Florence Brokowski-Shekete ist die erste Schwarze Schulamtsdirektorin in Baden-Württemberg. (Foto: Florence Brokowski-Shekete )

ARD-Themenwoche "WIR GESUCHT"

Auch Smalltalk ist politisch - Wie eine Mannheimer Pädagogin Vorurteile bekämpft

STAND
AUTOR/IN
Susanne Babila

Florence Brokowski-Shekete ist die erste Schwarze Schulamtsdirektorin in BW. In Seminaren setzt sie sich für Verständigung ein - und erklärt, warum übers Wetter sprechen auch politisch sein kann.

Florence Brokowski-Shekete hat eine steile Karriere hingelegt. Die 55-Jährige aus Mannheim weiß nur allzu gut, wie schwer es ist, sich als Schwarze Frau hochzuarbeiten. Als Lehrerin, später als Schulrätin und heute als Schulamtsdirektorin müsse sie sich immer wieder rechtfertigen. Die Vorurteile spüre sie subtil und manchmal habe sie auch gehört, dass "so eine wie sie eigentlich gar nicht Schulleiterin werden kann".

Florence Brokowski-Shekete im Gespräch - den Podcast mit weiteren Protagonistinnen und Protagonisten können Sie in der ARD Audiothek hören:

Sprachkenntnisse beim Smalltalk unter Beweis stellen

Doch Florence Brokowski-Shekete ließ sich nicht einschüchtern, schließlich ist sie nach eigenen Angaben ein wandelndes "Cultural Awareness Seminar". Heute ist sie Autorin, interkulturelle Trainerin und Schulamtsdirektorin. Ihre Strategie: Sie rede erstmal übers Wetter, "damit alle verstehen, dass ich ihre Sprache spreche und das auch nicht gebrochen. Das ist schon mal eine Brücke. Und dann werden auch ein paar Paragraphen genannt, damit einfach klar ist. Aha, da hat jemand Ahnung."

Florence Brokowski-Shekete wuchs bei ihrer Pflegemutter, Irmgard Brokowski, auf. Einer alleinstehenden Schneiderin, Mitte 40, vertrieben aus Stettin. (Foto: privat Florence Brokowski-Shekete)
Florence Brokowski-Shekete wuchs bei ihrer Pflegemutter, Irmgard Brokowski, auf. Einer alleinstehenden Schneiderin, Mitte 40, vertrieben aus Stettin. privat Florence Brokowski-Shekete

Schon als Kind fiel sie immer auf. In Buxtehude bei Hamburg war "Flori" das einzige Schwarze Kind und wuchs bei ihrer späteren Adoptivmutter, Irmgard Brokowski, auf. Eine alleinstehende Schneiderin, Mitte 40. Der hiesige Pfarrer hatte 1969 die zweijährige Florence Olatunde Gbolajoko Oluwadamilare vermittelt.

Ihre leiblichen Eltern waren aus Nigeria zum Studium nach Deutschland gekommen und hatten so gut wie keine Zeit. Als die Eltern in ihre Heimat zurückkehrten, war Florence neun Jahre alt und wollte in Buxtehude bleiben. Doch die Eltern nahmen sie mit, gegen ihren Willen.

Mehrfach fremd gefühlt

Doch Nigeria und das Volk ihrer Eltern, die Yoruba, blieben ihr fremd. "Das war für mich ein Verpflanzen in eine komplett andere Welt." Sie sei mit Menschen zusammen gewesen, die sie nicht kannte und auch die Eltern seien ihr eigentlich fremd gewesen. Ihr emotionales Zuhause war in Buxtehude. Die damals 12-Jährige wurde in Nigeria schwer krank und kehrte wieder zu ihrer "Herzensmama" zurück, wie die 55-Jährige ihre verstorbene Pflegemutter bis heute liebevoll nennt.

Die Hautfarbe entscheidet nicht über das Wir-Gefühl

Ein Wir-Gefühl habe nichts mit Blutverwandtschaft zu tun, sondern mit emotionaler Nähe, erklärt sie. "In Nigeria habe ich mich ja auch nicht als 'Wir' gefühlt, obwohl dort alle Schwarz waren. Denn ich bin deutsch sozialisiert worden."

"Alleine die Hautfarbe ist nicht schuld, dass man sich fremd fühlt, sondern man kann sich auch fremd fühlen, wenn man innerlich nicht dazugehört." 

WIR GESUCHT – das Projekt zur ARD-Themenwoche Mehr als 1000 Meldungen

Wir fragen: Wo erleben Sie Konflikte in unserer Gesellschaft? Und welche Projekte gibt es für ein besseres Miteinander? Machen Sie mit!  mehr...

Warum Stereotype schaden

Stereotype wie "alle Deutschen sind pünktlich", "Mädchen mögen rosa" oder "Musliminnen tragen Kopftuch" verstellen laut Brokowski-Shekete den Blick und behindern Offenheit und Toleranz gegenüber Anderen. Mit Klischees wie Schwarze könnten gut singen oder seien supersportlich hat sie schon ihr ganzes Leben zu tun, erklärt sie lächelnd.

Genau das greift sie als Trainerin in ihren Schulungen für interkulturelle Kommunikation auch auf. Sie stellt den Teilnehmenden Fragen wie: Welche Stereotype oder Vorurteile bestimmen unseren Umgang mit Anderen? Was ist uns davon nicht bewusst? Wie können wir lernen, mit Fremdheit umzugehen und was müssen wir wissen, um in einer diversen Welt miteinander ohne Missverständnisse zu kommunizieren? In einer globalen Welt sei interkulturelle Kompetenz im Alltag, in Beruf und in der Schule wichtig, ist Brokowaki-Shekete überzeugt. Nur so könnten wir uns gegenseitig verstehen und Barrieren im Umgang miteinander überwinden - und das Gefühl entwickeln zusammenzugehören.

"Wirklich die Schubladen aufmachen und gucken, was ist da drin und wo packe ich auch Leute in diese Schubladen, die da gar nicht rein möchten?"

Nur so könne ein Wir-Gefühl entstehen. Ihr aktuelles Buch "Raus aus den Schubladen! Meine Gespräche mit Schwarzen Deutschen" greift das auf. Dazu gehört auch ihre Idee, schwarze Menschen zu porträtieren, die in ganz normalen Berufen arbeiten. Das seien Karrieren abseits derer "die für uns praktisch angedacht sind wie Sängerin, Tänzerin oder Sportlerin, sondern eine Gynäkologin, ein Betriebswirt, ein Sozialökonom, ein KFZ-Mechaniker".

Was es für ein Wir-Gefühl braucht?

Ein Wir-Gefühl in unserer Gesellschaft beginne nun mal nicht zuletzt in den deutschen Klassenzimmern. Für die eloquente und engagierte Mittfünfzigerin als Schulamtsdirektorin eine Herzensangelegenheit. In dieser Funktion ist sie die Ansprechpartnerin für Schulleitungen in der Region Mannheim.

"Als Pädagogin möchte man erklären und so lange erklären, bis es auch der Letzte verstanden hat."

Denn hört man Florence Brokowski-Shekete zu, klingt es gar nicht so kompliziert: Sie findet es wichtig, dass mehr Menschen mit Migrationsgeschichte als Vorbilder in den Schulbetrieb gehen und interkulturelles Training verpflichtend in Lehrpläne und als Fortbildungen für Lehrkräfte verankert wird.

Engagieren auch Sie sich in einem Projekt, das anderen hilft und Konflikte überwindet oder Menschen zusammenbringt, die sonst nicht miteinander reden würden? Dann machen Sie mit bei "WIR GESUCHT - das Projekt". Die Mitmachaktion im Rahmen der ARD Themenwoche sammelt Projekte, die das Wir in der Gesellschaft stärken, auf einer interaktiven Deutschlandkarte:

Mehr zur ARD Themenwoche "WIR GESUCHT - was hält uns zusammen?"

Ravensburg

Die Wohnrauminitiative der Caritas öffnet Türen Ein Zuhause für Geflüchtete in Ravensburg

Familie Chafik-Kasou aus Syrien hat den ersten eigenen Mietvertrag in Ravensburg. Das hat sie mithilfe der Wohnrauminitiative "herein" der Caritas von der Diözese Rottenburg-Stuttgart geschafft.  mehr...

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR Fernsehen BW

Stühlingen

ARD Themenwoche Nachbarschaftsverein Stühlingen: Erfolgreiches Zuammenleben auf dem Land

Seit zehn Jahren verbindet der Nachbarschaftsverein Stühlingen Menschen auf dem Land und verbessert ihr Zusammenleben. Die Nachfrage ist groß und Ideen haben sie noch viele.  mehr...

SWR4 BW aus dem Studio Freiburg SWR4 BW Südbaden

ARD Themenwoche 2022 WIR GESUCHT - Was hält uns zusammen?

Gespaltene Gesellschaft oder gelebte Solidarität? Wo stehen wir? Die ARD Themenwoche beschäftigt sich vom 6. bis 12. November 2022 mit dem „Wir“.  mehr...

STAND
AUTOR/IN
Susanne Babila