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Schon in drei bis vier Wochen könnten Menschen in Baden-Württemberg in Impfzentren gegen das Corona-Virus geimpft werden. Das sagt Ingo Autenrieth, Vorstandschef und Leitender Ärztlicher Direktor des Heidelberger Universitätsklinikums, im SWR-Interview.

SWR Aktuell: Wie viele Covid-19-Patienten werden bei Ihnen Stand jetzt auf den Intensivstationen behandelt und wie viele davon müssen beatmet werden?

Prof. Dr. med. Ingo Autenrieth: Stand heute (20.11.20) haben wir am Universitätsklinikum Heidelberg inklusive der Thoraxklinik 24 Patienten mit Covid-19-Erkrankung auf der Intensivstation, 16 dieser Patienten werden invasiv beatmet.

SWR Aktuell: Können Sie es schon absehen, wann es mit dem Platz auf den Intensivstationen im Uniklinikum eng wird wegen der vielen Corona-Fälle?

Autenrieth: Wir haben im Universitätsklinikum über 200 Intensivbetten. Insofern haben wir genügend Betten. Aber die sind natürlich derzeit überwiegend auch mit Patienten belegt, die an schweren intensivpflichtigen Erkrankungen leiden. Wir haben aber aus Vorsicht einige dieser Betten jetzt schon freigehalten. Wir haben einen Stufenplan, falls die Corona-Zahlen weiter ansteigen, ab wann wir definitiv in größerem Umfang Betten freihalten, um jederzeit alle Patienten mit schwerer Covid-19-Erkrankung hier im Klinikum bedarfsgerecht versorgen zu können.

Nur wenige planbare Operationen werden verschoben

SWR Aktuell: Müssen planbare Operationen im Uniklinikum bereits verschoben werden?

Autenrieth: Wir hatten in der vergangenen Woche, nachdem die Corona-Zahlen die 14 Tage vorher kontinuierlich angestiegen sind, mit unseren Kolleginnen und Kollegen auf der Chirurgie und Kardiologie gesprochen, dass wir vorsichtig agieren und tatsächlich von Tag zu Tag planen müssen. Derzeit ist es aber so, dass wir planbare Operationen kaum verschieben müssen, und wenn dann nur ganz wenige. Wir versuchen alles, was planbar oder wirklich notwendig ist, auch jetzt in jedem Fall zu versorgen. Aber wir schauen jeden Tag neu: Wie viele Fälle haben wir und was sagt uns die Prognose? Wie viele Patienten sind jetzt in der Region noch Corona-positiv geworden und kommen möglicherweise innerhalb der nächsten Tage zu uns ins Klinikum? Und wie groß kann dann möglicherweise der Anteil derer sein, die Intensiv-Versorgung brauchen? Bisher sind wir tatsächlich sehr stabil und können jederzeit die, die es brauchen, auch aufnehmen.

SWR Aktuell: Muss irgendjemand Angst haben, dass Notfälle wie Herzinfarkt, Schlaganfall und sonstige akute Fälle nicht wie sonst im Klinikum behandelt werden können?

Autenrieth: Diese Sorgen sind derzeit nicht begründet. Wie gesagt, wir sind in der Lage, mit unseren 200 Intensivbetten jederzeit alle notwendigen komplexen Erkrankungen, Schlaganfälle, Herzinfarkte oder sonstige Notfälle und intensivmedizinische Versorgung in vollem Umfang zu leisten, weil es seit dieser Woche stabil ist. Das heißt: Die Situation ist nach einem Anstieg der vergangenen beiden Wochen und in dieser Woche auf hohem Niveau stabil geblieben sind, was die Fallzahlen angeht. Sie ist nicht weiter angestiegen. Insofern sagen wir auch allen Patientinnen und Patienten und der Bevölkerung: Wenn Sie glauben, Sie müssen ins Klinikum, dann kommen Sie und lassen sich behandeln. Da gibt es keine Einschränkung aktuell.

SWR Aktuell: Immer wieder gibt es ja Berichte, nach denen Klinikpersonal trotz positiven Corona-Test arbeitet oder arbeiten muss. Ist es auch bei Ihnen schon so gewesen oder ist es aktuell so bei Ihnen?

Autenrieth: Nein. Wenn jemand positiv getestet wurde, ist er ganz klar nicht im Klinikum, sondern bleibt zu Hause, bis er gesund ist und negativ getestet ist. Wir haben derzeit glücklicherweise noch eine stabile Anzahl von Mitarbeitern, die gesund sind und ins Klinikum kommen können. Aber ich höre aus anderen Häusern, dass dann entweder tatsächlich erkrankte Personen und auch Kontaktpersonen in die Quarantäne müssen und insofern wird die Personaldecke immer dünner. Bei uns ist sie auch schon etwas dünner geworden. Aber weniger aus Erkrankungsfällen, sondern aus Quarantäne-Situationen. Aber die Situation ist noch stabil.

Zu wenig intensivmedizinisches Personal generelles Problem

SWR Aktuell: Es ist ja zuletzt auch immer wieder Thema gewesen, dass es zu wenig Pflegepersonal gibt, das die Beatmungsgeräte auch bedienen kann. Wie ist das im Uniklinikum Heidelberg?

Autenrieth: Als Universitätsklinikum sind wir in der glücklichen Situation, tatsächlich ausgezeichnete Pflegekräfte zu haben, die im intensivmedizinischen Bereich auch hervorragend geschult sind. Aber es ist ein generelles Problem in deutschlandweit allen Klinika, auch den Uniklinika, genügend intensivmedizinisches Personal zu haben. Aber im Augenblick ist da bei uns die Situation stabil. Aber man muss schon sagen, dass diese Fachkräfte enorm belastet sind, weil sie einfach jeden Tag ihr Bestes geben. Wir würden uns wünschen, dass wir deutlich mehr hätten, damit auch mal die Kolleginnen und Kollegen durchschnaufen können und nicht nur immer jeden Tag von der ersten Sekunde bis zur letzten Sekunde des Dienstes und darüber hinaus in dieser Verantwortung stehen. Das ist schon eine belastende Situation hier im Klinikum, wie auch in den anderen Klinika in Deutschland.

Komplexe Abläufe durch geplante Impfzentren

SWR Aktuell: Am Freitag hat das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin einen neuen Höchststand an Corona-Neuinfektionen gemeldet - mehr als 23.600. Wie sehr sehnen Sie den Impfstoff herbei? Die Kanzlerin hat sich ja zuletzt optimistisch geäußert, sprach von Dezember oder schnell nach der Jahreswende…

Autenrieth: Wir sind mit Blick auf diese Zahlen, die deutschlandweit nach wie vor auf sehr hohem Niveau bleiben, sehr besorgt. Auch was eventuell noch steigende Zahlen betrifft, was dann die Versorgungssituation im Uniklinikum Heidelberg kritischer machen würde. Insofern ist die große Hoffnung der Impfstoff. Wir hören, dass wir möglicherweise schon Mitte Dezember in Baden-Württemberg Impfzentren aufbauen. Wir treffen dort auch schon Vorbereitungen. Da geht’s nicht nur um den Aufbau von Impfzentren, sondern auch darum, den Impfstoff zu bekommen. Die Vorbereitungen dafür laufen auf Hochtouren. Das sind komplexe logistische Abläufe. Wir gehen davon aus, dass das noch drei bis vier Wochen dauert. Wir wissen noch nicht genau, wann wir den Impfstoff bekommen. Aber wenn er da ist, sind wir "auf Standby" und können jederzeit loslegen.

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