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Wer hat in Stuttgart am Wochenende randaliert? Diese Frage treibt derzeit nicht nur die Polizei und Politik um. Ein Medienexperte hält die Ausschreitungen auch für einen Schrei nach Aufmerksamkeit.

Nach den Krawallen in Stuttgart am Wochenende beginnt die Aufarbeitung der Ereignisse. Dabei wird auch zu klären sein, wer die Menschen waren, die randaliert haben. Nach den bisherigen Erkenntnissen geht die Polizei davon aus, dass sie zur Partyszene der Stadt gehören. Bemerkenswert ist, dass einige den Gewaltexzess live ins Internet gestreamt haben. Die Motivation dahinter erklärt Marcus Kleiner. Er ist Medienexperte der Hochschule der Populären Künste in Berlin. 

SWR: Wie schätzen Sie das ein, dass Teilnehmer der Stuttgarter Krawalle die Taten ins Internet gestreamt haben?

Marcus Kleiner: Das hat mich nicht verwundert. Denn das ist bei vielen Gewalttaten, die wir in den letzten Jahren im öffentlichen Raum erlebt haben, eine übliche Praxis von Gewalttätern. Sie stellen ihre vermeintlich "glorreichen Taten" ins Netz, um dafür Applaus zu bekommen. Um dann zu sagen: 'Schaut her, ich hab's getan. Bewundert mich. Habt Angst vor mir.' Und das nimmt leider in den vergangenen Jahren in erschreckendem Maße zu.

Marcus Kleiner ist Medienexperte der Hochschule der Populären Künste in Berlin. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa)
Medienexperte Marcus Kleiner wundert sich, "dass es Stuttgart so hart getroffen hat". picture alliance/dpa

Gibt es den erhofften Applaus überhaupt?

Es wird in diesen Netzwerken, in denen man sich befindet, Aufmerksamkeit geschenkt. Und Aufmerksamkeit ist eine Art Applaus. Das heißt ja nicht, dass man die Taten gut finden und unterstützen muss. Aber, man sieht sie sich an und man sieht, wer sie ins Netz gestellt hat. Und durch diese Aufmerksamkeit kommen dann in den Blasen des Internets neue Aufmerksamkeitsblasen dazu und plötzlich ist es ein virtuelles Thema, ein gesellschaftliches Thema. Die Medien berichten darüber. Und damit bekommt man automatisch Applaus, auch negativen Applaus.

Das Vorgehen erinnert an eine Guerilla-Taktik. Kann so etwas spontan passieren oder vermuten sie eine Organisation dahinter?

Das ist schwer zu beurteilen, weil wir noch wenig wissen. Dass man sich aufteilt, ist natürlich eine bekannte Guerilla-Taktik. Aber Guerilla-Taktik bedeutet ja, aus dem Verborgenen heraus zu handeln. Das war die Straße, der Innenraum der Innenstadt, aus der heraus die Gewaltgruppen heraus agiert haben, um die Polizei herauszufordern. Es wurde geplündert, zerstört, das hat nichts mit Protestkultur zu tun. Die Rückeroberung der Straße, die wir bei "Fridays for Future" sehen - mit einem verantwortlichen politischen Verhalten, man erhebt die Stimme - das ist Protest. Was ich hier gesehen habe, war die reine Lust an der Zerstörung und an dem Thrill, den das vermittelt.

Ist es Zufall, dass es jetzt in Stuttgart passierte?

Das kann in jeder anderen Stadt auch passieren. Ich kenne Stuttgart gut und es wundert mich, dass es Stuttgart so hart getroffen hat. Aber es ist ein Phänomen, mit dem wir mittlerweile in jeder Großstadt in Deutschland rechnen müssen.

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