Erwachsene in ihrer Familie, die keinen wirksamen Schutz gegen Covid-19 hat.

Ihr Mann geimpft, ihre Eltern "sogar geboostert". Sonja Rothfelder fährt mit den Fingern durch ihre dunklen Locken, sie sind noch nass. Ihren Sport macht sie jetzt zuhause, ins Fitnessstudio darf sie nicht, sagt: "Also für mich persönlich ist das natürlich deprimierend, dass man als Ungeimpfte derart ausgeschlossen wird vom gesellschaftlichen Leben." Doch sie komme damit klar, ihre Gesundheit sei ihr wichtiger.

Bei der Tuberkulose-Impfung trat eine unerwünschte Nebenwirkung auf

1975, als Sonja Rothfelder noch ein Säugling war, hatte sie eine Impfung erhalten: Die Bacille Calmette-Guérin-Impfung (BCG) zum Schutz vor der Lungenkrankheit Tuberkulose. Seit 1998 empfiehlt die Ständige Impfkommission am RKI die BCG-Impfung nicht mehr - das Risiko an Tuberkulose zu erkranken ist in Deutschland zu gering. Die BCG-Impfung mit lebenden Bakterien gilt als schmerzhaft, oft gibt es Narben an der Einstichstelle. Bei Sonja Rothfelder, damals gerade drei Tage auf der Welt, kam es zu einer unerwünschten Nebenwirkung: ein schmerzhafter eiternder Abszess. Ihre Eltern erzählten ihr später, wie sie das erste halbe Jahr ihres Lebens durchgeschrien habe, keine Gummiwindeln tragen konnte, weil alles wund war.

Trotz dieses Erlebnisses ließen Rothfelders Eltern ihr alle weiteren Impfungen geben. Auch Rothfelders eigene Kinder haben die üblichen Impfungen erhalten - "Augen zu und durch", sei das aber jedes Mal gewesen, sagt sie. Zwei Tage, nachdem ihre jüngere Tochter die Masern-Mumps-Röteln und Meningokokken-Impfung erhielt, hätten sich Bläschen im Windelbereich gezeigt. Erst zwei Jahre später seien sie ganz verblasst gewesen, sagt Rothfelder. Und trotzdem: Mit der Zeit habe auch die Narbe an ihrer Hüfte keine große Rolle mehr für sie gespielt, mit dem Thema Impfen habe sie sich lange Jahre nicht mehr beschäftigt. Aber seit einem Jahr sei die Narbe wieder da. "Ich nehme sie wieder wahr, ich sehe sie. Ich fühle sie."

So wie sie es sieht, war sie schon einmal solidarisch - und wurde gestraft

Als über die Entwicklung neuer Impfstoffe gegen das Coronavirus berichtet wird, meldet sich in Sonja Rothfelder die alte Angst. Sie beginnt sich mit den BCG-Impfungen zu beschäftigen, liest in einem Spiegel-Bericht von 1977, dass 1975 der BCG-Impfstoff eines Herstellers wegen unerwünschter Nebenwirkungen eine Zeitlang aus dem Verkehr gezogen worden war. Sie fragt bei ihrer Mutter nach. Die sagt ihr, die Ärzte hätten ihre Sorge damals abgetan. Und Sonja Rothfelder beschleicht ein ungutes Gefühl. Als werde etwas vertuscht, so beschreibt sie es, als würden Informationen über die Nebenwirkungen von Impfstoffen zurückgehalten oder verharmlost.

Heute ist Sonja Rothfelder überzeugt: In ihrer Jugend sei sie häufig krank gewesen, weil die Impfungen ihr Immunsystem aus dem Gleichgewicht gebracht hätten. So wie sie es sieht, ist es nicht unsolidarisch, wenn sie sich heute nicht gegen Corona impfen lässt. Zwei Mal sei sie schon das Versuchskaninchen gewesen, sagt sie - einmal als Baby und ein zweites Mal bei der Impfung ihrer jüngeren Tochter.

"Ich war schon einmal das Kind, das es getroffen hat. Deshalb möchte ich das Risiko nicht eingehen, nochmal die Person zu sein, die es trifft."

Sie könne natürlich nicht beweisen, dass die Impfungen ihr dauerhaft geschadet hätten, sagt sie, aber ihr Vertrauen sei weg und könne auch nicht wiederhergestellt werden. Egal, wie viele Real-Life-Daten mit den Corona-Impfstoffen noch gesammelt werden auf der ganzen Welt. Gegen Rothfelders Angst kommen sie nicht an.

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Sie leugnet Corona nicht, fühlt sich aber auch nicht gefährdet

Was, wenn sie sich mit dem Coronavirus infiziert, an Covid-19 erkrankt, einen schweren Covid-Verlauf hat, danach an Long-Covid leidet? Sie gehöre nicht zur Risikogruppe, sagt sie. Sie treibe Sport, habe keine Vorerkrankungen. Sie schaue sich die Corona-Zahlen an, das DIVI-Intensivregister, die Todeszahlen. Daraus zieht sie ihre eigenen Schlüsse.

Auch wenn Wissenschaftlerinnen und Ärzte etwas ganz anderes sagen: In Rothfelders Augen ist das Risiko bei einer Impfung für sie höher, als durch das Coronavirus ernsthaft krank zu werden. "Ich leugne die Krankheit nicht. Die ist da. Ich leugne auch nicht, dass die Intensivstationen sehr belegt waren. Aber ich habe auch etwas für meine Gesundheit getan." Im Herbst 2020 habe sie angefangen, Vitamin-D und Zink-Präparate einzunehmen.

Demos gegen Impfpflicht, aber keine Querdenkerin

Sonja Rothfelder lebt in einem kleinen Ort im Schwarzwald. Drei Mal ist sie nun schon ins nahe Freiburg gefahren, um zu demonstrieren. Damit die Impfpflicht nicht kommt. Nicht nur für sich. Für ihre beiden Töchter, neun und elf Jahre alt, gehe sie auf die Straße. Samstags, angemeldete Demos, alles legal. Eine "Spaziergängerin" sei sie nicht, sagt Rothfelder, "'Querdenken' und Randale machen ist nichts für mich", von Rechtsradikalen distanziert sie sich ausdrücklich.

Aber sie wolle sich in ihre Impfentscheidung nicht hineinreden lassen. Auch wenn das zunehmend zur Belastung werde, sagt sie, auch für ihre Ehe. Wenn ihr Mann am Wochenende etwas mit den beiden Töchtern unternimmt, kann Sonja Rothfelder wegen der Corona-Regeln häufig nicht dabei sein.

"Für die Kinder ist es natürlich nicht ganz leicht. Da kommt manchmal schon: Mama, es wäre schön, wenn du dabei wärst."

Aber ihre Kinder wüssten ja, warum die Mama sich nicht impfen lassen wolle.

Der Politik vertraut sie nicht mehr

Ihr persönliches Umfeld verändere sich gerade. "Menschen, die vehement für die Impfung sprechen, die meide ich. Doch es tun sich immer neue Türen auf. Ich komme damit klar." Ihrem Mann hat sie gesagt, den Familienurlaub im Sommer müssten sie so planen, dass er im Notfall alleine mit den Kindern gehen könne. Man wisse ja nicht, welche Einschränkungen für sie als Ungeimpfte noch kämen. Der Politik vertraut sie nicht mehr.

"Wenn alle Stricke reißen und das hier ganz, ganz schlimm wird mit der Impfpflicht oder so. Dann muss ich vielleicht mal alleine eine Weile ins Ausland. Ich habe Ersparnisse, ich könnte mir das tatsächlich leisten."

Aber wegen ihrer beiden Töchter will sie das nicht. "Meine Kinder sind das Wichtigste."

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Was ist, wenn ihre Kinder sich einmal gegen das Coronavirus impfen lassen möchten? Rothfelder macht im Videotelefonat ein Geräusch zwischen Lachen und trockenem Husten. "Das wird nicht passieren." Sie müsse das als Mutter ja verantworten: "Was glauben Sie, wie mich das treffen würde, wenn mein Kind einen Impfschaden hätte? Wo ich doch selbst keine guten Erfahrungen gemacht habe." Rund 1,24 Millionen Menschen in Baden-Württemberg zwischen 18 und 59 Jahren sind noch nicht gegen Corona geimpft. Sonja Rothfelder ist eine von ihnen.

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