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Zwischen Pizza-Flyern und Gemeindeblättchen: Für viel Ärger hat in den vergangenen Wochen ein Flugblatt gesorgt, das viele Baden-Württemberger in ihren Briefkästen gefunden haben. Darauf wurde vor den Corona-Maßnahmen gewarnt.

Eigentlich ist der tägliche Gang zum Briefkasten für Sebastian Engelmann Routine und kein Ärgernis gewesen. Das änderte sich aber vor rund drei Wochen schlagartig, als der Grünen-Stadtrat aus Marbach am Neckar (Kreis Ludwigsburg) ein Flugblatt zwischen seiner Post fand. Darauf steht, dass das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung als Schutz gegen das Coronavirus nicht nur sinnlos, sondern schädlich sei - gerade für Kinder. Es drohe ein Kreislaufkollaps.

Besonders schlimm für Engelmann: "Der Flyer sieht seriös aus, als wäre er sachlich fundiert." Genau das ist seiner Meinung nach das Perfide daran. "Denn es stecken gezielte Desinformationen und falsche Tatsachenbehauptungen darin." Engelmann vermutete, dass das Flugblatt von der Querdenken-Bewegung stammt. Die Gegner der Corona-Maßnahmen beschränken sich längst nicht mehr nur auf soziale Medien, um ihre Inhalte zu verbreiten.

Querdenker Roll will "sofortiges Ende der Corona-Maßnahmen"

In diesem Millieu bewegt sich auch der ehemalige Grünen-Kreisrat Andreas Roll. Er organisiert seit Pfingsten Protestveranstaltungen der Querdenker auf der Marbacher Schillerhöhe. Dort machte er am vergangenen Montag klar, was er und seine Mitstreiter von den derzeitigen Regeln halten: "Wir stehen für Wahrheit, Freiheit und Frieden und wir möchten das sofortige Ende der Corona-Maßnahmen, besonders der unsäglichen Maskenpflicht. Vor allem in der Schule für kleine Kinder."

Andreas Roll bei einer Protestveranstaltung der Querdenken-Bewegung in Marbach am Neckar (Foto: SWR)
Querdenker Andreas Roll sagt, er habe den Flyer nicht verteilt.

Angesprochen auf den Flyer, sagte Roll: "Ich habe ihn nicht verteilt." Er wisse auch nicht, wer ihn verteilt habe. "Aber es gibt ja viele Menschen aktuell, die Informationsmaterial weitergeben", ergänzte er. Auch andere Teilnehmer der Protestveranstaltung sagten dem SWR, sie hätten den Flyer nicht verteilt. Seinem Inhalt stimmen sie aber zu. "Masken sind schädlich, besonders für Kinder", sagte einer der Anwesenden. Ein anderer berichtete, er sei Lehrer und bekomme die negativen Auswirkungen der Maskenpflicht täglich mit: "Ich habe heute Nachmittag wieder zwei Kinder gehabt, die über Kopfschmerzen geklagt haben."

Die Verfasser des Flugblatts behaupten, man bekomme mit Mund-Nasen-Schutz kaum Sauerstoff, sondern atme zu viel schädliches Kohlenstoffdioxid ein. Davon ist auch Andreas Roll überzeugt: "Das ist ja eine physikalische Tatsache, dass Sie mehr Kohlendioxid rückatmen mit Maske als ohne. Das ist ein Faktum."

Lungenexperte: "Keine Hinweise" auf zu wenig Sauerstoff wegen Maske

Anders sieht das Tobias Merk. Er ist Lungenexperte des Klinikums Ludwigsburg. Auf eine mangelnde Sauerstoffzufuhr und erhöhte Kohlendioxidwerte wegen der Maske gebe es "überhaupt keine Hinweise", sagte Merk dem SWR. "Diese Masken sind für alle Atemgase vollkommen durchlässig. Die Poren sind um ein Vielfaches größer als jedes Atemgas - also Sauerstoff und Kohlendioxid. Darum ist es vollkommen unplausibel, warum jemand einen Sauerstoffmangel erleiden sollte."

Doch was ist mit der Wirkung? Schützen Masken vor dem Coronavirus? Darauf gebe es "keine Hinweise", steht auf dem Flugblatt. Merk vom Klinikum Ludwigsburg widerspricht. "Viren sind eben nicht allein unterwegs, sondern Viren sind in oder an Tröpfchen gebunden. Diese Tröpfchen sind so groß, dass sie in der Maske hängenbleiben", sagte der Lungenexperte. "Da ist zumindest davon auszugehen, dass bis zu 80 Prozent der Tröpfchen zurückgehalten werden, die wir beim Sprechen oder beim Husten von uns geben." Nach einer Metastudie geht mittlerweile auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) davon aus, dass Maskenträger nicht nur das Ansteckungsrisiko für andere, sondern auch für sich selbst deutlich reduzieren.

Tobias Merk, Lungenexperte des Klinikums Ludwigsburg (Foto: SWR)
Mediziner Tobias Merk ist überzeugt davon, dass die Masken vor dem Coronavirus schützen.

Flugblätter stammen von Sinsheimer Querdenker Schiffmann

Sebastian Engelmann ließen die Flugblätter keine Ruhe. Er wollte wissen, wer dahinter steckt. Im Kleingedruckten entdeckte er den Namen Bodo Schiffmann. Dieser stammt aus Sinsheim (Rhein-Neckar-Kreis), ist HNO-Arzt und einer der Wortführer der Querdenken-Bewegung. Auf Twitter fand Engelmann ein Video von Schiffmann. Darin appelliert der Mediziner eindringlich an sein Publikum: "Kinder sterben, weil sie Masken tragen - gegen eine Erkrankung, die es nicht gibt". Eine Behauptung, für die es keine Belege gibt. "Schiffmann macht auf mich einen sehr verstörenden Eindruck. Er hat ein wutverzerrtes Gesicht. Er schreit, er brüllt, er heult", sagte Engelmann. "Eigentlich ist es schon beängstigend, dass so eine Person, ein führender Kopf der Querdenker ist."

Sebastian Engelmann hält den Flyer in den Händen (Foto: SWR)
Stadtrat Sebastian Engelmann ist sauer wegen der Desinformationen in seinem Briefkasten.

SWR-Recherchen zeigen, dass Schiffmann seine Flugblatt-Aktionen in öffentlichen Telegram-Gruppen mit zehntausenden Mitgliedern organisiert. Seine Anhänger nennen sich "Freiheitsboten". Eine Interviewanfrage des SWR beantwortete Schiffmann nicht. Auf einer Internetseite werden für Baden-Württemberg 73 Ortsgruppen der sogenannten Freiheitsboten aufgelistet. In etlichen Gemeinden im Land sind die Flugblätter mittlerweile im Umlauf - neben Marbach am Neckar auch in Mannheim, Bretten (Kreis Karlsruhe) oder Schriesheim (Rhein-Neckar-Kreis). Außerdem gibt es weitere Gruppen, die sich organisiert haben. So ist beispielsweise die Initiative "Eltern stehen auf" mit diversen Ortsgruppen aktiv und hat Flyer am Bodensee verteilt.

Stadtrat Engelmann geht gegen Flugblätter vor

Der Inhalt der Flugblätter löst unterschiedliche Reaktionen bei den Menschen aus. "Ich denke, teilweise ist vielleicht schon was dran irgendwie an dem Ganzen", sagte eine Passantin im Kreis Esslingen. Eine andere denkt, dass die Masken "schädlich sind". Die Flyer verunsicherten viele, sagte eine Frau, die gerade vom Einkaufen kam. Sie kenne viel, "die total ängstlich darauf reagieren und nicht wissen, was sie machen sollen."

Gegen diese Verunsicherung wollte der Marbacher Stadtrat Sebastian Engelmann etwas unternehmen. Auf seine Initiative hin wendet sich der Bürgermeister der Stadt nun in einem Brief an alle Bürgerinnen und Bürger. Demnächst wird es in Marbach also wieder Corona-Post geben - mit einer Warnung vor dem Virus und vor den Verharmlosern.

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